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Mobilfunk-Studie: Flüchtige Bekanntschaften halten die Info-Gesellschaft zusammen

Sind Bekannte wichtiger als Freunde? Wenn es um die Kommunikation einer Gesellschaft geht, dann schon. Anhand der Auswertung von Millionen von Handy-Gesprächen hat eine internationale Forschergruppe herausgefunden, wie sich soziale Netzwerke organisieren.

Die Forscher haben in einem nicht genannten europäischen Land die Handygespräche zwischen rund 4,6 Millionen Menschen untersucht. Aufgrund von Gesprächslänge und Häufigkeit der Anrufe stellten sie fest, wie eng die Verbindung zwischen zwei Teilnehmern ist. Geschäftsanrufe wurden dabei nicht berücksichtigt.

Wall-Street-Händler mit Handy: Zufällige Bekanntschaften vernetzen die gesamte Gesellschaft
AP

Wall-Street-Händler mit Handy: Zufällige Bekanntschaften vernetzen die gesamte Gesellschaft

Bei der Untersuchung dieses Beziehungsgeflechts stellte sich heraus: Kappt man die Verbindung zwischen Menschen, die oft und lange miteinander telefonieren, hat dies weniger Auswirkungen als gedacht. Denn die Information erreicht über die weniger engen Bekanntschaften schließlich doch den Adressaten - durch ein Netzwerk von indirekten, weniger engen Verbindungen. Wird allerdings die Kommunikation zwischen weniger stark verknüpften Partnern unterbunden, gerät der Informationsfluss ins Stocken, weil Mediatoren fehlen. "Aus der globalen Vernetzung werden vielen kleine Inseln", sagt der Physiker Jukka-Pekka Onnela von der Oxford University. "Das Netzwerk löst sich also langsam auf."

Für Onnela und seine an der Studie beteiligten Kollegen aus Ungarn und der USA folgt daraus: Telefongespräche zwischen zufälligen Bekanntschaften vernetzen eine ganze Gesellschaft, da sie sozial isolierte Gruppen miteinander in Berührung bringen. Damit verteilen sich Informationen unter Menschen anders als zum Beispiel Autos auf Straßen: Wird dort die Hauptstraße gesperrt, bricht der Verkehr zusammen.

Der Studie zufolge, die in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen ist, verbreiten sich Informationen am schnellsten über Telefongespräche zwischen Bekanntschaften mittleren Grades und durch mittellange Gespräche. Dies liegt daran, dass sich Informationen in Gesprächen zwischen entfernten Bekannten langsam verbreiten und starke Verbindungen meist nur eine kleine Anzahl an Menschen betreffen.

Die Studie ist deshalb von Bedeutung, weil erstmals Mobilfunk-Verbindungen analysiert wurden. Bei der Untersuchung von Festnetzgesprächen waren die Zahlen weniger aussagekräftig, weil diese Anschlüsse meist von mehreren Teilnehmern benutzt werden.

Der Mobilfunk-Anbieter, der die Daten zur Verfügung stellte, hatte sich nur unter Vorbedingungen zur Mitwirkung an der Studie bereit erklärt. Unter anderem mussten die Forscher den Namen des analysierten Landes geheimhalten. Die 4,6 Millionen Menschen machen nach Angaben der Forscher etwa 20 Prozent der Einwohner des Landes aus. Es könnte sich dabei um Rumänien handeln, das 21,6 Millionen Einwohner hat.

Von den Ergebnissen ausgehend schlagen die Wissenschaftler nun weitergehende Untersuchungen vor: Da Menschen, die über das Handy miteinander telefonieren, oft persönlichen Kontakt haben, könnten die Ergebnisse auch im Hinblick auf die Verbreitung von Epidemien analysiert werden. "Auch für Soziologen sind solche Forschungen interessant", sagt Onela. "Sie könnten herausfinden, wie aus Gesprächen eine kollektive Meinung entsteht."

joh

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