Ausgegraben

Alte Essensreste Mittelalter-Mönche ließen sich Lerchen schmecken

Von

Durham Cathedral

Essensreste sind üblicherweise nicht das Erste, was man in einer Kirche erwartet. Doch Archäologen haben in der Kathedrale von Durham jetzt reichlich davon gefunden. Die Spuren längst vergangener Mahlzeiten erlauben verblüffende Einblicke in den Alltag des Mittelalters.

Glücklicherweise haben die Archivare der Kathedrale von Durham ihre Arbeit äußerst ernst genommen. Das Gotteshaus im Nordosten Englands beherbergt nicht nur eine der umfangreichsten Sammlungen früher gedruckter Schriften, darunter allein drei Ausgaben der Magna Carta. Sein Archiv enthält auch alte Aufzeichnungen über Reparaturen an dem Gebäude und Einkaufslisten. "Unter den mittelalterlichen Dokumenten sind tatsächlich die Listen des Kellermeisters, der für den Einkauf in der Küche zuständig war", erklärt Norman Emery.

Der Archäologe hat mit Pinsel und Maurerkelle die Notizen des Kellermeisters überprüft: Er hat in der Küche der Kathedrale gegraben. "Wir können aus beiden Quellen viel über die Ernährung in der Kathedrale lernen", so Emery. "Welche Auswahl an Speisen kam in die Küche, wer waren die Lieferanten, wo kamen die Lebensmittel her und was war zu welchen Jahreszeiten erhältlich?"

Schon seit dem 14. Jahrhundert wurde in der Kirche - mit vollem Namen The Cathedral Church of Christ, Blessed Mary the Virgin and St. Cuthbert of Durham - Essen zubereitet. Hungrige Mäuler gab es viele. "Zeitweise wurden hier bis zu hundert Personen versorgt", schätzt Emery. Zunächst waren es nur die Benediktinermönche im Kloster der Kathedrale. "Aber ihre Ordensregel schrieb ihnen auch vor, für die Pilger zu sorgen, die den Schrein des Heiligen Cuthbert besuchten und im Gästehaus übernachteten." Dazu kamen noch die Kranken im Hospital des Klosters. Und 1650 wurde die Kathedrale zwischenzeitlich zum Lager für schottische Soldaten, die in der Schlacht von Dunbar in Kriegsgefangenschaft geraten waren.

Seepapageien und Kiebitze auf dem Einkaufszettel

Bis zum Zweiten Weltkrieg befand sich die Küche in den Räumen, die Emery derzeit untersucht. Dann erst wurde sie verlegt. Dort, wo vorher Eintopf auf dem Herd kochte und Rinderschenkel am Bratspieß drehten, wurden fortan Bücher verkauft. Jetzt soll die ehemalige Küche zu Ausstellungsräumen umgebaut werden - doch erst, wenn Emery mit seinen Untersuchungen fertig ist.

Alleine in einem einzigen Testschnitt von einem Quadratmeter Größe fand er rund 21.000 Gräten von Kabeljau, Hering, Scholle, Steinbutt, Lachs und Forelle aus dem Fluss Wear. "Die Ordensregel des Heiligen Benedikt erlaubte zwar den Konsum von Fleisch", erklärt Emery, "aber bevorzugt sollte eigentlich die Ernährung vegetarisch sein, mit ein wenig Wein dazu." Dem widersprechen allerdings sowohl die Einkaufslisten des Kellermeisters als auch die archäologischen Funde: "Sie weisen darauf hin, dass Fleisch immer bedeutender wurde, und zwar sowohl von Rindern, Schafen und Schweinen als auch von Hirschen, Kaninchen und Hasen."

Was in die Klosterküche geliefert wurde, war bester Qualität - meistens die zartesten Stücke von Jungtieren. Dazu kam Wildgeflügel, sogar so kleine Vögel wie Lerchen. Einmal, so hatte der Kellermeister notiert, sollten Seepapageien serviert werden, ein andermal Kiebitze. Ob er die auf dem Markt aber tatsächlich bekam, ist nicht überliefert - entsprechende Knochen hat Emery jedenfalls noch nicht gefunden.

Funde reichen bis in die Römerzeit zurück

Obwohl auf der Halbinsel in der Schleife des Wear bereits in angelsächsischer Zeit eine Kirche stand, reicht der älteste Fund noch sehr viel weiter in die Vergangenheit zurück. "Es ist ein steinzeitlicher Flint, an dem Bearbeitungsspuren zu erkennen sind", verrät Emery. Mit ihm wurde aber wohl nie in der Klosterküche gearbeitet. Der Boden besteht aus vielen übereinanderliegenden Schichten Erde, die aus der näheren Umgebung als Füllmaterial genommen wurden. Mit einer dieser Füllschichten wird das Steinwerkzeug in die Küche gelangt sein.

Auch die beiden ungewöhnlichsten Funde sind so zu erklären: zwei Scherben Terra Sigillata, auf Hochglanz poliertes römisches Tafelgeschirr. Eines davon hat jemand zu einer Spindel umgearbeitet. "Die Terra Sigillata wurde in Gallien als Massenware hergestellt", erklärt Emery. "Um die Kathedrale herum sind bereits in der Vergangenheit einige Scherben davon gefunden worden. Das wirft natürlich die Frage auf: Wie sind die da hingekommen?" Siedelten vielleicht bereits Römer auf der Halbinsel im Wear? "Im Moment haben wir keine Gebäudestrukturen, aber ein paar Artefakte." Vielleicht werden weitere Ausgrabungen in der Umgebung der Kathedrale ja auch noch Überreste von römischen Mahlzeiten zu Tage fördern.



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22 Leserkommentare
Loddarithmus 11.05.2014
furtnehr 11.05.2014
HC Ahlmann 11.05.2014
kaheng 11.05.2014
schmusel 11.05.2014
mischpot 11.05.2014
mischpot 11.05.2014
ornis 11.05.2014
jinngo73 11.05.2014
hartmannulrich 11.05.2014
fade0ff 11.05.2014
uwecux 11.05.2014
wauz 11.05.2014
marcusaemiliuslepidus 11.05.2014
economic-fool 11.05.2014
brotherandrew 11.05.2014
Maulwürfin 11.05.2014
Cugel 11.05.2014
romaval 12.05.2014
brotherandrew 12.05.2014
weserbaer 16.05.2014
galens 22.05.2014

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