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Moderner Mensch und Neandertaler: Vereint in Mitteleuropa

Menschheitsgeschichte: Grabungen in Willendorf Fotos
Willendorf Project/ Philip R. Nigst/ Bence Viola

Der Homo sapiens erreichte Mitteleuropa offenbar deutlich früher als angemommen: Spuren des modernen Menschen sind über 43.000 Jahre alt - er traf auf den Neandertaler.

Willendorf/Österreich - Der moderne Mensch hat Mitteleuropa schon vor mindestens 43.500 Jahren besiedelt und damit früher als bislang bekannt. Somit habe er die Region einige Jahrtausende lang mit Neandertalern geteilt, berichtet ein internationales Forscherteam in der Zeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Forscher um Philip Nigst vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hatten Funde aus Willendorf in Niederösterreich ausgewertet.

Bislang war bekannt, dass der moderne Mensch nach dem Verlassen Afrikas das westliche Eurasien vor mindestens 50.000 Jahren erreichte. Im südlichen Europa tauchte er nach bisherigem Kenntnisstand vor 50.000 bis vor 40.000 Jahren auf. Wie erst kürzlich eine Studie zeigte, starben die Neandertaler in ganz Europa wohl bis spätestens vor 39.000 Jahren aus.

Unklar war bislang, wann genau der Homo sapiens Mitteleuropa besiedelte und wie lange er dort gemeinsam mit dem Homo neanderthalensis lebte. Um dies zu klären, untersuchten die Forscher Funde aus dem Gebiet Willendorf II an der Donau. An dem Ort laufen schon seit mehr als 100 Jahren Grabungen.

Die Wissenschaftler ordnen neue Funde, vor allem kleine bearbeitete Hornstein-Fragmente, anhand der Bearbeitungstechnik der frühen Aurignacien-Kultur zu. Diese - benannt nach einem Fundort in Frankreich - ist in Mitteleuropa die älteste bekannte Kultur, die eindeutig dem Homo sapiens zugeordnet wird. Zu jener Zeit seien die Anatomie und das Verhalten des Homo sapiens voll ausgeprägt gewesen, betonen sie. Die Schicht, aus der die Funde stammen, datierten die Wissenschaftler per Radiocarbon-Methode auf ein Alter von 43.500 Jahren.

Dies zeige, dass Neandertaler und moderner Mensch noch einige Jahrtausende gemeinsam in Europa lebten, möglicherweise in enger geografischer Nähe zueinander. Dabei könne es Vermischungen und auch kulturellen Austausch gegeben haben. Studien zeigen zwar einen genetischen Austausch zwischen beiden Arten, dies wird jedoch bislang eher der Region im Nahen Osten zugeschrieben, wo sich ihre Wege schon Zehntausende Jahre früher kreuzten.

hda/dpa

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1. Weshalb spricht man eigentlich
WILHHERDE 23.09.2014
von zwei Menschenarten, wenn beide Spezies sich doch erfolgreich vermischt haben? Wir Menschen der nordlichen Halbkugel tragen Neandertaler-Gene in uns. Die Eigenart unterschiedlicher Arten ist ja, dass sie sich nicht erfolgreich mischen. Meiner Ansicht nach müsste man eher von unterschiedlichen Rassen sprechen, die können sich nämlich mischen, wenn es darauf ankommt sogar der Dackel mit dem Bernadiner.
2.
Celegorm 23.09.2014
Zitat von WILHHERDEvon zwei Menschenarten, wenn beide Spezies sich doch erfolgreich vermischt haben? Wir Menschen der nordlichen Halbkugel tragen Neandertaler-Gene in uns. Die Eigenart unterschiedlicher Arten ist ja, dass sie sich nicht erfolgreich mischen. Meiner Ansicht nach müsste man eher von unterschiedlichen Rassen sprechen, die können sich nämlich mischen, wenn es darauf ankommt sogar der Dackel mit dem Bernadiner.
Das ist zwar das klassische Konzept der "reproduktiven Art", das oft als zentrales Merkmal von Arten gesehen wird, wirklich zwingend ist das aber in der Praxis nicht. Letztlich ist das eines der vielen Probleme, die sich ergeben, wenn man die graduellen evolutionären Unterschiede in ein starres taxonomisches Gerüst sperren will. Begriffe wie "Art" oder "Familie" sind ja kein inhärentes Merkmal von Organismen, sondern eine menschliche Annäherung um die Biodiversität zu ordnen. So sinnvoll und plausibel das System sein mag, vollständig gerecht kann es allen Einzelfällen und fliessenden Unterschieden natürlich nie werden. Weshalb ein einzelnes Merkmal oder deren Abwesenheit auch kein ultimatives Kriterium sein kann. Sprich: Eine potentielle Vermischung sagt letztlich nichts darüber aus, ob Homo sapien und neandthalensis unterschiedliche Arten waren. Oder, wenn schon, Unterarten. Rassen hingegen kann nach heutigem Wissensstand ausgeschlossen werden. Es finden sich im übrigen auch bei anderen Arten Hybridisierungen. Meist führt das zwar zu unfruchtbaren Nachkommen, teilweise aber nur bei einem Geschlecht. Für eine Vermischung des Erbguts durch Rückkreuzung würde es insofern reichen, wenn männliche oder weibliche Mensch-Neandertaler-Hybride fortpflanzungsfähig gewesen sind. Als Beispiel, bei Löwe/Tiger-Kreuzungen sind die Weibchen fruchtbar, trotzdem gelten (zu recht) Tiger und Löwe als unterschiedliche Arten.
3. Hybridisierung
WILHHERDE 24.09.2014
Wir moderne Menschen tragen Gene der Neandertaler. Das ist schon bemerkenswert. Andenommen man isolierte die nordamerikanische Bevölkerung und untersuchte in 40000 Jahren, wieviele Gene der nordamerikanischen Indianer in der Gesamtbevölkerung noch nachweisbar waren. Es konnte gut sein, dass man da nichts von den Indianern mehr findet, einfach deshalb, weil ihr Anteil an der heutigen Gesamtbevölkerung zu gering ist. Dann darauf zu schließen, die Indianer seien eine andere Art gewesen, ist sicher ein falscher Schluss. Dass man heute beim modernen Menschen nur ein paar Prozent Neandertalergene findet, konnte daran liegen, dass sich die Neandertaler Einwandererwellen ausgesetzt sahen, die sie in zähle massige Unterlegenheit brachten, die aber mit der Fähigkeit, sich mit dem modernen Menschen zu kreuzen nichts zu tun hatte. Dass sich über haupt Gene der Neandertaler in uns erhalten haben, wirft die Frage auf, was macht diese Gene so besonders, welche Funktion haben sie, dass sie nicht wieder aus dem Erbgut verschwanden. Nicht, dass sich irgendwann noch herausstellt, dass die Neandertaler die wahren modernen Menschen waren.
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
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Gravuren in Gibraltar: Kunstwerke der Verwandten

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler im modernen Menschen
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