Millionenverluste Apotheker verkaufen lieber teure Arznei

Die Idee sollte Kosten sparen: Apotheker sollen seit 2002 ein billigeres Medikament verkaufen, wenn der Arzt das gestattet. Doch nur jede zwölfte Arznei wird getauscht, mitunter wählen Apotheker sogar teurere Mittel. Wo Millionen eingespart werden könnten, zahlen die Kassen noch drauf.

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"Aut idem" heißt so viel wie "oder das Gleiche". Auf Kassenrezepten stehen die zwei Wörter am linken Rand, genau neben den verordneten Medikamenten. Lässt der Arzt das Aut-idem-Feld frei, kann und sollte der Apotheker eine billigere Variante des Wirkstoffes auswählen, sofern Packungsgröße, Wirkstärke und Einsatzgebiet identisch sind. Diese Regelung ist schon sechs Jahre alt - gebracht hat sie außer Mehrkosten allerdings kaum etwas, wie jetzt eine Studie der Hochschule Niederrhein zeigt.

Oder gleiches: Die Aut-idem-Felder ermöglichen dem Apotheker, günstigere Medikamente zu vergeben.
AOK

Oder gleiches: Die Aut-idem-Felder ermöglichen dem Apotheker, günstigere Medikamente zu vergeben.

Um zu überprüfen, ob die Aut-idem-Felder wie erhofft Geld einsparen, haben Benno Neukirch und Kirsten Liedemann von der Hochschule Niederrhein in Krefeld die Medikamentenvergabe im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein untersucht. Grundlage waren Rezepte von Versicherten der AOK Rheinland im Jahr 2006, wie die Wissenschaftler im "Deutschen Ärzteblatt" berichten. Ausgewählt wurden die sechs umsatzstärksten patentfreien Medikamente - darunter Blutdrucksenker, Cholesterinblocker und Magentabletten. Von den rund zwei Millionen Rezepten, auf denen das Aut-idem-Feld frei war, wurden für jeden Wirkstoff 200 zufällig ausgewählt. Einige waren nicht lesbar oder unvollständig, so dass 1130 Verordnungen übrig blieben.

Auf lediglich 28 dieser 1130 Rezepte hatten die Ärzte nur den Wirkstoffnamen notiert. In den meisten Fällen (1102 Mal) verschrieben sie die Arznei jedoch, indem sie den Handelsnamen angaben. 81 Prozent davon waren Generika, also wirkstoffgleiche Kopien von Medikamenten, die unter anderem Namen bereits auf dem Markt sind. Insgesamt verordneten die Mediziner in 16 Prozent (181 Fälle) das billigste Mittel aus der Wirkstoffgruppe.

Einsparungen in Höhe von 15 Millionen Euro ausgefallen

Interessant ist, was die Apotheker mit diesen Rezepten anstellten: Obwohl sie laut Aut-idem-Regelung ein preisgünstigeres Medikament auswählen können, wurden lediglich 79 Arzneien ausgewechselt. Nur 24 davon wurden gegen ein billigeres getauscht, für den Rest wählten die Pharmazeuten gleich teure oder sogar teurere Arzneimittel aus. Hatte der Arzt ein patentfreies Original verordnet, wurde das Mittel in keinem Fall durch ein Generikum ersetzt. Bei den 181 billigsten Medikamenten wurden die Apotheker hingegen wiederum tätig: Sie tauschten 24 Arzneien gegen teurere aus.

Von Einsparung kann keine Rede sein. Neukirch und Liedemann rechneten aus, dass die gesetzlichen Krankenkassen im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein allein bei den ausgewerteten 1130 Rezepten knapp 60.000 Euro draufzahlen mussten. Wären teure Medikamente konsequent durch billigere ersetzt worden, hätte die Ersparnis bei rund 3500 Euro gelegen, so die Forscher. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Verordnungen in der KV Nordrhein - die sechs Wirkstoffe waren 2006 knapp sechs Millionen Mal verschrieben worden -, hätte man mehr als 15 Millionen Euro einsparen können.

Kein Anreiz für Apotheker

Über die Gründe für die bestehende Praxis können die Autoren nur spekulieren. Da die Ärzte lediglich 28 Mal den Wirkstoff und kein bestimmtes Präparat verordnet haben, könnte "die Praxissoftware, die häufig reine Wirkstoffverordnungen nicht unterstützt, einen entscheidenden Faktor" darstellen, vermuten Neukirch und Liedemann. Eine solche Praxissoftware soll dem Arzt etwa bei der Auswahl von Medikamenten helfen, indem sie Wirkungsweise, Packungsgröße, Nebenwirkungen und Kosten einer Arznei auf einen Blick darstellt.

Auch für die Tatsache, dass Apotheker kein einziges der verschriebenen Originale ausgetauscht haben, finden die Autoren eine mögliche Erklärung: Sie sprechen von einem "Anreizdefekt der Apothekervergütung unter der Aut-idem-Regelung", der zur Folge habe, dass teure Originale kaum ersetzt würden.



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