Mossul-Talsperre "Nur Gott weiß, wann der Damm bricht"

Eine 20 Meter hohe Flutwelle, die eine Millionenstadt verwüstet - das droht, wenn der marode Mossul-Damm im Irak bricht. Forscher und US-Militärs sind extrem besorgt.

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Nachher ist man immer schlauer. Dann weiß man all die Dinge, die einem auch nicht mehr weiterhelfen. Dies freilich ist eine Geschichte, bei der man womöglich schon vorher hätte schlauer sein können. Bei der man Fehler hätte vermeiden können, die jetzt das Leben vieler Menschen gefährden. Es ist die Geschichte des Staudamms von Mossul im Irak. Und es ist eine Geschichte, bei der man sich nur schwer vorstellen kann, dass sie langfristig gut ausgeht.

Am Donnerstag warnte US-General Sean MacFarland in Bagdad mit eindrücklichen Worten, der Damm könne brechen - mit katastrophalen Folgen. Schuld sind geologische Bedingungen, die jederzeit zu einem Kollaps führen können. Und schuld ist der Stopp der Wartungsarbeiten, die das bisher verhindern sollten. "Wenn es passiert, wird es schnell passieren. Und das ist schlecht", so der Militär.

Überraschend kommt die Warnung nicht. Doch die ab Ende Februar bevorstehende Schneeschmelze in der Türkei macht die Lage akut.

Immer wieder haben Experten davor gewarnt, dass der 3600 Meter lange und 135 Meter hohe Damm am Tigris bersten könnte. Das Ingenieurcorps der US-Armee hat bereits 2007 Alarm geschlagen, andere Wissenschaftler in zahllosen Fachaufsätzen und Vorträgen. Es hat nicht viel genutzt.

Im Fall eines Kollapses würde eine bis zu 20 Meter hohe Flutwelle die vom "Islamischen Staat" kontrollierte Millionenstadt Mossul heimsuchen, flussabwärts in Bagdad kämen wohl noch etwa vier Meter Hochwasser an. Dazwischen, das nur nebenbei, steht in Baidschi die größte Ölraffinerie des Landes.

Raffinerie Baidschi (Dezember 2009): Anlagen auch durch Flut gefährdet
DPA

Raffinerie Baidschi (Dezember 2009): Anlagen auch durch Flut gefährdet

Militär MacFarland sagt: "Wäre dieser Damm in den USA, hätten wir den See dahinter ausgetrocknet. Wir hätten den Staudamm außer Betrieb genommen." Doch Experten wie Nadhir Al-Ansari von der Universität im schwedischen Luleå wissen, dass das schlicht nicht möglich ist.

Im Staubecken der Mossul-Talsperre befinden sich etwa elf Milliarden Kubikmeter Wasser - und rund drei Milliarden davon lassen sich nicht ablassen. Sie liegen unterhalb der Auslassrohre. Zum Vergleich: Der Stausee mit dem größten Fassungsvermögen in Deutschland, die Bleilochtalsperre, fasst maximal 215 Millionen Kubikmeter Wasser. Selbst wenn man also versucht, den für Stromversorgung und Bewässerung im Irak entscheidenden Damm zu entlasten, bleibt ein großes Restrisiko.

Luftbild des Damms am Tigris (November 2007): Elf Milliarden Kubikmeter Wasser
REUTERS

Luftbild des Damms am Tigris (November 2007): Elf Milliarden Kubikmeter Wasser

Nadhir Al-Ansari kennt Iraks größte Talsperre gut. Bis Mitte der Neunziger hat er an der Universität Bagdad gearbeitet, bevor er über Jordanien nach Schweden ging. Er weiß, dass der Damm seit seinem Bau Sorgen macht. Einer seiner Doktoranden, Issa Elias Issa, hat den Boden des Stausees zuletzt 2011 von einem Fischerboot aus mit einem Echolot vermessen - und beängstigende Entdeckungen gemacht.

Der Stausee liegt in einem geologisch komplexen Gebiet, dessen Untergrund aus wasserlöslichen Gesteinen gebildet wird. Mergel, Kalkstein, Gips und Tonstein wechseln sich ab. Durch Löcher, Spalten und Risse kann Wasser unter dem Damm hindurchfließen. Und dass es das auch tut, ist seit Jahren bekannt. Man muss sich das vorstellen, als säße man in einer Badewanne aus Zucker. Da nützt es auch nichts, wenn der Stöpsel aus Gummi ist.

Issa fand auch zahlreiche bis dahin unbekannte Karsttrichter am Boden des Stausees. "Manche von ihnen waren so tief, das das Echolot keinen Grund fand", berichtet sein Doktorvater Al-Ansari. "Für mich ist das ein schlechtes Zeichen, weil das auf eine direkte Verbindung mit den Grundwasserleitern hindeuten könnte."

"Nur Gott weiß, wann der Damm brechen wird", sagt Al-Ansari. "Es könnte morgen sein, in einer Woche, in einem Jahr." Ein Jahr weiter will der Bodenmechaniker nicht in die Zukunft blicken.

Kurdische Kämpfer am Mossul-Damm (August 2014): Risiken "nie ein Thema"
REUTERS

Kurdische Kämpfer am Mossul-Damm (August 2014): Risiken "nie ein Thema"

Die Probleme mit dem Untergrund waren freilich gut bekannt, als der Damm ab Januar 1981 von einem internationalen Konsortium unter Führung des deutschen Hochtief-Konzerns gebaut wurde. Die Planungen stammten von Schweizer Ingenieuren. Diktator Saddam Hussein wollte sein Land voranbringen, die renitenten Kurden im Norden seines Landes mit einer Strategie der "Arabisierung" in Schach halten - und versprach ein Milliardengeschäft für die internationalen Partner. Was interessierten da Georisiken?

Insider bezweifeln heute, dass Hochtief mit dem Projekt je Gewinn gemacht hat, vor allem wegen Wechselkursverlusten. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte später einen Mitarbeiter der Firma, der namentlich nicht genannt werden wollte. Mossul sei, so der Mann, innerhalb des Konzerns als schlimmste Baustelle aller Zeiten verschrien gewesen. Der Untergrund habe die Eigenschaften eines Schweizer Käses. Einer, der auch auf der Baustelle war, formuliert es im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE entspannter. Das geologische Risiko sei "aufgrund des Volumens des Damms" damals "nie ein Thema" gewesen.

Wenn man das glauben will, dann gilt das ohnehin nur unter einer Bedingung: Die Iraker hätten die vorgesehenen Instandhaltungsarbeiten penibel durchführen müssen. 24 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche müsste ein Betongemisch in den Untergrund des Dammes injiziert werden. Risse und Spalten sollten so bis in 25 Meter Tiefe verschlossen werden. Das war der Plan, die Voraussetzung dafür, den Damm überhaupt zu bauen.

Instandsetzung (Oktober 2007): "Sanierung nur unzureichend durchgeführt"
AFP

Instandsetzung (Oktober 2007): "Sanierung nur unzureichend durchgeführt"

Tatsächlich sind über die Jahre so Zehntausende Tonnen Material im Boden verpresst worden - in einem Wettrennen gegen die Zeit. Überall, wo das Wasser aufgehalten wurde, suchte es sich an anderer Stelle neue Wege. Seit der Damm aber im August 2014 vom "Islamischen Staat" erobert wurde, ruhen die Arbeiten - obwohl die Angreifer nach wenigen Tagen von kurdischen Milizen und dem US-Militär wieder in die Flucht geschlagen werden konnten.

Maschinen und Personal seien weg, sagt Forscher Al-Ansari. Außerdem kontrolliert der "Islamische Staat" das Betonwerk, aus dem früher die Substanz zum Ausbessern kam. "Die zum Erhalt der strukturellen Stabilität des Mossul-Staudamms notwendigen Sanierungsmaßnahmen konnten in den letzten Jahren nur unzureichend durchgeführt werden", bilanziert das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen für den Irak. "Verlässliche Prognosen über die Stabilität des Damms können nicht abgegeben werden."

Zwischenzeitlich hatte es so ausgesehen, als würde ein deutsches Unternehmen bei der Sanierung zum Zuge kommen. Die Spezialtiefbaufirma Bauer AG hatte 2011 mit dem zuständigen Ministerium in Bagdad einen "Letter of Understanding" unterzeichnet - über einen 1,9-Milliarden-Euro-Auftrag. "Das Thema ist bei uns einfach nicht mehr aktuell", heißt es jetzt aber aus dem Unternehmen.

Stattdessen soll nun der italienische Trevi-Konzern am Damm helfen. Man sei kurz vor Abschluss der Verhandlungen, erklärt die Firma. Die Regierung in Rom will vorsichtshalber 450 Soldaten mitschicken, um die Arbeiten überhaupt möglich zu machen.

In der italienischen Hauptstadt will Nadhir Al-Ansari im April zwei Tage lang mit Kollegen darüber beraten, wie dem maroden Damm womöglich doch noch zu helfen ist. Seine einzige Hoffnung bisher ist ein Projekt, das flussabwärts vom Mossul-Stausee entstehen soll.

Der Badush-Damm, in den Achtzigern begonnen und nie fertiggestellt, könnte in einer zweiten Ausbaustufe womöglich eine Flutwelle aufhalten. Das Problem: "Der Baugrund steht nicht zur Verfügung", sagt ein Planer, der sich mit dem Projekt auskennt. Anders ausgedrückt: Der "Islamische Staat" kontrolliert die Region. Der Schutzdamm wird also vorerst nicht entstehen.

Aber vielleicht hat ja jemand noch eine andere Idee, sagt Forscher Al Ansari. Er klingt nicht allzu optimistisch.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
chiefseattle 29.01.2016
1. abwarten
Da kein Geld für Instandhaltung zu Verfügung steht, wird der Damm also irgendwann brechen. Ende Februar ist am wahrscheinlichsten. Und dann darf neu gebaut werden.
msvanessacheng 29.01.2016
2.
Wenn es stimmt, dass der Stausee nicht komplett entwässert werden kann, dann ist das Ganze ein Fehlkonstrukt. Die beste Lösung wäre, wenn der Damm wirklich bricht, nachdem die Bevölkerung evakuiert wurde. So kann eine andere (oder die selbe) deutsche Firma einen neuen Bauauftrag bekommen (auch gut) und den Stausee diesmal richtig bzw. an einem anderen Ort bauen.
tullrich 29.01.2016
3. 6 Tage
Soso, sechs Tage die Woche 24 Stunden pro Tag. Und am siebten Tage ruht die Arbeit logischerweise... Im Übrigen scheint dieser Staudamm nicht wirklich effizient zu sein, wenn man mehr Energie zur Stabilisierung reinstecken muss, als durch Strom herauskommt. Okay, Sadam Husseins Baath-Partei nannte sich sozialistisch, und dann noch die innerirakischen Gründe der Unterdrückung der Kurden - kein Wunder, dass das Ding überhaupt gebaut wurde.
hubie 29.01.2016
4. Ein Krieg für Gott,
der dazu führt, dass der Damm nicht zuende saniert werden konnte. Welch Ironie, jetzt gibts wohl bald ne Flutwelle, die natürlich auch ein Zeichen Gottes ist. Und zwar ein Zeichen dafür, dass dieser Krieg idiotisch ist und nichts als Leid über die Menschen bringt. Hoffentlich werden nur ISIS Anhänger mit diesem Zeichen gesegnet und erleuchtet...
steppenwolff 29.01.2016
5.
Bin ich der einzige, der es nicht für ausgeschlossen hält, dass die Kurden den Damm vielleicht bewusst brechen lassen wollen? Der IS in Mossul und Umgebung wäre dann besiegt. Mossul wäre dann natürlich weg.
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