Nach Unfall in Grönland: US-Militär vermisst seit 40 Jahren Atombombe

Wo ist Wasserstoffbombe Nr. 78252? Vor 40 Jahren verlor das US-Militär nach einem Flugzeugabsturz im grönländischen Eis vier Atombomben. Das Pentagon behauptet bis heute, alle vier seien ohne atomare Explosion zerstört worden. Neue Dokumente belegen: Ein Sprengkopf wurde bis heute nicht gefunden.

Der radioaktive Tod hat die Seriennummer 78252. Das ist die Inventarnummer einer amerikanischen B28-Wasserstoffbombe mit 1,1 Megatonnen Sprengkraft, die vor gut 40 Jahren beim Unfall eines US-Bombers in der Nähe der grönländischen Basis Thule verlorenging. Neu aufgetauchte Dokumente helfen nun, die Geschichte der unglaublichen Vorgänge von damals besser nachzuvollziehen - und zu verstehen, wie durch Lüge und Verschleierung Menschen wissentlich in Gefahr gebracht wurden.

Es ist der 21. Januar 1968, als eine atomar bewaffnete B-52 der U.S. Air Force ("B-52G HOBO 28") über der riesigen Eisinsel kreist. "Chrome Dome" hießen die Missionen, bei denen mit Atomwaffen bestückte Bomber regelmäßig über Grönland Patrouille flogen - um sich im Fall einer Zerstörung der dortigen US-Basen durch die Sowjets direkt auf den Weg Richtung Moskau zu machen. Vier Wasserstoffbomben hat die Maschine an Bord. Und es gibt ein Problem: Im Cockpit bricht ein Feuer aus.

Nun, 40 Jahre später, sagen die Piloten John Haug und Joe D'Amario der BBC, ihnen sei damals innerhalb von fünf Minuten klar gewesen, dass sie den Brand nicht unter Kontrolle bekommen würden. Die Crew bemühte sich, so nahe wie möglich an die Basis in Thule zu gelangen. Rund elf Kilometer westlich des Flugfeldes war es dann zu spät: Die B-52 stürzt krachend aufs Eis der Polarsternbucht im Wolstenholme-Fjord. Die Besatzungsmitglieder hatten sich kurz zuvor mit dem Schleudersitz gerettet.

Der Fall "Broken Arrow" war eingetreten. Mit diesem Code bezeichnet das US-Militär Unfälle, bei denen Atomwaffen eine Rolle spielen. In Windeseile wurden Einheimische, Dänen und US-Soldaten der Basis für eine gigantische Aufräumaktion rekrutiert. Der Name der Aktion: "Operation Crested Ice", Operation bekröntes Eis. Nun erstmals öffentlich gemachte Filmaufnahmen zeigen Aufräumtrupps in gelben Anzügen und schwarzen Daunenjacken, die fieberhaft Trümmer des zerstörten Flugzeugs vom Eis kratzen, sie auf Lkw verladen und zurück zur US-Basis schaffen.

Was genau war geschehen? Der konventionelle Sprengstoff in den Bomben war beim Aufschlag des Bombers detoniert, als Tausende Liter Treibstoff brannten. Die Explosionen hatten das Flugzeug in Stücke gerissen. Immerhin: Die nukleare Kettenreaktion in den Atombomben wurde zum Glück nicht gestartet. Das lag daran, dass die Besatzung die Sprengköpfe zuvor nicht scharfgeschaltet hatte.

Das Gebiet war großflächig kontaminiert, die Stärke der Radioaktivität vergleichbar mit der nach einem Anschlag mit einer sogenannten schmutzigen Bombe. Nach einem Bericht des Lawrence Livermore National Laboratory fanden sich pro Quadratmeter Eisfläche bis zu 380 Milligramm Plutonium. Rund 9000 Kubikmeter verseuchter Schnee wurden eingesammelt und später per Schiff auf Deponien in den USA gebracht.

"Niemand ist auf der Stelle tot umgefallen"

Einer der dänischen Mitarbeiter von damals, Jens Zinglersen, berichtete nun im BBC-Interview, man habe ihnen erklärt, die Arbeit beim Aufsammeln der Überreste sei ungefährlich. Und weil "niemand auf der Stelle tot umgefallen" sei, habe man den Vorgesetzten geglaubt. Spezielle Schutzausrüstung? Gab es nicht - jedenfalls nicht für die Dänen. Die US-Soldaten allerdings bekamen sie.

Bei den Aufräumarbeiten gelang es den Dänen und den Amerikanern, die Überreste von drei Wasserstoffbomben aus dem Eis zu bergen. Das vierte Exemplar blieb jedoch verschollen - offenbar bis heute, wie die neuen Dokumente belegen.

Ein U-Boot des Typs Star III machte sich in den Monaten nach dem Unfall auf die Suche - erfolglos. Die Dänen wurden nicht darüber informiert, dass ein Sprengkopf fehlte. Das Pentagon teilte ihnen mit, man werde noch einmal den Unterwasserbereich an der Einschlagstelle untersuchen. Die Amerikaner waren nervös, nicht nur wegen der radioaktiven Bestandteile der Bombe, sondern auch, weil mögliche sowjetische Finder eine ganze Menge über die amerikanischen Fähigkeiten hinsichtlich des Baus solch tödlicher Waffen erfahren hätten.

Die der BBC vorliegenden Dokumente belegen nun, dass nicht alle Bereiche von der U-Boot-Crew untersucht werden konnten, auf die Flugzeugtrümmer geregnet waren. Die US-Militärs hätten sich schließlich zufrieden gegeben: Wenn sie die Bombenreste nicht finden könnten, dann würde es gewiss auch niemand anderem gelingen. Die offizielle Linie des Pentagon hat sich seit den Vorfällen von 1968 nicht geändert: Alle vier Bomben seien bei dem Absturz zerstört worden.

Doch das Einzige, was sich - ausweislich eines Berichts der US-Atomenergiekommission von 1968 - von der vierten Bombe fand, war deren Fallschirm.

Die Dänen, die anderen Nato-Partner und die Aufräumarbeiter wurden über die Vorgänge bewusst im Unklaren gelassen. Zahlreiche der Arbeiter von Thule berichteten in den Jahren nach dem Unfall über schwere gesundheitliche Probleme. Eine Klage gegen die dänische Regierung hatte allerdings ebenso wenig Erfolg wie eine Petition beim Europäischen Parlament, das sich wegen des Austritts der Grönländer aus der EU im Jahr 1985 für unzuständig erklärte. Der dänische Staat zahlte den Überlebenden 1995 eine bescheidene Entschädigung: umgerechnet 5000 Euro pro Person.

chs

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Forum - Zu lascher Umgang mit der strahlenden Gefahr?
insgesamt 102 Beiträge
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    Seite 1    
1.
mauskeu 12.11.2008
Zitat von sysopOffenbar ist in den USA seit mehr als 40 Jahren ein atomarer Sprengkopf nicht wiederaufzufinden. Immer wieder gibt es Meldungen über unzureichende Vorsichtsmaßmnahmen oder Pannen mit nuklearem Material - geht das Militär zu lasch mit den gefährlichen Waffen um?
Die moderne Welt geht mit vielen Materialien lasch um. Bei der Atomkraft machen wir daraus eine Phobie.
2.
liberaler Karl 12.11.2008
Zitat von sysopOffenbar ist in den USA seit mehr als 40 Jahren ein atomarer Sprengkopf nicht wiederaufzufinden.
In Russland werden solche Verluste gar nicht bekannt gegeben. Wer garantiert die Sicherheit von Atomwaffen in Pakistan? Amerika jedenfalls hat sie geliefert. Politisch unsichere Nationen dürfen keine Atomwaffen haben, schon gar nicht dürfen die von Supermächten wie den USA oder Russland frei Haus geliefert werden.
3. Zahl der Atomwaffen beschraenken
suum.cuique 12.11.2008
Zitat von sysopOffenbar ist in den USA seit mehr als 40 Jahren ein atomarer Sprengkopf nicht wiederaufzufinden. Immer wieder gibt es Meldungen über unzureichende Vorsichtsmaßmnahmen oder Pannen mit nuklearem Material - geht das Militär zu lasch mit den gefährlichen Waffen um?
Es muss weiter an der Verringerung von Atomwaffen gearbeitet haben. Modernisierungen sind zu verhindern. Daher meiine Forderung: Keine neuen Atomwaffen, solange die alten nicht verbraucht sind!
4.
knut.singer 12.11.2008
Zitat von mauskeuBei der Atomkraft machen wir daraus eine Phobie.
Vielleicht hat dies ja auch einen guten Grund.
5.
Tupolev 12.11.2008
Zitat von sysopOffenbar ist in den USA seit mehr als 40 Jahren ein atomarer Sprengkopf nicht wiederaufzufinden. Immer wieder gibt es Meldungen über unzureichende Vorsichtsmaßmnahmen oder Pannen mit nuklearem Material - geht das Militär zu lasch mit den gefährlichen Waffen um?
Das Militär hat zu viele von den Dingern. Die US Armee hat Z.B. weniger Panzer (M1A1 bzw. M1A2 Abrams) als Kernwaffen. Daraus resultiert die Schlamperei. Und nicht nur bei den Amerikanern. Vor kurzem (Sommer 2008) flog eine B-52 mit einer an Bord !vergessenen! Kernwaffe quer durch die USA, die Piloten wussten nicht dass die Atombombe mit an Bord war. Und den Irak hat man wegen angeblicher (unsichtbarer, ungefärlicher) Massenvernichtungswaffen besetzt, ab 2003 sind mehr als 100.000 Iraker getötet worden. Auf den Sicherheitsrat wurde gepfiffen, das Veto der Russen ignoriert und die UN Versprechen gegenüber dem Irak missachtet. Dabei hätte keine irakische Rakete den USA gefärlich werden können, und die irakische Flotte bestand aus einem Kriegssschiff - einem sowjetischen Schnellboot vom Typ "OSA". Hier wird immer noch propagandiert die Gefahr geht von "den Schurkenstaaten" aus.
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