Fälschungsvorwürfe Archäologen halten Bernstorfer Ornat für echt

Im Jahr 1999 wurde in einem Gräberfeld nahe München Goldschmuck gefunden - es entbrannte eine Debatte "voller Hass und Neid" um die Echtheit der Stücke. Eine neue Expertise sagt nun: Der Schmuck ist 3000 Jahre alt.

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Nicht nur ein kleiner, erlesener Kreis von Archäologen und Materialforschern verspricht sich viel von einem Buch, das an diesem Montag in München vorgestellt wird. Auch im bayerischen Kultusministerium wird man mit Bangen auf die Publikation schauen. Für die Wissenschaftler geht es um ihr Renommee, für den Staat um eine Menge Geld, das vielleicht für eine Fälschung ausgegeben worden sein könnte.

Der schwere Katalog mit dem Titel "Bernstorf" soll nun, so die Hoffnung, endgültig darüber aufklären, ob der Goldschmuck, der 1999 in dem kleinen Ort Bernstorf bei Freising gefunden wurde, tatsächlich rund 3000 Jahre alt ist und aus dem Mittelmeerraum stammt. Oder ob es sich um neuzeitliches Industriegold handelt, das Fälscher in einem historischen Gräberfeld verbuddelt haben.

Verbindung zwischen Bayern und Ägypten

Das Schmuckensemble besteht aus Goldblech. Neben einer Art Diadem fanden sich mehrere Anhänger, eine 33 Zentimeter lange Nadel, der Teil eines Gürtels und ein mit Gold umwickeltes Zepter.

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Fund in Bayern: 3000 Jahre altes Ornat

Die Expertise, herausgegeben von Rupert Gebhard, Leiter der Archäologischen Staatssammlung München und dem Frankfurter Experten für Früh- und Vorgeschichte, Rüdiger Krause, birgt keine wirklich Überraschung. Beide Wissenschaftler hatten sich in der 2013 aufgeflammten Auseinandersetzung längst festgelegt: Der Goldfund von Bernstorf sei echt und Beleg für eine bis zu seinem Auftauchen noch unbekannte Verbindung zwischen Bayern und Ägypten in der Bronzezeit. Somit eine archäologische Sensation.

Analysen und Aufsätze von zahlreichen Fachkollegen, die jetzt in dem neuen Bernstorf-Katalog zusammengefasst wurden, lassen die Herausgeber zum gleichen Fazit kommen. Es könne, heißt es am Ende, "kein einziges stichhaltiges Argument für das Vorliegen einer Fälschung namhaft gemacht werden".

Findige Hobbyforscher

Dass der Streit um den Schatz, zu dessen Ehren die Gemeinde Kranzberg bei Freising sogar 600.000 Euro in ein Museum investierte, damit erledigt ist, ist unwahrscheinlich. Zu unterhaltsam sind die Gerüchte, die sich darum ranken.

Zu interessant aber auch die Ergebnisse, die Gebhards Konterpart in dem Zwist, der Heidelberger Metallforscher Ernst Pernicka, präsentierte. Pernicka ist überzeugt, dass das Ornat aus zu 99,9 Prozent reinem Gold geschaffen wurde, das in der Natur nicht vorkommt und in der Bronzezeit noch nicht hergestellt werden konnte.

Das vermeintliche Wunder von Bernstorf ereignete sich 1999. Damals spazierten die beiden Heimatforscher und Hobbyarchäologen, der Internist Manfred Moosauer und die Bankkauffrau Traudl Bachmaier, über eine archäologische Grabungsstätte neben dem kleinen Ort Bernstorf.

Das Forscherteam hatte Jahre zuvor mitgeholfen, Siedlungsreste und eine Schanze aus der Bronzezeit frei zu legen. Dann kam das Projekt ins Stocken, die Funde erschienen nicht wichtig genug, und die Behörden genehmigten Kiesabbau auf dem historischen Gelände. Moosauers Einspruch war vergebens.

Kiesabbau wurde gestoppt

Doch es half der Zufall, so zumindest die Darstellung der beiden Finder. Im Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes entdeckten sie goldene Spangen, Gürtelteile, ein Diadem und ein mit Gold umwickeltes Zepter. Alles eingeschlagen in Lehmbrocken, eine in der Bronzezeit wohl übliche Art der Aufbewahrung von Kostbarkeiten.

Eine erste Analyse ergab die Verbindung zu Ägypten, angeblich soll das Gold von der gleichen Beschaffenheit sein wie Verzierungen im Grab des Pharaos Echnaton. Der Kiesabbau wurde gestoppt, Archäologen suchten weiter nach Sensationellem, fanden aber nichts.

Bevor die Bagger wieder in die Kiesgruben rollten, war das Duo Moosauer/Bachmeier erneut erfolgreich. Es stieß im Jahr 2000 auf Bernsteinamulette mit eingeritzten Zeichen, eines davon soll einer Goldmaske ähneln, die einst Agamemnon zugeschrieben wurde.

Nur eine Fälschung?

Der Freistaat Bayern zahlte knapp 600.000 Euro für die Funde. Seitdem soll sich, wie es Internist Moosauer einmal ausdrückte, um den Schatz eine Geschichte "voller Hass und Neid" entwickelt haben. Zweifel am Alter des Goldes und des Bernsteins wurden immer wieder geäußert. Der Ganze erinnert an einen Fund in Sachsen-Anhalt: die Himmelscheibe von Nebra. Auch dort gab es eine Debatte über deren Echtheit.

Merkwürdig erschien den Kritikern im Fall Bernstorf vor allem die Unversehrtheit des Goldes. Denn die bronzezeitliche Siedlung wurde nachweislich von einem verheerenden Brand heimgesucht, bis zu 1300 Grad Celsius heiß muss das Feuer gewesen sein, wie Materialproben ergaben.

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Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

Auch ein langer Holzstab, das mit Gold umwickelte Zepter, war völlig verkohlt und ist ebenso alt wie die Holzreste der historischen Schanze. Doch das Gold selbst blieb bis auf Gebrauchsspuren unbeschädigt. Auch die Lehmhülle, die bei 1300 Grad verschlackt, ist unverändert.

Materialforscher Pernicka stellte schließlich fest, dass das Ornat aus beinahe reinem Gold besteht. In Naturgold ist stets ein Anteil Silber und Kupfer enthalten. In der Bronzezeit, sagt Pernicka, habe man jedoch über keine Technik verfügt, um Gold derart zu läutern. Das Ornat müsse also nachträglich mit Industriegold der Neuzeit hergestellt worden und deshalb eine Fälschung sein.

Keine Zweifel?

Stimmt nicht, urteilen nun Gebhard und Krause in ihrem neuen Bernstorf-Katalog. Es habe durchaus antike Methoden der so genannten Zementation gegeben, um Gold zu reinigen. Umfangreiche Quellen aus dem Vorderen Orient belegten, dass die Verwendung von hochreinem Gold in größerem Umfang üblich gewesen sei, als europäische Forscher wahrgenommen hätten.

Zudem erlaube die Metallanalyse keine Bewertung darüber, ob der Goldfund echt sei. Auch Mikrospuren an der Oberfläche des Goldes würden kein verwertbares Datum ergeben.

Dagegen halten es die für den Katalog bemühten Experten für beinahe unmöglich, das Ornat derart detailgetreu zu fälschen. Eine Imitation der natürlich entstandenen Spuren auf dem filigran verzierten Schmuck hätte aufwendige und zeitintensive Versuche erfordert. Die Wissenschaftler schätzen, dass Fälschern nach den ersten Grabungen in Bernstorf und dem Auffinden des Schatzes nur etwa sechs Wochen Zeit geblieben wären.

Zusammenfassend schreiben Gebhard und Krause, es gebe keine Zweifel an der Echtheit des Goldschmucks. Die Funde von Bernstorf seien "herausragende Zeugen" der raumgreifenden mitteleuropäischen Kulturentwicklung.

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