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Ausgegraben

Musik früherer Jahrhunderte Von wegen alte Leier

Musik-Archäologie: Der Sound der Vergangenheit Fotos
National Museum Copenhagen

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Wie klangen Knochenflöten, auf denen Menschen in der Altsteinzeit musizierten? Wie hörte es sich an, wenn zu religiösen Festen die Musiker in den Steinkreisen von Stonehenge aufspielten? Mit welcher Musik füllten die Griechen ihre Theater und die Römer ihre gewaltigen Bühnen? Ein archäologisches Projekt bietet Antworten.

"Unser Ziel ist es, ein europäisches musikalisches Kulturerbe zu finden, das weit in die Vergangenheit zurückreicht", sagt Arnd Adje Both, Kurator des Projekts, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwei Millionen Euro hat die Gruppe von Archäologen, Musikwissenschaftlern, Instrumentenbauern, Komponisten, Musikern, Filmemachern, Sounddesignern und Multimediakünstlern vom Kulturprogramm der Europäischen Kommission dafür zugesprochen bekommen. Weitere zwei Millionen Euro für das European Music Archaeology Project (EMAP)bringen insgesamt zehn Institutionen auf, die am Projekt teilnehmen.

Auftritte mit alten Instrumenten

Das musikalische Erbe sollen Menschen hören können: "Die zwei Standbeine unseres Projekts werden eine multimediale Wanderausstellung und Performances mit alten Instrumenten sein", sagt Both. Dafür müssen viele der Instrumente neu gebaut werden. "Wir können ja nicht die Originale aus den Museen holen", sagt Both. "Das wäre viel zu teuer - die Versicherung für eine ständig den Ort wechselnde Ausstellung könnte niemand bezahlen." Außerdem sind nur wenige Originale noch spielbar.

Also machen sich in ganz Europa die Musikforscher an die Arbeit.

  • Im schwedischen Malmö schnitzen Cajsa Lund und Åke Egevad Knochenflöten nach dem Vorbild steinzeitlicher Funde aus Höhlen.
  • Im spanischen Valladolid formt die Musikhistorikerin Raquel Jiménez Pasalodos keltische Trompeten aus Keramik.
  • Im österreichischen Wien baut der Philologe Stefan Hagel altgriechische Instrumente - das Saiteninstrument Kithara und die Doppelschalmei, Aulos.
  • An einer Rekonstruktion ihrer römischen Nachfolgerin, der Tibia, die mit einem frühen Mechanismus zur Veränderung des Klanges versehen war, arbeiten in Berlin und London die Musikwissenschaftlerin Olga Sutkowska und der Ingenieur Peter Holmes.

Es bleibt bei weitem nicht nur bei den Instrumenten. Wie und wo wurden sie gespielt? Wer trug die Musik vor, wer hörte zu? Hagel stellt eine Möglichkeit vor, wie Sänger im alten Griechenland die homerischen Heldenlieder vorgetragen haben können - den Gesang improvisierend auf den Tönen der vierseitigen Phorminx.

Faszinierende Resonanz im Steinkreis

Und war sogar Stonehenge am Ende für musikalische Performances gebaut? Der Musiktechnologe Rupert Hill von der University of Huddersfield hat es in der originalgetreuen Replik der Steinkreise im US-amerikanischen Maryhill ausprobiert: "Wir haben den ganzen Innenraum in Resonanzschwingungen versetzt, wie ein Weinglas, wenn man mit einem feuchten Finger um den Rand streicht", beschreibt er den Effekt. "Schon ein einziger Trommelschlag wurde so zu einem dramatischen Geräusch."

Musik kennt keine Grenzen. Gerade deshalb ist EMAP ein Projekt, das ganz Europa umspannt. Über die Musik können Archäologen soziale Netzwerke nachvollziehen, die sich von Nord nach Süd und von Ost nach West kreuz und quer durch Europa zogen. Saiteninstrumente aus dem Mittelmeerraum der klassischen Antike wurden bald auch in Zentral- und Nordeuropa populär. Andersherum eroberten die großen Hörner aus Metall, die zuerst an der Ostseeküste und auf den Britischen Inseln erschallten, in der Bronzezeit den Süden Frankreichs und Etrurien. Und den Lituus, ein etruskisches Blasinstrument, fanden sowohl Römer als auch Kelten so toll, dass sie ihn spielten.

Papiere für die Knochenflöte

In etwa drei Jahren soll Europa mit den Instrumenten der Vergangenheit musizieren können. Die Wanderausstellung zeigt Besuchern dann die Instrumente, ihre Geschichte und Herstellung - und wer möchte, kann sie auch selber versuchen zu spielen. Ein "Multimedia-Sound-Space" führt die Besucher durch die verschiedenen Kulturen und ihre Klangwelten. Parallel finden wechselnde Konzerte statt, bei denen die Forscher und Künstler von EMAP vorstellen, was sie im Rahmen des Projekts erarbeitet haben. Katalog, Kinderbuch und CDs ergänzen das Programm.

Doch bis Europa wieder klingt wie früher, ist noch viel zu tun. "Ich schlage mich vor allem mit viel Papierkram herum", stöhnt Both, der als Kurator für den reibungslosen Ablauf der Ausstellung zuständig ist. "An vieles denkt man zuerst gar nicht. Zum Beispiel sind die Nachbauten der Knochenflöten aus Knochen von geschützten Tieren wie Geiern und Schwänen. Die darf man nicht ohne weiteres über Grenzen transportieren."

Both besitzt selbst einige Instrumente aus der Vergangenheit, darunter Schwirrholz - "ein Nachbau aus Rentiergeweih", verrät er. "Das Original wurde in einer Höhle in Frankreich gefunden und ist 15.000 bis 14.000 Jahre alt." Wie klingt es, wenn so ein Schwirrholz in einer Höhle am langen Band in schnellen Bewegungen herumgeschleudert wird? "Irre!", sagt er und strahlt.

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stauner 28.12.2013
Layer_8 28.12.2013

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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