Moderne Kartographie Grippewellen, Schnapsdurst, Wassernot - der etwas andere Weltatlas

Kanada schrumpft, Indien bläht sich, Mitteleuropa erscheint dicker als sonst: Ein Geographenteam stellt unsere Sicht der Welt in Frage - mit ganz neuen Karten des Planeten. Bei ihnen bestimmen HIV-Rate, Sturm-Todesopfer oder Alkoholkonsum die Größe eines Landes.

Von Stefan Schmitt


Küstenlinien und Muskelstränge, Landmassen und Körperteile - so unterschiedlich Landkarten einerseits und Zeichnungen des menschlichen Körpers andererseits auch sein mögen, Danny Dorling sieht eine bedeutende Parallele. "Kartographie hat eine ganz ähnliche Geschichte wie die anatomische Zeichnung." Beide seien Produkte der Aufklärung, beide bestimmten unsere Wahrnehmung der Realität. Und beide, findet der Geograph der University of Sheffield, zeigen doch letztlich eine Anatomie - entweder den Aufbau eines einzelnen Körpers oder den der ganzen Welt.

Dorling will ändern, wie die Menschen diese Welt sehen, indem er ihnen eine andere Anatomie vor Augen führt. Zum Beispiel jene: Die USA schrumpfen. Relativ dazu erscheinen die mitteleuropäischen Länder seltsam groß und deformiert. Am krassesten aber springen Indien, China und Japan ins Auge - aufgeblähter als man sie je auf einer Weltkarte gesehen hat.

Bevölkerungskarte heißt diese seltsam verzerrte Darstellung der Welt. Ein Computerprogramm hat die Karte ausgespuckt, nachdem Dorling und seine Kollegen es mit den Einwohnerzahlen aller Staaten der Welt gefüttert hatten. Jetzt entspricht die Größe eines Landes der Anzahl der dort lebenden Menschen.

SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl dieser Weltkarten von Dorlings Projekt:

Worldmapper 1: Weltkarte der Erdenbürger
Worldmapper 2: Wassermangel weltweit
Worldmapper 3: Ungleiche Forschung
Worldmapper 4: Brennpunkt der Malaria
Worldmapper 5: Einwohner pro Krankenhausbett
Worldmapper 6: HIV-Drama im äußersten Süden
Worldmapper 7: Grippewellen um die Welt
Worldmapper 8: Durst nach Alkohol
Worldmapper 9: Opfer von Stürmen
Worldmapper 10: Öffentliche und private Gesundheitsausgaben
Worldmapper 11: Steigende Lebenserwartung

"Ich denke, die Leute können eine neue Projektion lernen, und es sollte diejenige sein, die der Bevölkerungsgröße entspricht", sagte Darling zu SPIEGEL ONLINE. Die Bevölkerungskarte sei für die soziale Realität viel aussagekräftiger als Standardkarten wie etwa die sogenannte Mercator-Projektion.

Weltkarte nach Mercator-Projektion: Grönland riesig, Indien winzig
Quelle: NASA

Weltkarte nach Mercator-Projektion: Grönland riesig, Indien winzig

Auf ihr basiert die bekannte Weltkarte, die die Umrisse der Kontinente winkelgetreu auf eine flache Ebene projiziert. Das ist in etwa so, als würde man eine Apfelsine schälen und die Schale dann flach auf den Tisch pressen. Auf den Globus bezogen bedeutet das, dass nahe am Äquator liegende Länder relativ klein und andere vergrößert erscheinen. Grönland etwa wirkt auf der Standard-Weltkarte deutlich größer als Indien, das aber in Wahrheit rund 50 Prozent mehr Fläche besitzt. Grönland erscheint auf der Merkator-Projektion sogar wuchtiger als Australien, das mehr als dreieinhalb Mal größer ist als die eisige Insel.

In der Online-Fachzeitschrift "Public Library of Sciences" (PLoS) stellt Dorling verzerrte Weltkarten als Mittel vor, abstrakte Zahlen - etwa über Malariatote, HIV-Infizierte, Gesundheitsausgaben oder Sturm-Todesopfer - konkret darzustellen. Das Auge sei viel besser darin, relative Werte von Objekten entsprechend ihrer Größe zu beurteilen als etwa anhand von Farbe oder Musterung, schreibt Dorling in "PLoS". Der Forscher nennt die Mischung aus Weltkarte und Diagramm auch "Kartogramm".

Anatomien von Gesellschaften sichtbar machen

Unter dem Titel "Eine populäre Perspektive" war die neue Weltkarte entsprechend der Bevölkerungszahl im vergangenen Jahr in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlicht worden. Auf ihrer Website Worldmapper.org tragen Dorling und sein Team seitdem Landkarten zusammen, die nach derselben Mechanik Länderstatistiken darstellen: Wo am meisten Forschungsgelder ausgegeben werden, wo die Menschen am ältesten werden oder wo die meisten Krankenhausbetten stehen.

"Die Website macht aus eintöniger demografischer oder ökonomischer Statistik Hingucker-Landkarten", lobte das Wissenschaftsmagazin "Science" vergangenen Mai. "Eine neue Sicht auf die Erde, ein bezwingender Anblick", schrieb der "New Scientist" und fühlte sich an das berühmte Foto erinnert, das die Astronauten der "Apollo"-Missionen vom Erdaufgang über dem Mond aufnahmen.

Mittlerweile haben Dorling und seine Mitstreiter auf Worldmapper.org über 250 dieser neuen Bilder der Erde veröffentlicht. Weltkarten können mehr abbilden als geographische Akkuratesse - etwa die Ungleichheiten in der Welt. "Wir wissen längst, dass gute Gesundheit ebenso sehr von der Anatomie unserer Gesellschaften wie von der unserer Körper abhängt", schreibt Dorling. Als nächstes will das Team der University of Sheffield und der amerikanischen University of Michigan statistische Daten über gefährdete und schon ausgestorbene Tierarten in ihre kartografische Weltsichten-Maschinen füttern.

Auf lange Sicht gibt es noch größere Pläne: Dorling und Newman wollen alle Karten als 3D-Globus anbieten und spekulieren, ob man nicht auch die Nutzer von Worldmapper.org beteiligen könnte. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE beschrieb Dorling: Ein Nutzer könne dann einen Datensatz hochladen und erhielte ein fertiges Kartogramm zurück - das gleichzeitig frei zugänglich für jedermann auf der Seite veröffentlicht werde.



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