Moralische Urteile Saubere Hände stimmen milde

Wer sich gerade sauber und gepflegt fühlt, entscheidet in moralischen Fragen großzügiger. Nicht nur Händewaschen hat diese Wirkung, wie Psychologen herausgefunden haben, sondern auch die bloße Assoziation mit Reinheit.


Kann Seife das Hirn benebeln? Offenbar ein bisschen, wie Versuche von Psychologen an der University of Plymouth mit Studenten ergeben haben. Nach dem Händewaschen urteilen Menschen in moralischen Fragen milder, berichten Simone Schnall und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift "Psychological Science" (Bd. 18 Nr. 12).

Moral und Wasserhahn: Waschen macht weniger streng
DPA

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"Moralische Entscheidungen werden auch intuitiv getroffen und nicht nur durch logisches Schlussfolgern und gedankliches Abwägen der Konsequenzen", sagt Schnall. Ihre Theorie untermauert die Psychologin mit zwei Versuchen, an denen jeweils 40 Studenten der Universität teilgenommen hatten. Die Experimente zeigen, dass die Selbstwahrnehmung und die damit verbundene Intuition einen starken Effekt auf das menschliche Urteilsvermögen ausüben können.

Im ersten Experiment mussten die Probanden Sätze aus gegebenen Wortgruppen bilden. Bei einer Hälfte der Versuchspersonen enthielten die Wortgruppen mit Sauberkeit verbundene Begriffe. Bei der Kontrollgruppe waren ausschließlich neutrale Wörter in den Wortmengen enthalten. Unmittelbar danach mussten die Studenten sechs moralische Dilemmas bewerten. So hatten sie beispielsweise das Verhalten eines unehrlichen Finders einer Brieftasche zu bewerten oder eines Bewerbers, der einen Lebenslauf fälscht, um gut dazustehen.

Danach befragten sie die Probanden nach ihrem emotionalen und dem moralischen Urteil über das jeweilige Verhalten. Während die Gefühlsregungen bei beiden Gruppen gleich stark ausgeprägt waren, bewerteten jene Studenten der Sauberkeitsgruppe den Verstoß gegen moralische Regeln als weniger dramatisch als ihre Kommilitonen, die nur neutrale Begriffe gelesen hatten.

In früheren Studien hatten Forscher bereits die Auswirkung des Ekels auf die Bewertung ethisch bedenklicher Situationen untersucht. Diesen Studien zufolge stufen geekelte Menschen moralisch zwiespältige Aktionen als besonders verwerflich ein. Die britischen Wissenschaftler untersuchten daher in einem zweiten Experiment das Verhältnis von Ekel, dem momentanen Reinlichkeitsempfinden und moralischen Urteil.

Dazu mussten sich die Studenten eine ekelerregende Szene aus dem Film "Trainspotting" ansehen. Die Probanden saßen dabei alleine im Projektionsraum. Nach der Szene wurde die Hälfte der 40 Probanden unter einem Vorwand gebeten, sich die Hände mit Seife zu waschen.

Während die emotionalen Empfindungen bei allen Studenten der beiden Gruppen nahezu identisch waren, zeigte sich erneut bei der moralischen Bewertung ein signifikanter Unterschied: Die Studenten mit gewaschenen Händen bewerteten die sechs Dilemmas milder als ihre Kommilitonen. Das Händewaschen werde intuitiv mit Reinheit verbunden, erklärt Schnall. Dieser Reinheitsbegriff schlägt sich auch auf das Urteil nieder, egal, ob die Intuition mit dem eigentlichen Dilemma im Kontext steht oder nicht.

hda/ddp



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