Menschliches Mikrobiom Umzug mit Bakteriengepäck

Wenn Menschen umziehen, packen sie nicht nur Möbel und Bücher ein - die persönliche Bakterienflora zieht mit. Macht man andere Menschen damit krank? Forscher wagten das Experiment.

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Argonne National Laboratory

Bleibt alles in der Familie. Auch bei Jack Gilbert, Mikrobiologe an der University of Chicago. Für sein Forschungsprojekt hat er einfach sein direktes Umfeld untersucht und festgestellt: Seine Familie besteht nicht nur aus Mutter, Vater, Sohn - sie hat auch ein eigenes Mikrobiom: eine individuelle Bakteriengemeinschaft, die bei den Gilberts lebt und bei Bedarf sogar mit umziehen würde.

Über diese spezielle Familienbande berichten Gilbert und Kollegen jetzt in einer Studie im Fachmagazin "Science".

Die Erkenntnis, dass wir unsere persönliche Bakterien-Community beherbergen, ist vielleicht nicht neu, dass wir aber auch der Umwelt unseren bakteriellen Stempel aufdrücken und mit unseren Bakterien umziehen, ist noch nie so umfangreich untersucht worden. Gilbert und Kollegen analysierten nicht nur die Interaktionen zwischen Menschen und die sie umgebenden Bakterien. Sie schauten auch, wie das Zusammenleben die menschliche Gesundheit beeinflusst.

Dafür untersuchten die Wissenschaftler des "Home Microbiome Project" neben den Gilberts sechs weitere Familien, nahmen Proben in insgesamt zehn Häusern, von drei Hunden und einer Katze. Drei der Familien zogen im Untersuchungszeitraum um. Über sechs Wochen wischten die Probanden regelmäßig Türklinken, Hunderücken, Lichtschalter oder Fußsohlen mit Wattestäbchen ab und sammelten so die Spuren ihrer Bakterien.

Wer oder was lebt auf dem Fuß? Probenahme bei Sohn Dylan Gilbert
Jack A. Gilbert

Wer oder was lebt auf dem Fuß? Probenahme bei Sohn Dylan Gilbert

Aus vier Millionen Erbgutsequenzen identifizierten die Forscher rund 22.000 verschiedene Bakterienarten - pro Familie zwischen 2000 und 20.000.

Anhängliche Bakterien

Die Bakterien kleben an uns also wie die Mücken am Kuhfladen. Das wurde den Forschern besonders deutlich bei den Familien, die ihren Wohnsitz wechselten. So zog eine der untersuchten Familien aus einem Hotel in ein Haus. Das Erstaunliche: Schon nach 24 Stunden war ihr neues Haus mikrobiologisch nicht mehr von ihrem Hotelzimmer zu unterscheiden.

"Mich hat vor allem die Geschwindigkeit überrascht, mit der die Bakterien-Community eines Menschen eine neue Umgebung besiedelt und wie robust dieses mitziehende Mikrobiom ist", sagt Jack Gilbert. "Die Oberflächen, der Staub, das Badezimmer sind ratzfatz mit unseren Bakterien bevölkert. So nehmen wir jeden Raum ein, indem wir uns länger als nur ein paar Stunden aufhalten." Das sollte die Leute weniger nervös machen, wenn sie ein Hotelzimmer beziehen, sagt Gilbert.

Mit im Gepäck haben wir aber nicht nur die harmlosen Bakterien - auch krankheitserregende Keime sind darunter. Ob sich allerdings außer Schnupfen und Durchfall auch chronische Krankheiten mit unserem Mikrobiom verbreiten, ist noch nicht nachgewiesen.

"Ich glaube nicht, dass, wenn wir einmal unsere Hand auf die Küchenablage bei Freunden legen, dabei gleich bleibende Krankheiten übertragen werden", sagt Christian Kahlert. Der Oberarzt an der Klinik für Infektiologie am Kantonspital in St. Gallen befasst sich wie Gilbert mit dem menschlichen Mikrobiom. Anders verhalte es sich bei länger andauerenden Kontakten, in einer Partnerschaft oder Familie, wenn der kontinuierliche Kontakt zu einer Art Familien- oder WG-Mikrobiom führe.

Bakterienkultur pflegen

Denn nicht nur in Familien haben wir ein gemeinsames Mikrobiom, stellten die US-Forscher fest. Eins der untersuchten Paare hatte einen Untermieter. Und offenbar ein WG-Mikrobiom entwickelt: Das Mikrobiom des Untermieters ähnelte dem seiner Mitbewohner mehr als den Bakteriengemeinschaften der anderen untersuchten Familien.

Trotzdem müssen wir keine Angst haben, dass unser Mikrobiom sich kurzfristig ändert, nur weil ein Wochenendgast mit Adipositas sich bei uns einnistet. "Unser Mikrobiom ist sehr robust", sagt Gilbert. Die Bakterien dafür rekrutieren wir in frühester Kindheit aus unserem Zuhause und unserer Umgebung. "Für Kinder ist es daher wichtig, dass die Quelle der Bakterien, aus denen sie ihr Mikrobiom rekrutieren, möglichst vielfältig und reichhaltig ist", sagt Gilbert. Daher empfiehlt der Mikrobiologe: "Raus mit den Kindern in die Natur."

Zur Autorin
  • Tinka und Frank Dietz
    Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
spiegelleser987 30.08.2014
1.
Wieso ist das noch nie so umfangreich untersucht wurden? Es gab mal vor wenigen Jahren ein Experimentierbuch für Kinder. Da war auch ein solches Experiment drin. Man musste nur das Fenster aufmachen, etwas auch mit gewaschnen Händen anfassen usw. Einige der Gelatine schalen mussten abgedichtet werden. Und schon konnte man nach einigen Tagen sehen, wieviele Bakterien der Mensch mit sich herumschleppt. Aber keine Angst, der Versuch war nicht gefährlich, weil eine Tomate oder Möhre noch mehr Bakterien hat. Vor einigen Jahren gab es auch Informationen zu den resistenten Bakterien und Viren in Krankenhäusern. Deren Hauptverteiler sind Menschen, die ihre Verwandten im Krankenhaus besuchen, vorher ihren Hund oder die katze gestreichelt haben oder im Urlaub waren und von dort die Bakterien mitgebracht haben. Es ist also absolut keine neue Erkenntnis.
atech 30.08.2014
2. was krank macht
sind primär nicht die ganz alltäglichen eigenen oder fremden Keime, sondern übertriebene Sauberkeit. Kinderärzte wissen seit Jahren, dass Kinder von Müttern, die ihren Nachwuchs geradezu hysterisch keimfrei aufziehen, häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind als Kinder von Müttern, die ihre Kinder in einem normal sauberen Haushalt aufwachsen lassen. Und deren Kinder raus in die freie Natur dürfen und die auch schmutzig von draussen heimkommen dürfen. Womit jetzt nicht der Umkehrschluß gezogen werden soll, dass es gesund wäre, Kinder unter unhygienischen Bedingungen aufwachsen zu lassen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gesundes Mittelmaß ist angesagt... Zum Nachlesen: http://www.welt.de/wissenschaft/article12625592/Schmutz-auf-dem-Land-schuetzt-Kinder-vor-Asthma.html und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1448690/
cassandros 30.08.2014
3. Autoimmunkrankheit: Wenn der TÜV allergisch auf mein Auto reagiert
Zitat von atechsind primär nicht die ganz alltäglichen eigenen oder fremden Keime, sondern übertriebene Sauberkeit. Kinderärzte wissen seit Jahren, dass Kinder von Müttern, die ihren Nachwuchs geradezu hysterisch keimfrei aufziehen, häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind als Kinder von Müttern, die ihre Kinder in einem normal sauberen Haushalt aufwachsen lassen. Und deren Kinder raus in die freie Natur dürfen und die auch schmutzig von draussen heimkommen dürfen. Womit jetzt nicht der Umkehrschluß gezogen werden soll, dass es gesund wäre, Kinder unter unhygienischen Bedingungen aufwachsen zu lassen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gesundes Mittelmaß ist angesagt... Zum Nachlesen: http://www.welt.de/wissenschaft/article12625592/Schmutz-auf-dem-Land-schuetzt-Kinder-vor-Asthma.html und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1448690/
Kinderärzte wissen vor allem auch, daß Asthma keine "Autoimmunkrankheit" ist. - http://flexikon.doccheck.com/de/Asthma_bronchiale - http://flexikon.doccheck.com/de/Autoimmunkrankheit
VPolitologeV 30.08.2014
4. Ein Wald voller Fragezeichen
Aus dem Artikel: "Trotzdem müssen wir keine Angst haben, dass unser Mikrobiom sich kurzfristig ändert, nur weil ein Wochenendgast mit Adipositas sich bei uns einnistet." Warum sollte ein dickleibiger Mensch überhaupt Angst auslösen?
enni3 30.08.2014
5.
Zitat von atechsind primär nicht die ganz alltäglichen eigenen oder fremden Keime, sondern übertriebene Sauberkeit. Kinderärzte wissen seit Jahren, dass Kinder von Müttern, die ihren Nachwuchs geradezu hysterisch keimfrei aufziehen, häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind als Kinder von Müttern, die ihre Kinder in einem normal sauberen Haushalt aufwachsen lassen. Und deren Kinder raus in die freie Natur dürfen und die auch schmutzig von draussen heimkommen dürfen. Womit jetzt nicht der Umkehrschluß gezogen werden soll, dass es gesund wäre, Kinder unter unhygienischen Bedingungen aufwachsen zu lassen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gesundes Mittelmaß ist angesagt... Zum Nachlesen: http://www.welt.de/wissenschaft/article12625592/Schmutz-auf-dem-Land-schuetzt-Kinder-vor-Asthma.html und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1448690/
Absolut korrekt. Antibakterielle Reinigungsmittel haben etwas in einer Klinik oder Arztpraxis zu suchen, aber nicht in einem normalen Haushalt. Da reicht ein guter Allesreiniger, ein saurer und ein basischer Reiniger. Alles andere ist nicht nur überflüssig sondern sogar teilweise schädlich. Neben dem von Ihnen bereits erwähnten Effekt der Autoimmunkrankheiten und des geschwächten (weil untrainierten) Immunsystems, kommt auch noch ein anderer Aspekt. Mit dem ganzen antibakteriellen Arsenal, dass sich heute in so manchem Reinigungsschrank findet, züchtet man sich zusätzlich hochpotente Keime heran, die in einer normalen Mikrofauna benachteiligt wären, weil zu hoch spezialisiert. Die machen dann krank, nicht die normalen Bakterien.
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