Empathie Stressabbau fördert Mitgefühl

Was lässt uns mit anderen Menschen mitfühlen? Forscher sind dem Geheimnis der Empathie auf die Spur gekommen. Demnach stört vor allem eines unser Mitgefühl: Stress.

Mutter und Sohn: Mitgefühl entsteht vor allem zwischen Menschen mit enger emotionaler Bindung
Corbis

Mutter und Sohn: Mitgefühl entsteht vor allem zwischen Menschen mit enger emotionaler Bindung


Manchmal schmerzen Dinge schon beim Zuschauen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich in die betroffene Person hineinversetzen kann. Schon lange versuchen Forscher zu verstehen, was Menschen zu Empathie befähigt und was sie zu emotionalen Eisklötzen werden lässt. Nun sind sie einen wichtigen Schritt weitergekommen.

Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal ließen bis zu 26 Studenten in mehreren Versuchen eine halbe Minute in Eiswasser fassen. In einem Versuch waren die Testkandidaten allein, im zweiten stand ihnen entweder ein guter Freund oder eine fremde Person gegenüber, die ebenfalls in Wasser fasste. Anschließend mussten die Versuchsteilnehmer angeben, wie stark sie den Schmerz im jeweiligen Versuch wahrgenommen hatten. Außerdem wurden sie gefilmt und ihre Reaktionen von Unbekannten ausgewertet.

Das Ergebnis: Im Test mit Fremden fühlten die Studenten den gleichen Schmerz wie allein. Waren sie mit einem Freund zusammen, nahm das Schmerzempfinden dagegen deutlich zu. Der Spruch "Geteiltes Leid ist halbes Leid" gilt hier offenbar nicht. "Es scheint, als wäre es von Nachteil, Schmerzen in Gegenwart eines Freundes zu haben", erklärt Mogil. "In Wirklichkeit ist es aber ein Zeichen, dass große Empathie zwischen zwei Menschen herrscht." Was aber verhindert, dass das Mitgefühl gegenüber Fremden ausbleibt?

Stressabbau stärkt Mitgefühl

Die Forscher hatten einen Verdacht: Aus vorangegangenen Untersuchungen war bekannt, dass Menschen in Gegenwart von Fremden deutlich mehr Stresshormone ausschütten als unter Freunden. Also ließen die Wissenschaftler noch einmal Studenten, die sich nicht kannten, in Eiswasser fassen - ein Teil der Probanden schluckte diesmal ein Mittel, dass die Stressreaktion im Körper unterdrückt, der andere ein wirkungsloses Placebo.

Und tatsächlich: Waren die Stresshormone im Körper unterdrückt, fühlten die Testkandidaten auch in der Nähe eines Fremden stärkeren Schmerz, auf den Videos war zu sehen, wie sich ihr Gesicht verzerrte und sie sich häufiger an die eigenen Hände fassten. Ihr Mitgefühl für das Gegenüber war gestiegen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Zuvor hatten Versuche der Forscher mit Mäusen, deren Stressreaktion unterdrückt worden war, zum gleichen Ergebnis geführt. Außerdem hatten die Forscher einige Tiere künstlich in Stress versetzt. Dann ließ ihr Mitgefühl gegenüber befreundeten Tieren deutlich nach.

"Wir haben gefunden, was einige für das Geheimnis der Empathie halten - nämlich, was verhindert, dass sie zwischen Fremden entsteht", erklärt Mogil. "Das Geheimnis ist - ziemlich einfach - Stress, genauer gesagt, sozialer Stress, der in nächster Nähe zu einem Fremden entsteht." Die gute Nachricht: Eine ausgelassene Partie eines interaktiven Video-Musikspiels steigerte die Empathiefähigkeit im Test ebenso gut, wie das Anti-Stress-Medikament.

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jme

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