Militärtechnik Nanotechnologie soll Kämpfer kugelsicher machen

Er springt über sechs Meter hohe Mauern. Kugeln prallen an ihm ab, er heilt sich selbst und ist nahezu unsichtbar: Schon in wenigen Jahren, so plant es die US-Armee, soll der Soldat der Zukunft Feinde das Fürchten lehren.

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Hightech-Soldat: Bald unsichtbar durch adaptive Tarnung
U.S. Army

Hightech-Soldat: Bald unsichtbar durch adaptive Tarnung

Nanotechnologie lautet das Zauberwort, mit dem die Militärs den Bodenkrieg zu revolutionieren hoffen. Um die Vision vom Hightech-Soldaten zu verwirklichen, mobilisiert die US-Armee einige der besten Köpfe des Landes und die höchste Investitionssumme, die sie je in ein Forschungsprojekt an einer Universität gesteckt hat: Für 50 Millionen Dollar, angelegt auf eine Dauer von fünf Jahren, wurde das Institute for Soldier Nanotechnologies (ISN) ins Leben gerufen.

Sein Standort ist das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT), das sich in einer Ausschreibung der Armee gegen andere Universitäten durchsetzte. Die Investitionssumme des Militärs wird nach Angaben des MIT um 40 Millionen Dollar aus der Industrie ergänzt, ebenfalls verteilt auf fünf Jahre. Mit der Gesamtsumme sollen rund 150 Mitarbeiter bezahlt werden, unter ihnen 35 Professoren aus verschiedenen Fakultäten des MIT.

Hauptaufgabe der Wissenschaftler ist die Entwicklung eines "Exoskeletts", das den Soldaten in allen Gefechtslagen optimal schützt. Neuartige Materialien auf Basis kleinster Strukturen, der Nanotechnologie, sollen den Insassen vor Hitze, Kälte, Druckwellen, Schlägen und Strahlung schützen. Die Rüstung soll weich, leicht und bequem sein und sich mit Hilfe einer magnetischen Flüssigkeit in Sekundenbruchteilen derart verhärten können, dass sie sogar Gewehrkugeln widersteht. Sollte der Kämpfer trotz allem verletzt werden, soll seine Uniform die Art der Verwundung erkennen, automatisch erste Hilfe leisten oder per Datenübertragung den Sanitäter rufen.

Hightech-Uniform soll Kämpfer unsichtbar machen

Der beste Schutz des Soldaten aber ist nach Meinung der Militärs, gar nicht erst gesehen zu werden. Auf der Wunschliste der Armee steht deshalb die "adaptive Tarnung": Aktive Fasern sollen das Licht reflektieren und brechen, so dass der Soldat wie ein Chamäleon optisch mit seiner Umwelt verschmilzt. Darüber hinaus soll die Hightech-Uniform ein Leichtgewicht sein. Ein Elitekämpfer, so das erklärte Ziel der Wissenschaftler, soll künftig nur noch 20 statt heute 60 Kilogramm über das Schlachtfeld schleppen.

"Unser Ziel ist es, die Überlebensfähigkeit von Infanterietruppen durch Nanotechnologie zu steigern", sagt ISN-Direktor Ned Thomas. Der Physiker malt das Bild des Super-Soldaten in schillernden Farben: "Man stelle sich die psychologische Wirkung von Kriegern vor, die Rüstungen tragen und über sechs Meter hohe Mauern springen." Die dafür nötige Kraft, meint Thomas, könnten Schuhe mobilisieren, die Bewegungsenergie speichern und auf Wunsch freigeben. "In den vergangenen Jahren haben Forscher des MIT Materialien entwickelt, die bereits besser sind als menschliche Muskeln", so Thomas.

Fertigung zu bezahlbaren Preisen

Um technologische Luftschlösser soll es sich bei alldem nicht handeln. Schon in der Ausschreibung für das ISN verlangte die Armee die Entwicklung von Techniken, mit denen die futuristische Ausrüstung in absehbarer Zeit und zu bezahlbaren Preisen industriell gefertigt werden kann.

Bis dahin aber ist der Weg noch weit. Einige der aktuellen Ideen, meint Thomas, könnten in den nächsten fünf Jahren realisiert werden. Medizinische Miniatur-Geräte in Armeeuniformen seien eventuell schon innerhalb der nächsten zwölf Monate reif für erste Tests. "Vieles aber", räumt der Wissenschaftler ein, "ist noch Jahrzehnte von der Verwirklichung entfernt".



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