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Mumienrätsel gelöst: Im Diva-Sarg ruht ein Pharaonenspross

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Schon lange vermuteten Wissenschaftler, dass in dem Sarkophag einer Tempelsängerin im britischen Bolton Museum gar nicht die Diva persönlich liegt. Jetzt steht fest: In dem Sarg steckt einer der 45 Söhne des großen Pharaos Ramses II.

Tawhenut war zu Lebzeiten wahrlich keine Schönheit. Bedingt durch einen starken Überbiss hatte sie vorstehende Hasenzähne. Eine große Hakennase dominierte ihr Gesicht. Und die Augen lagen nicht auf einer Achse, sondern schielten im Gespräch quer ihr Gegenüber an. Auf ihrem Sarkophag aber trauern zwei Göttinnen bitterlich um den Körper der Toten.

Auf einem anderen Bild ist sie in schöne, fließende Leinengewänder gehüllt, während eine weitere Göttin ihr kühles Wasser spendet – nach dem ägyptischen Totenglauben ein wichtiges Ritual für ein erfolgreiches Leben im Jenseits. Die Götter huldigten ihr, denn Tawhenut hatte eine besondere Gabe. Zu ihren Lebzeiten, während der 3. Zwischenzeit, um das Jahr 900 vor Christus, hatte sie die Gläubigen im Tempel des Amun Re, König der Götter, mit ihrem lieblichen Gesang erfreut.

Dass etwas mit Tawhenut nicht stimmte, vermutete man im Museum der Stadt Bolton in der englischen Grafschaft Lancashire schon lange. Denn der Sarkophag war ihr einige Nummern zu klein. Die halb ausgewickelte Mumie war nur mit Mühe und Not in die Basis des schönen Sarkophages gestopft worden, frisch präpariert hätte sie gar nicht hineingepasst. Eine Röntgenaufnahme in den sechziger Jahren bestätigte den Verdacht. Zwischen den Beinen der Mumie fanden die Wissenschaftler den eindeutigen Beweis: In dem Sarkophag lag nicht Tawhenut. Sondern ein fremder Mann.

Im Doppelpack besser verkäuflich

"Die Mumie kam in den dreißiger Jahren zu uns", erzählt Tom Hardwick, Kurator der ägyptischen und archäologischen Sammlung des Bolton Museums, die Geschichte der angeblichen Sängerin. Ein Vorfahr des Stifters brachte sie wahrscheinlich um 1880 von einer Ägypten-Reise mit. "Ich denke, dass die Mumie in den Sarg gequetscht wurde, um einen besseren Preis zu erzielen", sagt Hardwick im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Im Doppelpack waren die beiden zusammen mehr wert als nur ein Sarkophagunterteil oder nur die Mumie alleine." Der Deckel des Sarges muss schon vorher irgendwann im Dunkel der Geschichte abhanden gekommen sein.

Doch wer war der hässliche Mann in dem Sarg der schönen Frau? Diese Frage zu klären, hat sich ein Team der York University zur Aufgabe gemacht. Die Forscher schoben die Mumie in den Computertomografen des örtlichen Krankenhauses und fertigten erneut Röntgenaufnahmen an. Zudem untersuchten sie den Leichnam mit einem Gas-Chromatografen, der mit einem Massenspektrometer gekoppelt war. So konnten sie die Substanzen bestimmen, mit denen der Tote einst einbalsamiert worden war. Jedes neue Testergebnis ergänzte das Puzzle, schließlich waren sich die Wissenschaftler zu 90 Prozent sicher: In dem engen Sarkophag lag nicht einfach irgendwer. Die Mumie war ein Sohn des mächtigen Pharao Ramses II.

Der Vater des Toten regierte als dritter Pharao der 19. Dynastie von 1279 bis 1213 vor Christus. Während dieser Zeit herrschte fast 50 Jahre lang Frieden in Ägypten. Wirtschaft und Kultur blühten, überall im Land wurden neue Tempel errichtet. Ohne Zweifel, es war eine fruchtbare Zeit für das Land am Nil. Und fruchtbar war auch sein Herrscher. Ramses II. zeugte wissenschaftlich nachweisbar mindestens 40 Töchter und 45 Söhne. Und einer davon endete im Sarg einer Tempelsängerin. Seine Gesichtszüge glichen fast auf den Millimeter genau denen seines Vaters.

Kahl geschorener Kopf verrät den Beruf

Doch wahrscheinlich hat er seinen Erzeuger nicht überlebt. Ramses II. wurde für damalige Verhältnisse steinalt, er starb erst im Alter von 85 Jahren. Einst war er stolze 1,75 Meter groß gewesen, mit heller Haut und flammend roten Haaren. Doch gegen Ende seines Lebens plagten den großen Pharao Entzündungen der Wirbelsäule, er konnte nur noch tief gebeugt am Stock gehen. Sein Sohn aus dem Sängerinnensarkophag erlebte nicht einmal halb so viele Sommer. Er starb zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr. Zu seinem Todeszeitpunkt war er bis auf die Knochen abgemagert. Das, schließen die Wissenschaftler aus York, deutet auf eine lange, siechende Krankheit hin. Wahrscheinlich starb er an Krebs.

Eine bedeutende Rolle in der Politik des Reiches spielte der Tote zu Lebzeiten wohl kaum. Seine Frisur verrät seinen Beruf: Er hatte den kahl geschorenen Schädel eines Priesters. Die Nachfolge von Ramses II. machten andere seiner 44 Brüder unter sich aus. Am Ende übernahm der 13. Sohn des großen Pharao, Merenptah, die Amtsgeschäfte.

Unter so vielen Nachfahren war die Rangordnung streng, und die Mumie aus dem Bolton Museum dürfte eher auf den unteren Stufen der Machtpyramide gestanden haben. Zwar ist der Leichnam mit kostbaren Substanzen einbalsamiert, jedoch ohne jeglichen Schmuck. Das merkten bald auch die Schatzsucher, die irgendwann in der Vergangenheit einmal damit begonnen hatten, die Mumie auszuwickeln. "Denen wurde sehr schnell langweilig", kommentiert Tom Hardwick ihren halbherzigen Versuch. "Sie haben jedenfalls nichts gefunden, es gibt nicht einmal Abdrücke von Schmuckstücken auf der Haut der Mumie."

Hauptsache, man gerät nicht in Vergessenheit

Dafür waren die Salben, mit denen der Tote einbalsamiert wurde, von feinster Qualität, gemischt mit Pistazienharz von der fernen Levanteküste und Thymian, dem Gewürz der Priester und Pharaonen. "Das Spannendste aber ist, dass für die linke Körperhälfte eine andere Salbe verwendet wurde als für die rechte", erklärt Hardwick. Auf der linken Seite verwendeten die Einbalsamierer eine Tinktur, deren aromatische Essenzen in Schafsfett gelöst waren. Für die rechte Seite diente Kuhfett als Basis.

"Vielleicht hat das eine religiöse Bedeutung", spekuliert Hardwick. Das Schaf war im alten Ägypten dem Sonnengott Amun Re heilig. Die Kuh hingegen war das Tier der Hathor, der Himmelsgöttin des Westens. Außerdem galt sie als Göttin für Tanz, Kunst und Musik – gab es vielleicht letztendlich doch eine Verbindung des Toten zu der Tempelsängerin Tawhenut? "Es könnten auch einfach nur Salben aus zwei unterschiedlichen Chargen gewesen sein", sagt Hardwick. Dies hält er zumindest für wahrscheinlicher.

Auch wenn der Tote zu Lebzeiten nur ein vernachlässigter Sohn des großen Pharaos war, hat er es zumindest jetzt im Bolton Museum sehr gut. "Die alten Ägypter taten alles, um nach ihrem Tod nicht in Vergessenheit zu geraten", schmunzelt Hardwick. "Und jetzt führen wir für den Toten alle diese Tests durch, um die Mumie aus der Vergessenheit wieder herauszuholen."

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