Munition in Nord- und Ostsee Explosive Gefahr auf dem Meeresgrund

Seit über 60 Jahren liegen Munitionsreste auf dem Grund der Nord- und Ostsee. Die Behörden glauben, die Gefahr im Griff zu haben. Doch Experten warnen vor einem trügerischen Sicherheitsgefühl: Immer mehr Bomben und Granaten würden durchrosten und ihren Inhalt freigeben.

Von Inke Suhr


Der sichtbarste Hinweis auf ein Problem, dass seit 60 Jahren auf dem Meeresboden in Nord- und Ostsee vor sich hin rostet, steht am Strand von Usedom. Ein Schild warnt Strandbesucher vor einer jahrzehntealten Gefahr: Phosphor aus Munition, die im Zweiten Weltkrieg ins Meer fiel, könne an den Strand gelangen.

Munitionsbergung vor der Ostseeinsel Usedom: Gefährliches Erbe des Krieges
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Munitionsbergung vor der Ostseeinsel Usedom: Gefährliches Erbe des Krieges

Seit 1979 gibt es hier Berichte über Bernsteinsammler, die Phosphor-Brocken mit fossilem Harz verwechselt und sich schwere Verbrennungen zugezogen haben. Doch die Behörden tun sich schwer mit dem Erbe des Krieges. Die Schilder auf Usedom wurden erst 1998 aufgestellt - nachdem ein Urlauber vor dem Landgericht Stralsund die Gemeinde auf Zahlung von Schmerzensgeld verklagte.

Nicht nur auf Usedom bedroht das Erbe der Weltkriege Mensch und Natur. In allen deutschen Küstengewässern lagern Spreng- und Kampfstoffe. "Die Daten sind lückenhaft, aber allein in der deutschen Nordsee handelt es sich um mindestens 400.000 Tonnen", sagt der Koblenzer Meeresbiologe Stefan Nehring. "Im schlimmsten Fall müssen wir mit 1,3 Millionen Tonnen hochgiftiger und explosiver Stoffe rechnen."

Nehring ist den Bomben im Meer seit zwei Jahren auf der Spur. Für ein Gutachten über Schadstoffquellen in der Elbmündung durchsuchte er Archive, Zeitungsartikel und Logbücher nach Informationen zu den Kriegsaltlasten am Meeresgrund.

In Usedom war der Fall leicht: Der Phosphor stammt von einer Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. 40 Prozent der britischen Bomben verfehlten 1943 ihr Ziel und versanken im Meer, ohne zu explodieren. 60 Tonnen entzündlichen und hochgiftigen weißen Phosphors vermutet Nehring vor der Ostseite der Insel. Der größte Teil der Munition in Nord- und Ostsee stammt allerdings aus gezielten Versenkungen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten angeordnet wurden. Vor allem in die dänische Ostsee gelangten auf diese Weise Nervengasgranaten; um Bornholm und im Skagerrak sind deshalb große Gebiete für die Fischerei gesperrt.

An der Nordseeküste wurde hauptsächlich konventionelle Munition verklappt: Granaten, Minen und Panzerfäuste landeten im Meer. Heute sind 13 Flächen in den Seekarten mit dem Hinweis "Unrein Munition" gekennzeichnet. "Die Verteilung ist aber sehr weiträumig", sagt Nehring. Die Hälfte der Fischer, die die Verklappungen ausführten, kippten den Sprengstoff schon auf halbem Wege zu den vorgesehenen Gebieten über Bord.

500 Kilo Munition pro Quadratkilometer als Normalfall

Aufgrund der flächendeckenden Verunreinigung gilt innerhalb der Deutschen Bucht seit 1993 eine halbe Tonne Munition pro Quadratkilometer als normale Belastung, die nicht extra gekennzeichnet werden muss. Dadurch verschwanden 4 von 17 verseuchten Gebieten aus den amtlichen Seekarten. "So geht Wissen verloren", kritisiert Nehring. "Die Meeresschutzkonvention Ospar, der Deutschland angehört, fordert ihre Mitglieder auf, alle Informationen über solche Gebiete zu sammeln."

148 Verklappungsstellen wurden im Zuge des Abkommens bis 2005 in Nordatlantik und Nordsee aufgespürt. Deren Kennzeichnung kann lebenswichtig sein: Erst im vergangenen Frühjahr starben drei niederländische Fischer, als eine Bombe auf dem Deck ihres Schiffes explodierte.

Unumstritten ist, dass eine Bergung der Munition derzeit technisch nicht machbar ist. "Nach 60 Jahren sind viele der Ummantelungen durchgerostet, ein Einsammeln birgt daher noch größere Gefahren, als das Zeug da liegen zu lassen", sagt Gerd Liebezeit vom Forschungszentrum Terramare in Wilhelmshaven. Er ist einer der wenigen Forscher, der Schadstoffmessungen in Verklappungsgebieten durchgeführt hat. "Das letzte Mal haben wir 2002 bei Helgoland gemessen und keine Belastungen gefunden. Man sollte allerdings regelmäßig nachsehen, und das passiert nicht."

Im niedersächsischen Umweltministerium sieht man die Dinge anders. "Bei uns ist die Datenlage gut, wir überwachen das", so Sprecher Magnus Buhlert. "Unsere Proben aus den neunziger Jahren haben gezeigt, dass die ökologische Belastung nicht signifikant ist."

"Irgendwann rosten sie"

Solche Aussagen bewertet der Meereschemiker Heinrich Hühnerfuß von der Universität Hamburg als gewagt. Dem Analytikexperten sind keine regelmäßigen Untersuchungen bekannt, denn bei den Standardmessungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt würden keine Sprengstoffanalysen gemacht.

"Es wird immer gesagt, solange die Hüllen nicht rosten, besteht keine Gefahr. Irgendwann rosten sie aber, und dann haben wir über Jahrzehnte einen diffusen Eintrag. Und diffuse Einträge können politisch immer abgewiegelt werden." Eine Risikobewertung wäre nur nach Profilmessungen über den Verklappungsgebieten möglich, und die seien teuer.

Dieses Problem treibt auch Nehring um. Er wirft den Behörden vor, die Gefahr herunterzuspielen. Denn in den Berichten über den Zustand der Nordseeküste, die derzeit wegen der EU-Wasserrahmenrichtlinie nach Brüssel geschickt werden, tauchen die Rüstungsaltlasten nur in Nehrings Unterelbe-Gutachten als ein Problem auf, dass besser erforscht werden müsse.

In den Berichten zu anderen Küstenabschnitten heißt es dagegen, das Verklappungsgut berge keine Gefahren oder sei gar nicht vorhanden. "Dabei ist die Lage entlang der gesamten Küste gleich", erklärt Nehring. "Ich kann nur vermuten, die Behörden scheuen die Kosten, die mit wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen verbunden sind."



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