Mittelalter-Hightech: Geheimnis der Alchemie-Tiegel aus Hessen gelüftet

Hitze, heißen Metallen und Säuren hielten die Töpfchen stand, selten entstanden Risse: Im Mittealter konnten nur hessische Handwerker diese Super-Tiegel herstellen - für Alchemisten und Töpfer in aller Welt. Wissenschaftler haben nun das Geheimrezept des Export-Schlagers gelüftet.

Aus Nordhessen stammte ein Hightech-Produkt, das die Alchemisten des Mittelalters entzückte. Tiegel aus dem heutigen Großalmerode hielten ihren wilden Mix- und Rührexperiment besser stand, als alle anderen Töpfchen. Die geheime Rezeptur dieser mittelalterlichen Labortechnik hüteten ihre Hersteller eifersüchtig. Darum geriet sie in Vergessenheit - und wurde für heutige Hightech-Keramik neu entdeckt. Von Werkstoffwissenschaftlern sei das Rad neu erfunden worden, sagte der Archäologe Marcos Martinón-Torres. Er wollte wissen, was die 500 Jahre alten Töpfchen der hessischen Töpfermeister so besonders macht.

Hohe Temperaturen konnten ihnen nichts anhaben, auch heißen Metallen und Säuren trotzten sie, nur selten entstanden Risse: Die Tiegel waren einfach außergewöhnlich haltbar und deswegen auf der ganzen Welt gefragt, von Alchemisten und Töpfern. Manche hatten wohl versucht, die hessische Mittelalterkeramik nachzuahmen, doch es scheint ihnen nicht gelungen zu sein. Also florierte der Export. Jetzt erst konnten Archäologen der Universitäten in London und Cardiff das Geheimnis des Tiegel-Rezepts lüften.

Die Produzenten der Tiegel hätten unwissentlich bereits Techniken angewandt, die bis heute bei der Keramikproduktion eingesetzt würden, schreiben Martinón-Torres und seine Kollegen in der Wissenschaftszeitschrift "Nature". Die hessischen Töpfer hätten alle Zutaten zusammengerührt, die Tiegel geformt und im Ofen gebrannt - bei einer für die damalige Zeit extremen Hitze von 1100 bis 1200 Grad Celsius. Dabei habe sich in den Töpfen das Mineral Mullit gebildet: ein Aluminumsilikat, das die Tiegel so haltbar gemacht hat. "Die Menschen hielten sich streng an das erfolgreiche Rezept für diese Tiegel, aber sie wussten wohl nicht, dass Mullit überhaupt existiert und wie es wirkt", sagte Martinón-Torres.

Experimente sind besser als Formeln und Gleichungen

"Wir können eine Menge von antiken und heutigen Handwerkern lernen", sagte Martinón-Torres zu SPIEGEL ONLINE. Die Töpfer experimentierten mit Materialen, und das "oft auf eher intuitivere und nützlichere Weise als wenn wir versuchen, Dinge mit Formeln oder Gleichungen zu erklären".

Erste Zeugnisse für die ungewöhnlich beständigen Schmelztiegel stammen nach Angaben des Wissenschaftlers bereits aus dem 12. Jahrhundert. Vermutlich im 15. Jahrhundert seien die Töpfe dann von den Produktionsstätten bis in ferne Länder gelangt. Hergestellt wurden sie im heutigen Großalmerode nahe Kassel. Überreste seien unter anderem in Skandinavien, Großbritannien, Belgien, Spanien und Portugal gefunden worden - und sogar in Jamestown, einer der frühesten Kolonien an der Ostküste der heutigen USA. Insgesamt 50 Tiegel aus Hessen und von zehn anderen Fundstätten haben die Wissenschaftler untersucht - um deren Geheimnis schließlich zu lüften.

Heutzutage hilft Mullit nicht mehr Alchemisten beim Anrühren von dubiosen Substanzen, sondern wird als Hightech-Keramik eingesetzt, etwa für Gebäude, Wärmeschutzsysteme oder im Flugzeugbau.

fba/dpa

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