Munition in der Ostsee Gift und Sprengkraft aus der Tiefe

Alte Bomben, giftige Chemikalien, plötzliche Explosionen - Experten schlagen Alarm: Die Ostsee ist in den kommenden Jahren durch rostende Munition akut bedroht. Schon jetzt gebe es beunruhigende Zwischenfälle. Trotzdem untersuchen die Behörden das Problem nur sporadisch.

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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Ostsee im großen Stil als Munitionsklo missbraucht - heute bedrohen alte Minen, Bomben und Torpedos das Meer und seine Anwohner. Bis zu 3000 Kilogramm Munition im Jahr gehen einem Fischer ins Netz, berichtet der Umweltgutachter Stefan Nehring. Regelmäßig registrieren Erdbebenmessgeräte Detonationen im Meer, sagte der Umweltingenieur Marc Koch bei einer Internationalen Tagung zu Munition in der Ostsee, die am Wochenende in Berlin stattfand.

Giftige Kampfstoffe werden künftig vermehrt an die deutschen Küsten angeschwemmt, warnte auch Robert Zellermann, lange Jahre der oberste Kampfmittelräumer Niedersachsens. Denn die meisten Bomben seien inzwischen durchgerostet, Strömungen würden das Gefahrgut verstreuen. Etwa ein Drittel des Ostseebodens sei bereits mit Kampfstoffen überzogen.

Der russische Umweltforscher Tengis Borisow warnte in Berlin vor einem Desaster, das "mit dem Reaktorunglück von Tschernobyl vergleichbar" sei. Strandbesucher, Fischer und Schiffsbesatzungen seien in Gefahr - und Ostseefisch könnte womöglich ungenießbar werden. Die Mehrheit der Experten sieht die Bedrohung durch den Munitionsmüll indes etwas gelassener. Das Ausmaß lässt sich jedoch kaum abschätzen, weil Untersuchungen bislang fehlen.

Besonders die Gefahr durch chemische Kampfstoffe wird nach Ansicht der Experten unterschätzt. Sie können zu schweren Verbrennungen und Verätzungen führen, Erblindung verursachen und Krebs auslösen - wie es vielen Fischern und Marinesoldaten bereits passiert ist. Würden die unscheinbaren Stoffe an Bord eines Fischerbootes nicht rechtzeitig bemerkt, verteilten sie sich über den Fischfang, warnt Zellermann. Die Gifte drohten in die Nahrungskette zu gelangen, sagte der estnische Forscher Arnold Pork. Fischer hätten in den letzten Jahren vermehrt mutierte Tiere aus der Nähe verklappter Munition gefangen.

Gefahr durch Geheimhaltung

Große Menge des Nervengiftes Tabun seien entgegen ursprünglicher Informationen der USA in der Ostsee versenkt worden, berichtet Kampfmittelexperte Zellermann. Er präsentierte in Berlin Dokumente, die belegen sollten, dass die USA im Skagerrak in der nördlichen Ostsee rund eine halbe Million Tabun-Bomben verklappt hätten. "Die Aufzeichnungen zeigen nur das Minimum, die Mengen sind vermutlich weitaus größer", sagte Zellermann. "Es muss verhindert werden, dass die Stoffe an die Strände schwemmen", forderte die russische Regierungsvertreterin Irina Osokina.

Munitionsgrab: Diese Fundstellen sind den Behörden bekannt oder werden vermutet. Experten gehen jedoch davon aus, dass tatsächlich ein wesentlich größerer Teil der Ostsee betroffen ist

Munitionsgrab: Diese Fundstellen sind den Behörden bekannt oder werden vermutet. Experten gehen jedoch davon aus, dass tatsächlich ein wesentlich größerer Teil der Ostsee betroffen ist

Auch überraschende Bombenfunde in Küstennähe zeigen, dass die Bedrohung anscheinend unterschätzt wird. Erst kürzlich hatte ein Fernsehteam in der Kieler Förde 70 Torpedo-Sprengköpfe und Minen entdeckt, deren giftiger TNT-Sprengstoff ins Wasser bröckelt. Schon im Jahr 2001 waren zwei Dutzend Wasserbomben und 3000 Granaten in der Flensburger Förde gefunden worden.

Wie viele Unfälle es gibt, ist unklar. Nur Dänemark veröffentlicht eine Statistik. Dort verletzen sich jährlich etwa 20 Menschen durch Kampfmittel aus dem Meer. 2005 tötete eine Bombe drei niederländische Fischer an Bord ihres Kutters. Auch auf der deutschen Nord- und Ostsee kommt es jedes Jahr zu Unfällen. Wie SPIEGEL ONLINE von Insidern erfuhr, führen mehrere Bundesländer entsprechende Unfallstatistiken.

Aufzeichnungen unvollständig - und mittlerweile gelöscht

Doch deutsche Behörden bestreiten, über systematische Aufzeichnungen zu verfügen - und verweisen auf die jeweils Anderen. Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD) erklärte in einem Schreiben an Angelika Beer, Abgeordnete der Grünen im Europaparlament, Hamburg führe eine Unfallstatistik. Das seien lediglich sporadische Aufzeichnungen des Kampfmittelräumdienstes, erklärte aber die Hamburger Innenbehörde gegenüber SPIEGEL ONLINE. Herausgeben wollte sie diese nicht. Die Daten ließen "keine Rückschlüsse zu", sie seien unvollständig - und "zwischenzeitlich gelöscht" worden.

Auch der Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holsteins verfügt nach eigener Auskunft nur über "unvollständige Aufzeichnungen" von Munitionsunfällen. Eine vollständige Statistik könne man kaum erstellen, denn Unfälle seien nicht meldungspflichtig. "Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen", sagte Beer zu SPIEGEL ONLINE. Die Behörden verschlössen die Augen vor der Gefahr, das sei unverantwortlich. "Fakten werden so verdreht, dass sich die Balken biegen."



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