"Mozart-Effekt" Rockmusik erleichtert Kopfarbeit

Klassik hilft bei der Konzentration und erleichtert kognitive Aufgaben. Diese Beobachtung nennen Psychologen "Mozart-Effekt". Schottische Forscher haben jetzt jedoch gezeigt: Rockmusik tut es ebenso.


Der Gitarrist Steve Vai - immerhin Ehrendoktor des Berklee College of Music und früher im Ensemble von Frank Zappa - verfügt ohne Frage über große Fingerfertigkeit. Bekannt ist er indes nur Rockmusikfans und Gitarristen. Das unterscheidet ihn vom Komponisten Wolfang Amadeus Mozart, dem besonders Menschen mit einer Abneigung gegenüber zeitgenössischer Unterhaltungsmusik eine gewisse Überlegenheit seines über 200 Jahre alten Pops bescheinigen. Ausgerechnet die Überlegenheit der Klassik über den Rock konnten schottische Forscher nun in Frage stellen. Mit Hilfe Steve Vais.

Gitarrist Steve Vai: Auch bei Rockmusik gibt es einen Mozart-Effekt
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Gitarrist Steve Vai: Auch bei Rockmusik gibt es einen Mozart-Effekt

Welche Musik hilft am besten, sich zu konzentrieren und anspruchsvolle kognitive Aufgaben zu erfüllen? Diese Forschungsfrage ist für jeden relevant, der während der Arbeit oder bei den Hausaufgaben gerne Musik hört.

Bislang schien die Antwort klar zu lauten: Klassik! Spätestens seit Frances Rauscher von der University of Wisconsin in Oshkosh 1993 in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" einen Aufsatz mit dem Titel "Music and spatial task performance" veröffentlicht hatte, fanden Eltern und andere Klassik-Freunde gute Gründe: Nach zehn Minuten von Mozarts Sonate in D-Dur für zwei Pianos (Köchelverzeichnis-Nummer 448) konnten sich Rauschers Probanden besser konzentrieren als ohne Musik. Mozartfans waren entzückt, die Kognitionspsychologie hatte einen neuen Begriff - den Mozart-Effekt, kurz ME.

Mozart-Effekt auch bei Schubert und Bach

In den folgenden zehn Jahren replizierten andere Forscher dieses Ergebnis mit den Werken weiterer klassischer Komponisten als Stimuli, darunter Schubert und Bach. Doch wie sollten Mozart und Co. als solche dem Gehirn zu besserer Aufmerksamkeitsleistung verhelfen? Eine Erklärung gab es dafür nicht.

1999 zweifelte Christopher F. Chabris von der Harvard University in Boston - ebenfalls in "Nature" - wenigstens die spezielle Relevanz des Wiener Wunderkinds an. "Präludium oder Requiem für den Mozart-Effekt" fragte er und vertrat die These, dass Musik nur ein Stimulus unter vielen sei, der Stimmung und Erregung beeinflusse und so auch zu erfreulichen Begleiteffekten führe. Tatsächlich ließen sich mit kurzen vorgelesenen Texten ähnliche Ergebnisse erzielen: Solche Probanden, die Hörbücher mochten, konnten sich danach auch besser konzentrieren.

Eine Option für die Berieselung während der Arbeit sind diese jedoch in den seltensten Fällen. Die These aber, dass klassische Musik etwas besonders Konzentrationsförderndes an sich hat, ließ sich nun immer weniger halten. Persönliche Präferenz schien der Schlüssel zu sein.

Im Labor: Rock gegen Klassik

Um das zu überprüfen, luden die Psychologen George Caldwell und Leigh Riby von der Glasgow Caledonian University acht Streicher zweier schottischer Orchester und acht Schüler der Glasgow School of Modern Guitar ein. Die Letztgenannten waren ausnahmslos Rock-Gitarristen. Die Versuchspersonen mussten einfache Konzentrationsübungen am Bildschirm verrichten, während sie zufällig mit Musikstücken beschallt worden: Beethovens zweite Symphonie und das Instrumentalstück "For the love of God" von Steve Vai, beide bei 50 Dezibel Lautstärke. Völlige Stille und ein gleichmäßiges Grundrauschen wechselten sich mit den Musikstücken ab.

Während der Experimente beobachteten Neuropsychologen die EEG-Wellenformen ihrer Testpersonen. Jene sogenannte P3-Welle, die den Forschern anzeigt, wie sehr sich ein Mensch für eine Aufgabe anstrengen muss, war immer dann niedriger, wenn ein Proband seine Lieblingsmusik hörte - die Streicher Klassik, die Gitarristen Rock. "Dieser Befund deutet darauf hin, dass Musikgeschmack und -wahrnehmung entscheidender für den Mozart-Effekt sind und nicht klassische Musik an sich", schreiben die Wissenschaftler in einem Beitrag, der der Fachzeitschrift "Consciousness and Cognition" zur Veröffentlichung vorliegt. Auch bei Rock geht Hirnarbeit also leichter von der Hand.

Allerdings deutet eine zweite Kurve ("N2") darauf hin, dass bei allen Probanden unterbewusste Prozesse durch die Beethoven-Symphonie begünstigt wurden. "Bemerkenswert", kommentieren die Forscher, "zusammenfassend kann man sagen, dass Klassik auf die unterbewussten Prozesse einwirkt, während die Wertschätzung für Musik sich in bewussten Aspekten der Wahrnehmung auswirkt." Der Gitarre spielende Ehrendoktor Vai indessen ist dafür bekannt, dass er in manchen seiner Lieder außer Einflüssen aus Rock, Fusion und Blues auch Elemente klassischer Musik integriert - kognitionspsychologisch kann das nur von Nutzen sein.

stx



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