Mutterliebe Das stärkste Gefühl entschlüsselt

Von Tina Baier

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Warum die Menschen ohne Mutterliebe wie Galapagos-Echsen wären 


Ist ein menschliches Gehirn einmal auf Kinder gespurt, sind keine Hormonschübe oder langwierigen Lernprozesse mehr notwendig, um mütterliches Verhalten auszulösen. Es genügen kleinere Reize, etwa der bloße Anblick eines Babys. Was dabei im Gehirn passiert, haben Andreas Bartels und Semir Zeki vom University College in London herausgefunden: Sie zeigten 20 jungen Müttern Bilder ihrer eigenen Kinder und scannten gleichzeitig die Gehirne der Frauen. Der Anblick ihrer Säuglinge verursachte einen starken Anstieg der Aktivität im so genannten Belohnungsschaltkreis, zu dem unter anderem der Nucleus accumbens gehört, der auch bei Drogenkonsum und sexueller Erregung aktiv wird. Ein solcher Mechanismus könnte zum Beispiel erklären, warum etwa Mäusemütter geradezu süchtig nach Babys werden können. Setzt man sie in einen Käfig, in den jedes Mal eine Babymaus purzelt, wenn sie einen Hebel drücken, können sie gar nicht mehr damit aufhören. Die Maus betätigt den Hebel auch dann noch, wenn es im Käfig von winzigen nackten Mäusen wimmelt, die sie gar nicht alle aufziehen könnte.

Nachwuchs löst Belohnung aus

Mutterschaft hinterlässt ihre Spuren aber auch in Hirnregionen, die nur indirekt mit der Sorge um den Nachwuchs zu tun haben: Es gibt Hinweise, dass Mütter schlauer und mutiger sind als gleichaltrige alte Jungfern - zumindest dann, wenn es sich um Rattenmütter handelt. Die finden Futter, das in einem Labyrinth versteckt ist, schneller und können sich diesen Ort besser merken als kinderlose Weibchen. Zudem nehmen sie größere Risiken auf sich, etwa um einen Futterbrocken an einer ungeschützten Stelle zu ergattern. Einige Untersuchungen am Menschen scheinen darüber hinaus zu bestätigen, was viele Frauen längst geahnt haben: Mütter haben ein geschärftes Wahrnehmungsvermögen. Das hat zur Folge, dass sie beim leisesten Räuspern ihres Babys hellwach sind, während der Vater selbst bei Gebrüll ungerührt weiterschlummert.

Dieses starke Fürsorgeverhalten, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, scheint die älteste Form von Liebe überhaupt zu sein. Es datiert weit in die Evolution zurück. "Mutterliebe ist eine Schlüsselerfindung der Natur, aus der sich alle anderen Formen der Bindung zwischen Menschen entwickelt haben", sagt der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt. "Sie ist der Ursprung von Mitempfinden, Mitleid, romantischer Liebe zwischen Erwachsenen und auch aller höheren Formen von Geselligkeit." Ohne Mutterliebe wären Menschen wahrscheinlich wie die Galapagos-Echsen, die zwar gesellig dicht beieinander leben, die einander aber nichts Freundliches tun können. Ein Echsenmännchen etwa, das sich mit einem Weibchen paaren möchte, kann dies nicht anders ausdrücken als durch Einschüchterung der Auserwählten.

Viele Indizien sprechen mittlerweile dafür, dass die Liebe zwischen Mutter und Kind vor der romantischen Liebe existierte. Etwa aus der Verhaltensforschung: "Zärtlichkeit zwischen Erwachsenen gibt es nur bei Arten, die sich auch um ihre Kinder kümmern", sagt Eibl-Eibesfeldt. Zudem stamme das Verhaltensrepertoire turtelnder Erwachsener oft aus dem Mutter-Kind-Bereich. Das ist bei Tieren nicht anders: Wenn ein Spatz um ein Weibchen wirbt, zittert er mit den Flügeln wie ein bettelndes Küken. Die Angebetete reagiert mit zärtlichem Füttern. Auch beim Menschen hat Eibl-Eibesfeldt viele solcher Infantilismen beobachtet. Die Trippelschritte etwa, mit denen sich traditionell gekleidete Japanerinnen fortbewegen, sind verhaltensbiologisch nichts anderes als das Zittern des Sperlings: ein kindlicher Appell an potenzielle Versorger. Und wenn der Büronachbar mit der Geliebten telefoniert, wechselt er in eine höhere Tonlage, was auch typisch ist für die Mutter-Kind-Kommunikation.

Sogar physiologische Beweise gibt es heute für die Ursprünglichkeit der Mutterliebe. So wird etwa das Bindungshormon Oxytocin auch beim Sex ausgeschüttet. Aus Sicht der Natur ist die Freisetzung dieser Substanz ohnehin der einzige Grund, aus dem Menschen auch in der unfruchtbaren Zeit miteinander schlafen: Eltern sollen aneinander gebunden werden, damit sie sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. Im Gehirn läuft dabei der Belohnungsschaltkreis auf Hochtouren - derselbe Mechanismus, den der Anblick ihres Kindes bei der Mutter auslöst.

Für das Kind hingegen bedeutet diese Liebe vor allem Sicherheit. "Seit mehr als 35 Millionen Jahren ist Sicherheit für Primatenbabys gleichbedeutend damit, Tag und Nacht ganz nah bei ihren Müttern zu bleiben", schreibt Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Buch "Mutter Natur". "Wer die Verbindung verlor, war so gut wie tot." Scheußliche Versuche mit Affenbabys haben belegt, wie stark der frühe Drang nach dem Kontakt mit der Mutter ist: Der Psychologe und Primatenforscher Harry Harlow bot kleinen Rhesusaffen unterschiedliche Mutterattrappen an, darunter blanke Drahtgestelle und sogar eine misshandelnde Mutter mit Stacheln. Die Affenbabys klammerten sich an jeder Konstruktion verzweifelt fest, um nicht allein zu sein. Dieses evolutionäre Erbe sitzt auch beim Menschen so tief, dass Kinder, die von ihrer Mutter misshandelt werden, todunglücklich sind, wenn sie von ihr getrennt werden.

Kinder, die ihre Mutter verlieren, erleiden einen Schock, versuchen dann aber, eine Beziehung zu einer neuen Bezugsperson aufzubauen. Ein Kind, dem dies nicht gelingt, wird entweder apathisch und geht gar keine Bindung mehr ein. Oder es lernt, schnell Kontakte zu knüpfen, ohne sich emotional zu engagieren. Der Psychoanalytiker John Bowlby, der als Erster annahm, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind biologische Grundlagen habe, schildert es so: "Ein Kind, das in einem Heim oder Krankenhaus lebt ... wird über einen Wechsel seiner Bezugspersonen nicht mehr traurig sein. Es wird seinen Eltern gegenüber ... keine Gefühle mehr zeigen ... Das Kind wird gut gelaunt ... erscheinen. Aber diese soziale Angepasstheit ist oberflächlich; man erkennt, dass das Kind sich aus niemandem mehr etwas macht."

Körperkontakt spiegelt sich im Hormonspiegel

Seth Pollack von der University of Wisconsin, der den Einfluss mangelnder Mutterliebe auf den Oxytocinhaushalt von Kindern untersucht hatte, stützt Bowlbys Beobachtung. Pollack verglich den Hormonhaushalt von 18 Vierjährigen, die sofort nach der Geburt in ein rumänisches oder russisches Waisenhaus gekommen waren und später von amerikanischen Stiefeltern adoptiert wurden, mit dem Hormonhaushalt gleichaltriger amerikanischer Kinder, die bei ihren Eltern aufwuchsen. Zu Beginn seiner Studie bestimmte er die Oxytocinkonzentration im Urin aller Kinder. Dann zeigte er ihnen ein interaktives Computerspiel, während sie auf dem Schoß ihrer Adoptivmütter oder leiblichen Mütter saßen. Beide Gruppen waren zum Körperkontakt aufgefordert.

Nach einer halben Stunde überprüfte Pollack die Hormonkonzentration: Bei den leiblichen Kindern war der Oxytocinlevel durch den engen Körperkontakt zur Mutter stark angestiegen, im Gegensatz dazu hatte sich bei den Adoptivkindern nichts verändert.

Welche Spuren im Gehirn eines Kindes die Trennung von der Mutter hinterlässt, hat die Neurobiologin Katharina Braun von der Universität Magdeburg untersucht. Für ihre Experimente züchtet sie Strauchratten (Octodon degus), die in engen Familienverbänden leben. In einem Versuch trennte Braun die Degu-Kinder dreimal täglich für eine Stunde von ihren Eltern und maß dabei die Gehirnaktivität. "Die Auswirkungen waren dramatisch", sagt sie. "Beinahe alle Zentren, die mit Gefühlen in Zusammenhang stehen, verstummten." Der Versuch hinterließ bleibende Narben im Gehirn: Eine Obduktion ergab, dass die Nervenzellen der Tiere anders verschaltet waren als bei anderen Strauchratten. Sie waren verhaltensauffällig und hörten nicht mehr auf den Ruf ihrer Mutter.

Im Zuge ihrer Versuche hat Braun aber noch eine weitere interessante Entdeckung gemacht: Kleine Strauchratten, die mit der Mutter, aber ohne Vater aufwachsen, haben in Gehirnregionen, die wie der cinguläre Cortex mit Emotionen zu tun haben, nur halb so viele Verschaltungen wie Strauchratten, um die sich beide Eltern kümmern. Vaterliebe scheint für Kinder also ähnlich wichtig zu sein wie Mutterliebe - zumindest, wenn es sich um Degus handelt.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.