Militär-Meeressäuger Wie Delfine für den Krieg gedrillt werden

Die US-Marine schickt Delfine an die Front. Ihr Auftrag: Minen und feindliche Kampftaucher aufspüren. Das Programm ist umstritten. Tierschützer fürchten um das Leben der Tiere. Das US-Militär dagegen meint: Minensuchen macht Meeressäuger glücklich.

Von Katja Ridderbusch


Toad ist Kriegsveteranin. Auf der ganzen Welt hat sie ihrem amerikanischen Vaterland gedient. In Vietnam schützte sie US-Schiffe vor nordvietnamesischen Kampftauchern. Im Persischen Golf sicherte sie Häfen und Piers. Auch an zahlreichen Manövern nahm sie teil, im Pazifik wie in der Ostsee. Heute ist Toad 47 Jahre alt. Toad ist ein Delfin und untersteht dem Kommando der United States Navy.

75 Große Tümmler und 30 Kalifornische Seelöwen hält die amerikanische Marine im Space and Naval Warfare Systems Center in San Diego im Süden Kaliforniens. Die Militärbasis liegt auf der Halbinsel Point Loma, die die Bucht von San Diego vom offenen Ozean trennt.

75 Delfine und 30 Seelöwen, das ist übrig geblieben vom Marine Mammal Program, dem Meeressäugerprogramm der amerikanischen Marine, das als ehrgeiziges Projekt des Kalten Krieges begann. In den achtziger Jahren kam es zu einem bizarren Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion: Wer hatte die meisten, wer die am besten ausgebildeten Delfine? In Spitzenzeiten hielten die USA rund 140 Tümmler einsatzbereit, die Sowjetunion etwa 120. Mittlerweile hat Russland seine Militärdelfine freigelassen oder verkauft, einige offenbar an den Iran, andere an Rummelplätze und Freizeitparks. Die USA unterhalten heute als einziges Land ein solches Programm von größerem Umfang.

Seit dem Ende des Kalten Krieges sind die Aufgaben der Militärdelfine keine Verschlusssache mehr. Sie heißen: Aufspüren und Markieren von Minen, Ortung von Marinetauchern, Schutz von Schiffen und Häfen. Auf der Marinebasis in Point Loma leben die Delfine genau genommen zwar im Meer, doch die großen Anlagen sind von allen Seiten eingezäunt. "Soziale Einheiten" nennt Tom LaPuzza, Sprecher des Programms in San Diego, die Habitate: Je vier Delfine leben in einer Einheit, die aus vier etwa zehn mal zehn Meter großen Einzelanlagen und einer Art Gemeinschaftsraum in der Mitte besteht. Die Einheiten sind durch kleine Tore miteinander verbunden, die die Delfine mit ihrer Schnauze aufstoßen können.

40 bis 50 "Handler", das sind Militärangehörige, die die Tiere im Einsatz führen, ferner 40 Verwaltungsangestellte, Trainer, Veterinäre, Verhaltensforscher sowie etwa 100 Vertragsarbeiter, die sich um die Pflege der Tümmler kümmern, arbeiten für das Programm. Die Trainer sind Zivilisten, die die Tiere in täglichen Übungsritualen auf den Ernstfall vorbereiten, die Handler dagegen sind die eigentlichen Partner der Tiere im Kriegseinsatz. Jede Einheit von etwa 20 Delfinen und ihren Betreuern wird von einem Offizier befehligt. Sie kann innerhalb von 72 Stunden mit Flugzeugen, Helikoptern und Schiffen an alle Orte der Welt verlegt werden. Die Reise zum Einsatzort überstehen die Tümmler in meerwassergefüllten Transporttanks.

Derzeit sind alle Tiere "zu Hause", auf der Heimatbasis in San Diego. Ein normaler Arbeitstag beginnt früh für Mensch und Tier. Nach der Fütterung und einer tiermedizinischen Untersuchung holt der Trainer den Delfin zu einem Ausflug aufs offene Meer ab; über eine Art Gummimatratze rutscht der Delfin ins Boot. Es ist nicht immer derselbe Trainer, der mit einem Delfin arbeitet. Tom LaPuzza erläutert den Grund: "Wir wollen zwar, dass sich das Tier vertraut macht mit menschlicher Gestik. Aber wir wollen nicht, dass es sich an ein Individuum gewöhnt. Schließlich", fügt er hinzu, "kann der Trainer seinen Job wechseln. Oder der Betreuer im Einsatz sterben."

Drei bis vier Stunden am Vormittag und noch einmal so lange am Nachmittag arbeitet der Trainer auf hoher See mit dem Delfin. Ein junges Tier muss zunächst lernen, die Signale des Menschen zu verstehen und auf bestimmte Bewegungen zu reagieren. Legt der Trainer die rechte Hand auf die linke Schulter und schwingt den Arm nach vorne, heißt das für den Tümmler: Schwimm und suche! Zur Belohnung gibt es ein Stück Fisch.

Nach der Grundausbildung wird der Delfin entweder zum Minenjäger geschult oder auf die Objektbewachung vorbereitet. Diese Spezialausbildung dauert mehrere Jahre und beruht auf einem Ritual: Der Trainer gibt dem Delfin das Signal, nach einer im Meeresboden vergrabenen, nicht explosiven Übungsmine zu suchen. Das Tier taucht ab, kehrt zum Boot zurück und teilt das Ergebnis seiner Erkundung mit. Berührt er mit seiner Schnauze einen Ball, der am Heck des Schiffes befestigt ist, hat er nichts gefunden. Berührt er dagegen den Ball am Bug, will er ein Objekt melden. Dann steckt der Trainer dem Delfin einen Marker ins Maul, den das Tier neben seinem Fund in den Meeresboden setzt. Früher benutzten die Militärs zu diesem Zweck gelbe Plastikröhren, aus denen sich Bojen lösten und an die Wasseroberfläche trieben. Heute verwendet die Marine Peilsender.

Handelt es sich um eine Übung, werden die Minen später geborgen, im Einsatz kommt es zur Sprengung. Während die Zahl der Tauchgänge bei Menschen wegen der Gesundheitsrisiken beschränkt ist, können Delfine wieder und wieder in die Tiefe hinabsteigen. Allerdings ist die Fehlerquote beim Aufspüren von Minen durch Tümmler hoch: In den vergangenen Jahren fanden Delfine bei ihren Kriegseinsätzen knapp 300 Objekte, die Minen ähnlich sahen – nur gut 100 waren tatsächlich Sprengsätze.

Delfine, die Hafenanlagen, Kriegsschiffe und U-Boote schützen sollen, erhalten eine ähnliche Ausbildung wie die Minensucher. Jedoch finden die Übungen meist nachts statt, und die Tiere werden auf das Orten und Markieren von Tauchern trainiert. Sie lernen, den Marker am Rücken des Tauchers, in der Regel an seinen Ausrüstungsgegenständen, anzubringen – dabei nähern sie sich so vorsichtig, dass der Taucher die Anwesenheit des Delfins oft gar nicht bemerkt. Bislang sei noch kein Delfin beim Markieren eines Tauchers ums Leben gekommen, heißt es bei der US-Marine. Selbst wenn der Feind mit einer Harpune bewaffnet sei, könne das Tier mit seiner Schnelligkeit und Wendigkeit entwischen, bevor sich der Taucher auch nur umgedreht habe.



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