Mobilfunk-Studie: Handys sorgen nicht für Krebs, aber für Schlagzeilen

Von und Stefan Schmitt

In fünf Ländern haben Forscher Krebspatienten und ihre Mobilfunk-Gewohnheiten verglichen. Hinweise auf ein gesteigertes Hirntumor-Risiko durch Handy-Benutzung fanden die Wissenschaftler nicht - und wundern sich nun, dass eine deutsche Tageszeitung genau das verkündet hat.

Handys, Strahlung, Krebs: Dieses Thema ist ein Dauerbrenner - für besorgte Bürger und Wissenschaftler gleichermaßen. Ob Mobiltelefonie zu einem höheren Krankheitsrisiko führt, wird allerorten untersucht. Über jedes neue Ergebnis wird berichtet, zuweilen überzogen. So wie auch heute.

Handy-Nutzerin: Forscher fanden kein erhöhtes Krebsrisiko - fragwürdiges Teilergebnis sorgte für Schlagzeilen
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Handy-Nutzerin: Forscher fanden kein erhöhtes Krebsrisiko - fragwürdiges Teilergebnis sorgte für Schlagzeilen

Eine neue Forschungsarbeit kommt zu dem Ergebnis: Einen Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Mobiltelefonieren gibt es offenbar nicht. Fünf europäische Länder haben gemeinsam untersucht, ob telefonieren mit einem Handy zu Hirntumoren führen kann. Die Aussage ist eindeutig: "Wir haben keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für regelmäßige Mobiltelefonierer gefunden", heißt es in der Studie, die die Wissenschaftler aus Finnland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Großbritannien in der Fachzeitschrift "International Journal of Cancer" online vorab veröffentlicht haben.

Das Team um Anna Lahkola von der Strahlenschutzbehörde Radiation and Nuclear Safety Authority in Helsinki hat insgesamt 4823 Menschen untersucht. Bei 1522 von ihnen hatten Ärzte zwischen August 2000 und September 2002 ein sogenanntes Gliom im Gehirn festgestellt. Dabei handelt es sich um einen Tumor, der vom Stützgewebe des Zentralen Nervensystems ausgeht. Die übrigen 3301 gesunden Probanden dienten den Wissenschaftlern als Kontrollgruppe.

Anhand von Fragebögen stellten die Forscher fest, seit wann, wie häufig und wie lange die zwei Gruppen Mobiltelefone nutzten. Weder Länge, Dauer noch Häufigkeit hatten den Ergebnissen zufolge einen Einfluss auf das Risiko der Probanden, ein Gliom zu entwickeln. "Es gibt keinen Verdacht, dass ein Zusammenhang besteht", sagte die dänische Ko-Autorin Helle Christensen vom Institute of Cancer Epidemiology in Kopenhagen zu SPIEGEL ONLINE. "Und wenn es ein Risiko gibt, dann ist es so klein, dass wir es nicht messen können."

Wackliges Orchideen-Resultat herausgepickt

Allein ein Orchideen-Resultat machte die Forscher zunächst stutzig: In ihren statistischen Analysen fanden sie bei Tumorpatienten, die länger als zehn Jahre mit einem Handy telefoniert hatten, Hinweise auf einen Unterschied. Denn die Seite des Kopfes, auf der die Betroffenen nach eigenen Angaben regelmäßig mit dem Handy telefoniert hatten, war häufiger von einem Gliom betroffen. Das Risiko liege hier 1,3 Mal höher als bei Menschen, die nicht regelmäßig mobil telefonierten, sagte Anssi Auvinen von der Universität Tampere zu SPIEGEL ONLINE.

Jener Befund war es, der die "Süddeutsche Zeitung" bewog, auf der Titelseite zu verkünden: "Handys können Krebs auslösen". Nach jahrelangem und intensivem Telefonieren steige das Risiko, an einem bösartigen Hirntumor zu erkranken, meldete das Blatt. Doch die leicht hysterische Schlagzeile räumt dem Ergebnis wesentlich mehr Gewicht ein, als die beteiligten Forscher selbst es tun.

"Wir haben die Betroffenen im Nachhinein zu ihren Gewohnheiten befragt", sagte Auvinen. "Wer einen Tumor in der einen Hälfte des Kopfes hat, denkt möglicherweise im Nachhinein, er habe auf dieser Seite auch besonders viel telefoniert." Zudem ist die Gruppe jener, die zwischen 2000 und 2002 schon zehn Jahre lang telefoniert hatten, recht klein: In Untersuchungs- und Kontrollgruppe waren es nur 222 Menschen. Weiter berichten die Forscher: Wenn man nur jene Studienteilnehmer berücksichtigt, deren Aussagen von den Interviewern als qualitativ hochwertig - also zuverlässig - eingestuft worden waren, schrumpfe der beobachtbare Effekt. Er sei dann nicht mehr signifikant.

In einer anderen statistischen Betrachtung konnten die Wissenschaftler den vermeintlichen Risikohinweis gar nicht mehr wiederfinden: "Wenn unsere Annahme stimmt, dass die Gefahr nach zehn Jahren höher ist, dann müsste das Risiko eigentlich von Jahr zu Jahr zunehmen", sagte Auvinen. Denn mit den Jahren nimmt auch die Strahlungsbelastung zu. Doch Fehlanzeige - und damit ist diese Auswertung wissenschaftlich weitgehend wertlos: "Unsere Ergebnisse passen nicht zusammen, und wir können nicht abschließend beurteilen, welche stimmen."

Auch Joachim Schüz, der mit denselben Daten arbeiten konnte wie das Forschungsteam um Lahkola, ist skeptisch. Sein Argument: Die Daten zeigen, dass das Gesamt-Krebsrisiko auch für die Langtelefonierer nicht steigt. Wenn die Kopfseite, an der telefoniert werde, aber wirklich einen Risikofaktor darstelle, müsse das Risiko - etwa in der Hirnmitte oder gegenüber - abnehmen. Aus den nordischen Daten lässt sich das aber nicht herauslesen.

Kopfschütteln über Schlagzeile

Über die Titelzeile aus München können die Autoren nur den Kopf schütteln. "Unsere Studien haben das Gegenteil gezeigt", sagte Christensen. "Mit solchen Aussagen verbreitet man nur unnötig Angst."

Weder verlässliche epidemiologische Untersuchungen noch Tierversuche konnten bislang einen Beweis dafür liefern, dass Telefonieren mit einem Handy Krebs auslöst. Auch fehlt eine schlüssige Theorie, die einen solchen Zusammenhang erklären könnte. "Ein Mobiltelefon erzeugt mit Mikrowellen ein elektromagnetisches Feld, das in den Kopf eindringt", sagte Jiri Silny vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit in Aachen zu SPIEGEL ONLINE. "Aber zum Einen ist dieses Feld zu schwach, um Zellveränderungen hervorzurufen, und zum Zweiten nimmt es umso stärker ab, je tiefer die Wellen in das Gewebe eindringen."

Kurzfristige Tumorbildung kann die Wissenschaft mittlerweile ausschließen. Mögliche langfristige Risiken sind bei einer jungen Technologie wie der Mobiltelefonie nicht ganz einfach abzuschätzen. Intensive Forschungsanstrengungen dazu laufen aber in praktisch jedem europäischen Land. Viele davon sind unter dem Dach des Forschungsprogramms Interphone zusammengeschlossen, so auch die Arbeit von Lahkola und ihren Kollegen. Einzelne Länderergebnisse sind längst bekannt.

"Kein Zusammenhang zwischen Handy und Tumoren"

"Die verschiedenen Interphone-Komponenten zeigen schon relativ homogene Ergebnisse", sagte Joachim Schüz von der Universität Mainz zu SPIEGEL ONLINE. "Bei weniger als zehn Jahren Nutzung finden wir keine Krebs-Häufung, egal in welcher Nutzergruppe und in welchem Land." Das Problem seiner nordischen Kollegen - ein wackliges Ergebnis in einem extremen Ausschnitt der Studiengruppe - kennt Schüz aus eigener Erfahrung.

Vor einem Jahr veröffentlichte er in der Fachzeitschrift "American Journal of Epidemiology" die Ergebnisse der deutschen Interphone-Studie. Insgesamt gibt es keinen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren, fasste die Studie die Ergebnisse zusammen. Zwar ließen auch die Interphone-Daten aus Deutschland die Vermutung zu, dass bei jenen Teilnehmern, die schon zehn Jahre oder länger mobil telefonieren, ein leicht erhöhtes Krebsrisiko bestehen könnte. Doch die statistische Unsicherheit sei bei diesem Befund "sehr hoch" gewesen, sagte Hauptautor Schüz.

Könnte, hätte, würde - am Ende der nun veröffentlichten nordischen Interphone-Studie schränken die Autoren nochmals ein: Ein vermeintliches erhöhtes Risiko könnte auf kausalen Ursachen beruhen, also auf einem tatsächlichen Wirkzusammenhang zwischen Telefon und Gewebe. Genauso seien aber in Anbetracht der Zahlen Zufallsergebnisse denkbar oder aber eine systematische Verzerrung aufgrund der Erhebung. Mit anderen Worten: Das Ergebnis steht auf so schwachen Füßen, dass erst weitere Forschung Klärung bringen kann.

Größere Studie zeigte keinen Effekt

Im vergangenen Jahr hatten britische Interphone-Forscher im "British Medical Journal" eine Auswertung ihrer Daten veröffentlicht, in denen ebenfalls das Krebsrisiko von Vieltelefonierern mit dem der Normalbevölkerung verglichen worden war. Dabei schien sich gezeigt zu haben, dass Mobiltelefonieren an der entgegengesetzten Kopfseite gar mit einem unterdurchschnittlichen Krebsrisiko einhergeht. "Das passt nicht so schön zu einer biologischen Erklärung", sagte Handyrisikoforscher-Schüz vornehm.

Im Dezember 2006 hatten dänische und US-amerikanische Wissenschaftler in einer Studie mit 420.000 Teilnehmern keine Langzeitwirkungen finden können. Die Studie, die im "Journal of the National Cancer Institute" veröffentlicht wurde, hatte den Vorteil, dass sie auf Kundendaten der dänischen Mobilfunkbetreiber basierte, und die Erhebungen zu Krebserkrankungen prospektiv erhoben wurden. "Wir konnten keinerlei erhöhte Risiken für irgendeine Krebsart identifizieren, die mit der Nutzung von Handys im Zusammenhang stehen könnte", sagte damals der beteiligte Epidemiologe John Boice von der Vanderbilt University in Nashville.

Mitte 2007 erwarten Krebs- und Handystrahlungsforscher in aller Welt gespannt die Veröffentlichung einer Mammut-Statistik, in der die Interphone-Untersuchungen aus 13 Ländern miteinander verglichen werden. Dass mögliche Folgen für Langzeitnutzer ein spannendes Forschungsfeld bleiben, macht nicht nur das ungebrochene Interesse der Bevölkerung an dem Thema klar. Denn irgendwann, sagt Schüz, sind wir alle Langzeit-Handynutzer.

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