Mobilfunk Angst vor Handy-Krebs jetzt auch im Ersten

Tausende Studien haben die angebliche Krebsgefahr durch Handys untersucht und kamen zu keinem Ergebnis. Jetzt will "Report Mainz" doch noch eine Gefahr aufgespürt haben. Doch statt Wissenschaft bekommt der Zuschauer Panikmache geboten.

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Als blitzschneller Nachrichtenlieferant ist "Report Mainz" eher nicht bekannt. Diesmal aber gab man sich zumindest den Anschein der Geschwindigkeit: Die "Report"-Redaktion reichte eine brandaktuell klingende Vorabmeldung über ihre neue Sendung bei den Nachrichtenagenturen ein, die prompt weiterverbreitet wurde. Handys können Krebs verursachen, heißt es darin. Von "Beweisen" ist die Rede und von der Forderung der EU-Umweltagentur nach niedrigeren Strahlungsgrenzwerten.

Handy-Benutzer: Zahlreiche Studien über die Krebsgefahr, kein eindeutiges Ergebnis
DPA

Handy-Benutzer: Zahlreiche Studien über die Krebsgefahr, kein eindeutiges Ergebnis

Basis des "Report Mainz"-Beitrags ist ein merkwürdiger Bericht namens "Bioinitiative Report", der bereits am 31. August veröffentlicht wurde und zu Recht so gut wie keine Beachtung fand. Erst rund einen Monat später berichtete die "Frankfurter Allgemeine" als einziges nennenswertes deutsches Medium über den Report und die Reaktion der europäischen Umweltbehörde EEA.

Die ist ähnlich bizarr wie der Bioinitiative-Report selbst: "Obwohl die EEA keine spezifische Expertise bei elektromagnetischen Feldern hat", heißt es erfrischend ehrlich in einer Mitteilung der EEA vom 17. September, könnten gesundheitliche Schäden "weit verbreitet sein, bevor es 'überzeugende' Beweise für Schäden durch Langzeit-Einwirkungen und eine biologische Erklärung des Zustandekommen dieser Schäden gibt".

EEA-Direktorin spricht von "klaren Beweisen"

Man könnte das auch so ausdrücken: Die seriöse Wissenschaft erkennt keine Gefahr und die EEA hat keine Ahnung vom Thema. "Report Mainz" zitiert EEA-Direktorin Jaqueline McGlade gar mit noch mutigeren Sätzen. Es gebe klare Beweise, dass Viel-Telefonierer, die ihr Handy mehr als 15 Jahre lang etwa 460 Stunden im Jahr genutzt hätten, Ausprägungen von Hirntumoren gezeigt hätten. Wohlgemerkt: Die Studien über die Krebsgefahr durch Handys gehen inzwischen in die Tausende, ohne jemals einen "klaren Beweis" einer signifikanten Gefahr erbracht zu haben.

Es verwundert nicht, dass die EEA dem Bericht ein wenig mehr Öffentlichkeit verschaffen will, als er bisher bekommen hat - schließlich hat die Umweltbehörde an dem Report mitgeschrieben. Dabei sollen rund 2000 Studien über die Wirkung von elektromagnetischen Feldern ausgewertet worden sein. Nur: In ein von unabhängigen Experten begutachtetes ("peer reviewed") Fachblatt hat es die Studie nicht geschafft - was die Voraussetzung dafür wäre, in der Fachwelt ernst genommen zu werden.

Vielleicht liegt das an den Aussagen des Reports, die ein wenig pauschal klingen. "Es scheint, als wäre es die durch elektromagnetische Strahlung transportierte Information und nicht die Wärme, die biologische Veränderungen auslöst", heißt es etwa in dem Bericht. "Einige dieser biologischen Veränderungen können den Verlust des Wohlbefindens, Krankheit und sogar den Tod zur Folge haben." Da wird auch die bange Frage verständlich, mit der "Report Mainz" die Sendung auf seiner Website ankündigt: "Bei Anruf Hirntumor?"

Telefonie-Schlagseite mit Risiko

Wer jetzt noch keine Angst vor seinem Handy hat, muss nur weiterlesen: "Wer sein Mobiltelefon mehr als zehn Jahre benutzt hat, hat ein um 20 Prozent erhöhtes Hirntumor-Risiko", so der "Bioinitiative Report". Wer sein Handy in den zehn Jahren hauptsächlich an eine Seite seines Kopfes gehalten habe, trage gar ein um 200 Prozent erhöhtes Tumor-Risiko.

Die Krebsgefahr durch die Schlagseite bei der Handy-Nutzung ging schon im Januar groß durch die deutschen Medien: Die "Süddeutsche Zeitung" und die "Bild"-Zeitung hatten eine Studie entsprechend interpretiert. Die Autoren der Studie fanden das weniger amüsant - sie wollten nichts dergleichen behaupten. Die Wissenschaftler hatten Tumorpatienten im Nachhinein nach ihren Gewohnheiten befragt. Die Betroffenen waren der Meinung, ihr Handy öfter an jene Seite des Kopfes gehalten zu haben, in der sich später ein Tumor bildete.

Ob dieses Ergebnis aber nur der schlechten - möglicherweise vom Krebs getrübten - Erinnerung geschuldet war oder auf statistischen Effekten beruhte, blieb unklar. Gegenkontrollen blieben ohne Befund. Selbst die Autoren der Studie bilanzierten, dass es keinen Verdacht gebe, Handys könnten Krebs verursachen. Im September hatten dann Forscher nach einer groß angelegten Untersuchung Entwarnung gegeben. Auch eine Untersuchung mit 420.000 Menschen, deren Ergebnisse im Dezember 2006 veröffentlicht worden waren, konstatierte keine Krebsgefahr durch Handys.

McGlade weiß es offenbar besser. Mobilfunkstrahlung unterhalb der geltenden Grenzwerte habe Effekte in menschlichen Zellen, zitiert "Report Mainz" die EEA-Direktorin. "Sie stören Zellprozesse, den Signalaustausch zwischen Zellen. Wenn das über einen langen Zeitraum passiert, können diese Störungen natürlich zu Langzeiteffekten wie Krebs führen." Deshalb rät die EEA dazu, schärfere Grenzwerte einzuführen.

Die Redaktion von "Report Mainz" war vor der Sendung für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.



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