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28. September 2008, 16:01 Uhr

Mittelalter

Der logisch perfekte Gottesbeweis

Von Malte Henk

Die Suche nach einem Beleg für die Existenz Gottes begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Am weitesten geht im 11. Jahrhundert Anselm von Canterbury. Sein Ziel: den Glauben auf die Basis der Vernunft zu stellen. Erst Jahrhunderte später wird er widerlegt - von Immanuel Kant.

Sie sind immer da – wenn er meditiert, wenn er Andacht hält, nachts in der Einsamkeit der Klosterzelle. Zwei Riesen sind es, die sich gegenüberstehen, ineinander verhakt wie zum Kampf: der Glaube und die Vernunft.

Betender: "Wenn Gott Gott ist, dann ist Gott"
REUTERS

Betender: "Wenn Gott Gott ist, dann ist Gott"

Benediktinerabtei Le Bec, Normandie, 1078. Vielleicht ahnen die Brüder gar nicht, welche Gedanken ihren Prior quälen. Sie lieben ihren Anselm, gerade die Jüngeren, die er für das Miteinander im Kloster so begeistert. Aber jetzt kann ihr Vordenker nicht mehr schlafen. Isst nicht mehr richtig, trinkt nicht, leidet unter Halluzinationen. Weil er verzweifelt nach einem Weg sucht, die Lehren der Logik, von denen neuerdings in den Akademien so großes Aufheben gemacht wird, mit denen der Kirche zu vereinbaren.

Anselm glaubt. Das ist seine Gewissheit, und es ist die Gewissheit seiner Epoche: dass Gott ist. Aber sollte es nicht gerade deshalb jedem Gläubigen möglich sein, die Existenz eines ewigen und allmächtigen Wesens selbst zu begreifen – ohne alle Bibelstellen und Predigerworte, nur durch den Gebrauch des eigenen Verstandes? Mit einem Argument, so einfach und klar, dass es in sich selbst schon göttlich ist?

Irgendwann in diesen schlaflosen Nächten denkt Anselm das bis dahin Undenkbare: Er erfindet sich einen Ungläubigen.

Und grübelt nach, mit welchem Beweis er einen solchen Gottlosen zur Einsicht führen könnte. "In Anselm", schreibt der Existenzphilosoph Karl Jaspers knapp ein Jahrtausend später, "wird die abendländische Philosophie von Neuem geboren."

Der Mann, der den Platz der Vernunft im Denkkosmos des Mittelalters sichert, kämpft schon als Jugendlicher gegen die Bevormundung durch Autoritäten. Seine Eltern, Kleinadelige aus dem Burgund, planen für ihren Sohn wohl eine glanzvolle Kirchenkarriere als Bischof oder Domherr. Der aber hasst dieses Statusdenken: Er will Mönch werden. Der Vater verweigert es ihm.

Doch 1056, nach dem Tod der Mutter, hält Anselm nichts mehr in seiner Heimatstadt Aosta. Drei Jahre lang zieht er durch Frankreich, ohne genauen Plan. Soll er sich an einer der Domschulen einschreiben, diesen Vorläufern der Universitäten, seinem Wissensdrang nachgeben und die Rechte studieren sowie Rhetorik, Grammatik und Logik? Oder sich in ein Kloster zurückziehen und sein Leben Gott widmen?

Es ist ein Konflikt, typisch für diese Epoche der Widersprüche. In Europa steht der Absolutheitsanspruch des christlichen Glaubenssystems infrage. Die Wirtschaft blüht, Städte werden gegründet, entwickeln sich zu Warenmärkten; diese erfordern kühle Berechnung. Und immer mehr Denker sind fasziniert vom rationalen Denken der antiken Philosophen.

Bei Anselm siegt die Frömmigkeit. 1060 nimmt er in Le Bec die Mönchskutte, drei Jahre später wird er zum Prior gewählt. Aber so sehr er sich in die Abtei zurückzieht – die Probleme seiner Zeit lassen ihm keine Ruhe. Im Kloster schrumpfen sie zusammen auf eine einzige Herausforderung: den logisch perfekten Gottesbeweis zu finden.

Anselm weiß: Schon die antiken Philosophen haben versucht, Gott rational zu "denken".

Bei Aristoteles, dem Begründer der Logik, gerät die Welt zu einer Art Billardspiel: Wie eine Kugel die nächste bewegt, so bewegt die Hand den Wanderstab, der Stab bewegt den Stein, der Stein bewegt das Tier ...

Irgendeine Instanz aber muss dieses Spiel des Lebens in Gang gesetzt haben – ein "unbewegter Beweger": Gott. (Später wird man dies den "kosmologischen Gottesbeweis" nennen.)

Andere antike Denker sehen die Schöpfung eher als eine Art Modellwunderland. Alles sei so zweckmäßig und zielgerichtet geordnet, dass es einen obersten "Baumeister" geben müsse. (Dies ist der "teleologische Gottesbeweis", von griech. télos = Ziel.)

"Wenn Gott Gott ist, dann ist Gott"


Anselm überzeugen diese Argumente nicht. Denn sie beruhen auf der Erfahrung, der Beobachtung der Welt. Wie aber soll man so auf ein Wesen schließen, das außerhalb dieser Welt steht? Nein, es muss einen anderen Weg geben. Den Weg des Denkens.

Der Verstand muss aus sich selbst schöpfen: ein logisch reines, klares Argument.

Anselm grübelt. Und grübelt. Will schon aufgeben, fürchtet, der Teufel habe ihn verführt. Doch dann, eines Nachts beim Gebet, kommt ihm ein Gedanke. Schnell kritzelt er ihn auf eine Wachstafel. Später wird er ihn auf Pergament übertragen und veröffentlichen – den "ontologischen Gottesbeweis". (Die Ontologie ist die Lehre vom Sein.)

Der Beweisgang funktioniert in einem Doppelschritt. Anselm definiert Gott zunächst als dasjenige, "über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann". Gott als vollkommenes Wesen: Das ist seine erste Prämisse. Natürlich verrät sie nicht, ob dieses Wesen wirklich existiert.

Aber – das ist Anselms zweite Prämisse – ist nicht, was existiert, immer vollkommener als das, was nicht existiert? Ist nicht das Werk eines Malers perfekter als nur der Gedanke daran? Die logische Schlussfolgerung: Wenn wir die Existenz eines vollkommenen Wesens postulieren – dann muss es auch existieren.

Denn wäre dieses Wesen nur vorgestellt, dann wäre es noch nicht perfekt, wäre noch eine Steigerung möglich: Gott in der Realität.

Anders gesagt: Ich muss Gott als real denken – ob ich an ihn glaube oder nicht. "Wenn Gott Gott ist", wird ein Franziskaner im 13. Jahrhundert Anselms Argument zusammenfassen, "dann ist Gott."

Gott ist. Das ist immer noch die wichtigste Spielregel des Seins, für Anselm wie für seine Zeit; aber von nun an ist die Religion stärker als zuvor dem Zugriff der Vernunft geöffnet, steht die Autorität der Kirche ein wenig mehr auf dem Prüfstein des Denkens. Denn ein Mönch hat vorgeführt, dass sich Menschen die Wahrheiten ihres Glaubens selbst geben können.

Ungemein erleichtert fühlt Anselm sich jetzt. Er zieht hinaus in die Welt, um für seinen Glauben zu kämpfen: 1093 wird er Erzbischof von Canterbury. Er stirbt 1109 als hochgeehrter Kirchenpolitiker; um seinen Gottesbeweis aber bleibt es lange ruhig. Erst mehr als ein Jahrhundert später entdecken ihn die Scholastiker neu – jene Gelehrten, die der Wahrheit mit dialektischen Disputationen auf die Spur kommen wollen.

Dann: der Triumph. Denkriesen wie Descartes, Leibniz, Hegel diskutieren Anselms Argument, schreiben es neu, feiern seine analytische Kraft. So wird es zum berühmtesten Gottesbeweis der Geschichte. Und trägt mit seinem Versuch, Glauben in Wissen zu überführen, dazu bei, dass sich das Christentum in eine relativ rationale Religion verwandelt; dass sich viele Gläubige heute als Vernunft-Christen verstehen.

Es ist dann ausgerechnet ein Spezialist der Vernunft, der Anselms Gottesbeweis widerlegt. Immanuel Kant erkundet um 1800 die Grenzen des menschlichen Verstandes. Unsere Ratio – Anselm schien sie noch rein, klar, zeitlos gültig. Kant aber postuliert, dass der Mensch nur durch den Filter seines Wissens, seiner Erfahrung denken kann. Der Verstand erschafft sich also seine eigene Realität. Und denkt er auch ein höchstes Wesen – "so bleibt doch immer die Frage, ob es existiere oder nicht".

Heute ist die große Zeit der Gottesbeweise vorüber. Die meisten Philosophen sind sich darin einig, dass sich ein Schöpfer aller Dinge, der in seiner Schöpfung weiterwirkt, einer rationalen Argumentation entziehe. Dass religiöses Wissen mit Vertrauen zu tun habe, mit Gefühlen und Geheimnissen. Dass es eher ein "Um-etwas-Wissen" sei als ein "Wissen, dass". Der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer hat es so beschrieben: "Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht."

Das Verdienst des Anselm von Canterbury aber bleibt bestehen. Als einer der ersten Denker hat er die Christenheit gelehrt, dass Glaube und Vernunft einander nicht ausschließen müssen.

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