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Moorleiche entdeckt: So qualvoll starben die irischen Könige

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Den Schädel spalteten sie, den Bauch schlitzten sie auf, und die Gedärme räumten sie aus: Die Kelten in Irland opferten ihre Könige auf grausame Weise. Jetzt untersuchen Archäologen eine neu entdeckte Moorleiche - ausgerechnet die Brustwarzen sollen den Forschern mehr über den Toten verraten.

Die Überreste eines irischen Königs: Der Tote im Moor Fotos
National Museum of Ireland

Wer in der Eisenzeit König in Irland war, hatte es gut. Er aß offenbar viel Fleisch. Und arbeitete wenig. Ja, ein irischer König hatte sogar genügend Zeit, sich die Fingernägel zu maniküren - oder maniküren zu lassen. Und fürs gute Aussehen gab es eigens aus Südeuropa importiertes Haargel. Nur wenn der Arbeitsvertrag mit dem Reich auslief, wurde es unangenehm. Die Pensionierungszeremonie war blutig, qualvoll - und endete im Moor.

Die sterblichen Überreste eines dieser irischen Könige haben nun Torfstecher im Cul na Móna Moor zwischen Abbeyleix und Portlaoise wiederentdeckt - rund 2500 Jahre nach seinem Tod.

Als der Arbeiter Jason Phelan von der irischen Torfbehörde Bord na Móna am 10. August vom Führerhaus seiner schweren Fräsmaschine ein ungewöhnliches Objekt entdeckte, hielt er sofort an. Zwei Beine ragten da aus dem Torf, zusammen mit einem Ledersack. Der Fahrer informierte seinen Chef, und der hatte sofort die richtige Telefonnummer für solche Fälle parat: die von Eamonn Kelly - seit mehr als 35 Jahren Kurator des Irischen Nationalmuseums und Moorleichenexperte.

Königliche Leichen als Grenzmarkierung

Als die Kelten um 500 vor Christus nach Irland kamen, teilten sie sich die grüne Insel in etwa 150 Königreiche auf. Die Grenzen markierten sie mit Holzpflöcken und Steinen. "Und mit den Leichen ihrer Könige", erklärt Kelly seine Theorie. In der keltischen Glaubenswelt repräsentierte die Erde die Göttin und die Sonne den männlichen Gegenpart. Die Sonne aber hatte einen Stellvertreter auf Erden: den König. "Die Idee dahinter ist, dass der König mit dem Land verheiratet war. Wenn im Winter die Göttin alt und gebrechlich wurde, brauchte sie einen neuen Gefährten, der ihr wieder Jugend, Kraft und Schönheit geben konnte. Also brachten die Kelten den alten König um und setzten einen neuen ein."

Vielleicht nicht jedes Jahr, damit der Verschleiß an Monarchen nicht zu groß wurde - aber zumindest in ritualisierten Abständen. Was von diesen Königen nach ihrem Ableben übrig blieb, versenkten die Kelten an ihren Reichsgrenzen. "Alle Moorleichen wurden entlang wichtiger Grenzlinien der Erde übergeben", erläutert Kelly. "Die Leichen und andere Opfergaben sollten der Göttin eine Form geben", glaubt er.

In der Obhut des Kurators befinden sich neben der neuen Moorleiche aus dem Cul na Móna Moor bereits die Überreste von Clonycavan Man und Old Croghan Man - beide ehemalige Stellvertreter der Sonne. Woran Old Croghan Man irgendwann zwischen 362 und 175 vor Christus starb, ist offensichtlich: absoluter Overkill. Der zu Lebzeiten fast zwei Meter große Hüne wurde erstochen, geköpft und zweigeteilt. Und sein Körper wies noch weitere Folterspuren auf. Die Oberarme hatte man ihm durchbohrt, gedrehte Haselruten durch die Wunden gefädelt und die Arme so zusammengebunden. Unter beiden Brustwarzen klafften tiefe Schnittwunden. Als die staatliche Gerichtsmedizinerin den Leichnam unmittelbar nach der Bergung vor sich auf dem Tisch liegen hatte, hielt sie ihn zunächst für ein Opfer der IRA.

So schrecklich sein Tod war, so angenehm hatte Old Croghan Man es im Leben. Die Fingernägel trug er sorgsam manikürt, schwere körperliche Arbeit schienen seine Hände nicht gekannt zu haben. Eine Analyse der Haare und Nägel verriet, wovon er sich vornehmlich ernährte: Fleisch. Das aber werden - schaut man seine Fingernägel an - andere für ihn gejagt haben. In seinem Magen lagen noch die Reste der letzten Mahlzeit. Die fiel allerdings eher spärlich aus: Getreide mit Buttermilch. "Ein rituelles letztes Mahl", glaubt Kelly, die Henkermahlzeit von Old Croghan Man - bevor die Sonne unterging.

Gespaltener Schädel, fehlende Gedärme

Clonycavan Man erging es nicht viel besser, als die Erde einen neuen Partner verlangte. Zwar fehlen seine Beine, die wahrscheinlich beim Torfstechen von schwerem Gerät abgetrennt wurden. Doch der Rest des Körpers erzählt genug von seinem qualvollen Tod, der ihn irgendwann zwischen 392 und 201 vor Christus ereilte. Eine scharfe Klinge, wahrscheinlich eine Axt, spaltete seinen Schädel. Wohl dieselbe Waffe war es auch, die ihm die Nase brach. Im Bauch klaffte eine riesige Schnittwunde, die Gedärme fehlten.

Zu Lebzeiten war Clonycavan Man, obwohl zu seinem Todeszeitpunkt wohl eben erst 20 Jahre alt, nicht gerade ein Bilderbuch-Märchenprinz. Im Gegensatz zu Old Croghan Man war er eher kleinwüchsig, nicht einmal 1,60 groß. Er hatte eine Kartoffelnase und schiefe Zähne. Die Gesichtshaut war so großporig, dass die Löcher noch heute gut auf dem Nasenrücken zu sehen sind. Ein dünner Bart rahmte sein Gesicht. Am erstaunlichsten aber ist seine Frisur. Die Haare sind zu einer Art Irokesenschnitt frisiert. In Form hält sie bis heute eine Paste aus Pflanzenöl und Pinienharz.

Die Analyse zeigt, wo das Haarstyling-Gel herkam: aus dem südwestlichen Frankreich oder Spanien. Eine ähnliche Mischung fanden die Forscher auch in den Haaren von Old Croghan Man. Das wirft ein neues Licht auf die irischen Herrscher. Die keltischen Könige waren offenbar alles andere als kleine Provinzmonarchen, sondern unterhielten Handelbeziehungen mit Völkern am anderen Ende Europas.

Und noch eine Gemeinsamkeit gab es zwischen den beiden: Ebenso wie Old Croghan Man hatte man auch Clonycavan Man die Brustwarzen abgeschnitten. Diese Verletzung ist für Kelly ein untrüglicher Hinweis darauf, dass beide einst als keltische Könige amtierten. "Dem König die Brustwarzen zu küssen oder daran zu saugen galt in der keltischen Gesellschaft als Zeichen der Unterwerfung", erklärt er. "Der König wurde seines Amtes enthoben, indem man ihm die Brustwarzen abschnitt."

Noch liegt die neue Moorleiche aus dem Cul na Móna Moor sicher in der Kühlung des Museums. Dort harrt sie genauerer Untersuchungen. Zunächst werden Pathologen klären, welche Todesarten diese Leiche erleiden und ob auch sie am Lebensende ihre Brustwarzen einbüßen musste. Dann folgen Röntgenaufnahmen und Scans im Computertomografen sowie Magnetresonanzaufnahmen, um auch das Innere des Körpers zu studieren.

Eine Analyse der Sedimente unmittelbar um den Körper herum soll klären, wie die Landschaft zu seinem Todeszeitpunkt aussah. Wann dieser genau war, können die Archäologen mit einer Kohlenstoffdatierung feststellen. Am Ende stehen auch noch Untersuchungen zu seinen Ernährungsgewohnheiten an - inklusive einer Analyse der Henkersmahlzeit in seinem Magen. Doch dass der Tote kein zufällig im Moor verendeter Wanderer war, ist Kelly sich bereits sicher: "Die Wunden, die wir am Körper feststellen konnten, sprechen dafür, dass wir es hier mit einem Menschenopfer zu tun haben", schreibt er in seinem ersten Fundbericht.

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Ir(r)e
micha-mille 06.10.2011
Dabei habe ich die Iren immer als sehr gastfreundlich kennen gelernt. ;-)
2. Was den Kelten recht war, sollte uns billig sein...
Emmi 06.10.2011
Was den Kelten recht war, sollte uns billig sein. Sich auf diese Art von Bundeskanzler(inne)n (und Außenministern...) zu verabschieden, würde alle diejenigen davon abhalten, sich um solche Ämter zu bemühen, die sich nicht wirklich dazu berufen fühlen und - um der Sache willen - die Konsequenzen in Kauf zu nehmen bereit sind...
3. ...
bartgesang 06.10.2011
Hardcore! Das ist doch mal ein Preis für die Macht. Wenn man sich vor Augen führt, dass bei uns aus solchen Entmachtungsriten bloss noch das Schlipsabschneiden in der Weiberfastnacht übrig geblieben ist - und ein bisschen politisches Kabaret in Tradition des mittelalterlichen Hofnarren ...
4. wie jetzt?
charietto 06.10.2011
Zwei Beine ragten da aus dem Torf, ... Zwar fehlen seine Beine
5. Gute Idee
Konrad_L 06.10.2011
Emmi nimmt mir das Wort aus dem Mund: Sich auf solche Weise ausgedienter Staatsoberhäupter zu entledigen, erscheint mir gerade jetzt sehr nachahmenswert. @ Chiaretto: Andere Leiche.
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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.
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