Mutterliebe: Das stärkste Gefühl entschlüsselt

Von Tina Baier

Mutterliebe ist der Kitt für die erste Bindung im Leben und bei Mensch wie Tier ein großes Rätsel des Verhaltens. Forscher beginnen zu verstehen, wie sich das tiefste Gefühl der Natur entwickelt, wie es Gehirn und Verhalten beeinflusst – und warum es manchmal versagt.

Im französischen St. Omer hat die 26-jährige Marion H. mit bloßen Händen einen tollwütigen Schäferhund erwürgt. Das Tier war über ihre beiden Kinder, den zweijährigen Alexander und die vierjährige Anna, hergefallen, die vor dem Haus gespielt hatten. Als die Mutter von einem Einkauf zurückkam, verbiss sich der Schäferhund gerade in ihren Sohn, der schreiend und blutend am Boden lag.

Der Hund sprang auch auf Marion H. zu, um sie anzugreifen. Obwohl sich die junge Frau hätte in Sicherheit bringen können, blieb sie stehen. Sie bekam die Kehle des Tieres zu fassen und erwürgte ihn. Der Zweijährige war bereits tot, als der Notarzt eintraf, die Vierjährige erlag wenige Stunden später ihren Verletzungen. Die Mutter wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie wenige Tage später an Tollwut starb.

Mutter mit Kind: Wissenschaftler suchen die Mutterliebe im Gehirn
DDP

Mutter mit Kind: Wissenschaftler suchen die Mutterliebe im Gehirn

Ungefähr so würde die Begebenheit heute in der Zeitung stehen, die Heinrich von Kleist zu Beginn des 19. Jahrhunderts anonym unter dem Titel "Mutterliebe" im Berliner Abendblatt veröffentlicht hatte. Eine Geschichte, die genau beschreibt, was Mutterliebe nach Ansicht der meisten Menschen ausmacht: selbstlose Aufopferung für die Kinder. Seit Jahrtausenden inspiriert diese Liebe Literaten und Künstler. Doch Wissenschaftler beginnen erst heute zu verstehen, wie das große Gefühl einer Mutter entsteht und warum Mütter für ihre Kinder tatsächlich vieles tun, was sie für keinen anderen Menschen auf sich nehmen würden.

Aus wissenschaftlich nüchterner Perspektive betrachtet ist Mutterliebe nichts anderes als ein Trick der Natur, Frauen dazu zu bringen, sich Tag für Tag und Nacht für Nacht um ihren Nachwuchs zu kümmern: das Baby mit höchstem Einsatz zu beschützen, es mitten in der Nacht zu füttern, dem eigenen Schlafbedürfnis zum Trotz, und durchschnittlich 4500-mal pro Kind die Windeln zu wechseln. Dennoch ist Mutterliebe beim Menschen nicht nur naturgegeben. Sie ist nicht vom Tag der Geburt an einfach da, sondern entsteht erst durch komplizierte Interaktionen zwischen Mutter und Kind. Deshalb gründen sich viele psychologische Theorien auf die Mutter-Kind-Beziehung.

Dass Mütter ihre Kinder nicht automatisch lieben, begannen amerikanische Ärzte erstmals in den Sechzigerjahren zu ahnen, als sie auf der Intensivstation für Neugeborene eine schreckliche Beobachtung machten: Zu früh geborene Säuglinge, um deren Leben sie wochenlang gekämpft und die sie schließlich gesund nach Hause geschickt hatten, wurden kurze Zeit später wieder in die Notaufnahme eingeliefert - mit Verletzungen, die ihnen die eigenen Mütter zugefügt hatten. In solchen Fällen gibt das Gefühl der Mutterliebe, die wegen ihrer Selbstlosigkeit in vielen Kulturen als höchste Form der Liebe gilt, gewaltige Rätsel auf: Unbegreiflich erscheinen Frauen, die dieses Gefühl nicht entwickeln. Wie Medea, die ihre Kinder im Eifersuchtswahn getötet hatte, lieferten auch lieblose Mütter in der Geschichte immer wieder den Stoff für große Literatur. Die jüngste - wahre - solcher Schreckensgeschichten handelt von der siebenjährigen Jessica aus Hamburg-Jenfeld, deren Eltern sie in einer dunklen Kammer verhungern ließen.

Es waren gerade die Erklärungsversuche dieses Schreckens, die zu wichtigen Erkenntnissen über das Entstehen tiefer Mutterliebe geführt haben. So ergaben Untersuchungen im Fall der verletzten Frühgeborenen in den USA, dass Babys, die unmittelbar nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden, häufiger misshandelt werden als andere Säuglinge. Eine Trennung des Neugeborenen von seiner Mutter kam in den Sechzigerjahren häufig vor. Aus Angst vor Infektionen wurde die Besuchszeit in den Kinderkliniken auf ein Minimum beschränkt. Oft war es nicht mehr als eine Stunde pro Woche.

Mutterliebe wirkt sogar bei vertauschten Kindern

Aus der Tierwelt hingegen war Verhaltensforschern schon damals bekannt, dass es eine sensible Phase unmittelbar nach der Geburt gibt, in der Mutter und Kind aufeinander geprägt werden. Nimmt man zum Beispiel einer Schafmutter gleich nach der Geburt ihr Lamm weg und gibt es ihr nur wenig später zurück, verscheucht sie es wie einen Fremdling. Ebenso spielt die Phase nach der Geburt beim Menschen eine wichtige Rolle. Das zeigt sich unter anderem in Situationen, in denen Babys vertauscht wurden: Der Kinderarzt Marshall Klaus beschreibt in seinem Buch "Mutter-Kind-Bindung" einen solchen Fall in einem israelischen Krankenhaus. Die Mütter hatten die falschen Kinder zwei Wochen lang bei sich zu Hause gehabt. Als sie zu einer Nachuntersuchung ins Krankenhaus kamen, bemerkte man den Irrtum. "Man beeilte sich, die Babys wieder ihren richtigen Müttern zurückzugeben", schreibt Klaus. "Diese hatten jedoch beide eine so intensive Bindung an das Kind entwickelt, das sie in den ersten zwei Wochen betreut hatten, dass sie es nur widerwillig hergaben."

Erste Hinweise darauf, wie diese starke, frühe Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht, fanden zwei amerikanische Wissenschaftler im Jahr 1968, als sie jungen, kinderlosen Ratten Blut von Artgenossinnen injizierten, die gerade Nachwuchs bekommen hatten. Die Tiere begannen sofort, Nester zu bauen, sie fütterten und putzten fremde Rattenbabys. Elf Jahre später fand man heraus, dass ein einziges Hormon, Oxytocin, dieses Verhalten auslöst.

Dieser Botenstoff wird im Gehirn bereits während der Geburt ausgeschüttet - als Reaktion auf die Weitung des Muttermunds. Beim Menschen ist das nicht anders als bei Ziegen, deren Oxytocin-gesteuertes Mutter-Verhalten sich sogar durch eine künstliche Dehnung der Gebärmutteröffnung erzeugen lässt. Eine zweite Dosis Liebeshormon verpasst die Natur der Mutter, wenn das Baby beginnt, an ihrer Brust zu saugen. Ihr Körper ist also in den Stunden nach der Geburt vom Liebeshormon Oxytocin überschwemmt.

Liebeshormon gegen Geburtsschmerz

Doch auch andere Hormone spielen für die Bindung eine wichtige Rolle. Vor allem während der letzten, besonders schmerzhaften Phase der Geburt schüttet der Körper große Mengen Endorphine aus, die eine morphinartige Struktur besitzen. Wie das Opiat wirken sie schmerzlindernd, angstlösend und machen der Mutter die Geburt leichter. "Wenn das Kind dann da ist, sind die Schmerzen von einem Moment auf den anderen verschwunden", sagt die Stuttgarter Gynäkologin Friederike Perl. "Der Endorphinspiegel aber ist nach wie vor hoch. Die junge Mutter ist high. Man kann sich gut vorstellen, dass starke Gefühle und eine Bindung entstehen, wenn sie in diesem Zustand ihr Baby präsentiert bekommt."

Hormone und die Reaktionen, die sie auslösen, sind jedoch nicht der einzige Weg, über den sich Muttergefühle entwickeln. Die Weibchen vieler Säugetierarten müssen darüber hinaus erst lernen, eine gute Mutter zu sein. Rattenweibchen beispielsweise, die noch nie Junge hatten, ignorieren fremde Babyratten oder töten sie sogar. Doch wenn man einer solchen Kindsmörderin in einem grausigen Experiment immer wieder neue Babys in den Käfig setzt, hört sie irgendwann auf zu morden und fängt an, die kleinen Ratten abzulecken und ins Nest zu tragen.

Bei Primaten einschließlich des Menschen spielen Lernen und Erfahrung eine noch größere Rolle. Der Vorteil dieser höher entwickelten Säuger ist jedoch, dass Primatenmütter flexibler und überlegter reagieren können als andere Tiere - etwa wenn während oder nach der Geburt etwas schief läuft: Anders als etwa Schafe verstoßen Menschenmütter ihre Babys nach einer Kaiserschnitt-Entbindung unter Vollnarkose nicht. Und sowohl Affen als auch Menschen adoptieren Kinder, die ihre Mutter verloren haben, und sind in der Lage, gut für sie zu sorgen.

Gorillas und die Schrecken der Mutterliebe

Diese Flexibilität hat aber auch einen Nachteil: Primatenmütter, die nie gelernt haben, mit Babys umzugehen, können sich nicht auf ihre Instinkte verlassen. Beatrix Jarczewski, Revierleiterin der Affenstation im Stuttgarter Zoo Wilhelma, hat mit unerfahrenen Gorillamüttern schon wildeste Szenen erlebt. Die meisten von ihnen wurden als Jungtiere gefangen und hatten deshalb keine Möglichkeit, von ihrer Mutter oder anderen Weibchen zu lernen, wie man Babys behandelt. So sei zum Beispiel die heute 41-jährige Mimi bei ihren zwei ersten Babys vor Schreck fast bis an die Decke gesprungen, als sich die Säuglinge an ihr festkrallen wollten.

"Erst um ihr achtes Kind, Meru, hat sie sich selbst gekümmert", erzählt Beatrix Jarczewski. Und die sechs Jahre jüngere Undi habe ihr Kind zwar zunächst umsorgt, es dann aber irgendwann entnervt auf dem Boden liegen gelassen. Dina dagegen ließ sich ihr Baby von anderen Gorillafrauen wegnehmen und sah dann teilnahmslos zu, wie diese mit dem Säugling Fußball spielten. Solchen verstoßenen Affenkindern muss anschließend mit großem Aufwand soziales Verhalten beigebracht werden, damit sie später nicht ebenfalls zu Rabenmüttern werden.

"Die Unfähigkeit, eine Bindung zu den eigenen Kindern aufzubauen, wird auch beim Menschen von einer Generation an die nächste weitergegeben", sagt die Gynäkologin Perl. "Mühelos kann man den eigenen Kindern nur geben, was man selbst bekommen hat." So wies der Psychologe Seth Pollack von der University of Wisconsin nach, dass das Liebeshormon Oxytocin bei Kindern nur eine geringe Aktivität entfaltet, wenn sie keine Mutterliebe erfahren haben. Und auch Spuren im Gehirn, die ein früher Liebesmangel hinterlässt, könnten die spätere Bindungsfähigkeit beeinträchtigen. Darauf deuten Versuche mit Strauchratten hin.

Lieblosigkeit durch die Generationen weitergereicht

Für die Menschenwelt folgt daraus: Die grausamen Eltern von Jessica aus Hamburg-Jenfeld sind vermutlich nur der Extremfall einer gar nicht so seltenen, durchs Verhalten weitergegebenen Lieblosigkeit. Weniger schwere Formen solch lieblosen Verhaltens kämen sogar recht häufig vor, sagt Perl. Etwa im Fall jener Frau, der sie kürzlich bei der Geburt ihres dritten Mädchens geholfen habe: Die Frau würdigte das Baby keines Blickes. Ihr Mann wollte einen Sohn.

Zwar sind noch nicht sämtliche Gründe erforscht, aus denen bei manchen Eltern die Mechanismen der Liebe zum Kind versagen. Doch liegt die Annahme nah, dass frühe Bindung oder mangelnde Bindung an ein Kind dessen Gehirn nachhaltig auf seine spätere Liebesfähigkeit programmiert. Auch die weit weniger plastischen Gehirne der Eltern werden durch die Kind-Bindung geprägt, wie der Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, Henning Scheich, belegt hat. Er untersuchte Mütter, Väter sowie kinderlose Männer und Frauen im Kernspintomografen und spielte ihnen, während das Gerät die Hirnaktivität der Probanden maß, Aufnahmen von vergnügt glucksenden und von weinenden Säuglingen vor. Die Reaktionen im Gehirn der Testpersonen waren völlig unterschiedlich, je nachdem, welcher Gruppe sie angehörten: "Es gab deutliche Unterschiede zwischen Müttern und Vätern, aber auch zwischen Eltern und Nicht-Eltern", sagt Scheich. Dabei bedeuteten starke Hirnaktivitäten nicht, dass ein Reiz besonders gut verarbeitet wurde. Im Gegenteil: Wenn das Gehirn bereits Erfahrung mit Babygeschrei hatte, reagierten oft nur noch ganz wenige spezialisierte Nervenzellen sehr effektiv. "Die Reaktion schien davon abzuhängen, wie viel Erfahrung eine Person bereits mit Kindern gemacht hatte."

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