Nachahmungsverhalten Schwarmintelligenz kann Massenpaniken verhindern

Große Menschengruppen lassen sich intelligent steuern - man muss die Aufpasser nur an den richtigen Stellen platzieren. Ein Berliner Biologe erforscht an Fischschwärmen, wie man bei Großveranstaltungen Massenpaniken mit Schwarmintelligenz verhindern kann.

Konzert der Band Deichkind am 01.08.2009 in Dortmund: Aufpasser sind oft falsch platziert
DPA

Konzert der Band Deichkind am 01.08.2009 in Dortmund: Aufpasser sind oft falsch platziert


Es brach keine Panik aus, als die Zwillingstürme in New York am Morgen des 11. September einzustürzen drohten. Die Menschen reagierten verunsichert. Sie bewegten sich langsam und verließen nur gemächlich die Gebäude. Immer wieder hat sich Jens Krause diesen Hergang von Augenzeugen schildern lassen. Die Reaktion der Menschen passt zu seinen Erkenntnissen über soziales Verhalten: "Panik ist der allerletzte Schritt, wenn eine Situation eskaliert", sagt der Biologe vom Institut für Gewässerökologie der Humboldt-Universität zu Berlin. In New York geriet die Lage erst mit dem Einsturz der Türme außer Kontrolle.

Massenhysterien entstehen immer allmählich. Krause glaubt daher, dass man vorher steuernd eingreifen kann. So spielt er in Computermodellen und Experimenten durch, wie Probanden schnellstmöglich den Ort wechseln können, ohne dass es zu Gerangel kommt. Mit diesem Wissen, so Krause, lassen sich beispielsweise Besucher durch ein überfülltes Museum leiten, aber auch Gebäude evakuieren.

Seine Forschungsergebnisse sind relevant, denn weltweit nimmt die Zahl der Großveranstaltungen zu - und damit Situationen mit lebensgefährlichem Gedränge. Alleine im vergangenen Jahrhundert kamen 4000 Menschen bei Massenpaniken um. Mehr als zehnmal so viele wurden verletzt.

Aufpasser bei Konzerten meistens nicht optimal platziert

In der Regel soll Wachpersonal an den Ein- und Ausgängen und am Rand der Menge - beispielsweise bei Konzerten oder Kundgebungen - Zwischenfälle verhindern. Krause fand jedoch heraus, dass die Aufpasser nicht optimal platziert waren, um eine rasche Evakuierung zu gewährleisten.

Krauses Team analysierte das Verhalten von 200 Freiwilligen in einer Arena von fünfzig Metern Durchmesser. Nur wenn die Helfer an den Ecken oder in der Mitte der Menschenmasse standen, konnten sie die Gruppe am schnellsten und ohne Gedränge aus der Arena an einen bestimmten Punkt am Rand führen. Dieses Ziel war lediglich den Helfern bekannt, nicht aber dem Rest der Gruppe. Auch Computermodelle bestätigten die Ergebnisse.

Dabei müssen sich die Aufpasser keineswegs durch eine Uniform zu erkennen geben. Krause teilte den übrigen Teilnehmern lediglich mit, dass sich Leute in der Gruppe befinden, die wissen, wo es langgeht.

Beim Start des Experiments ging dann alles sehr schnell: Die Helfer liefen zielstrebig und unabhängig von der übrigen Gruppe los. Sie erreichten dadurch sehr schnell den Rand der Ansammlung. An diesen Bewegungscharakteristika erkannten die übrigen Mitglieder die Eingeweihten und folgten ihnen intuitiv. "Man kann alleine an der Bewegung von Personen in einer Menschenmenge erkennen, wer bestimmte Informationen hat", leitet Krause aus den Versuchen ab, die er in Kürze veröffentlichen wird.

Fünf Prozent der Tiere steuern einen ganzen Schwarm

Umgekehrt führen seine Experimente vor Augen, wie eine großteils ahnungslose Menschenmasse vom Wissen Einzelner profitieren kann. Diese Weisheit der Vielen kann in Notsituationen lebensrettend sein.

Besonders günstig für eine Evakuierung erwies sich in Krauses Versuchen, wenn ein Helfer auf etwa zwanzig Menschen kam. Bei einer größeren Zahl an Aufpassern neigte die Gruppe dazu, sich zu teilen, kam aber keineswegs schneller ans Ziel.

Dahinter steckt ein allgemeines Prinzip der Natur, so Krause. Sobald fünf Prozent der Tiere in einer Herde ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen, imitiert die Mehrheit der übrigen dieses. So konnte Krause mit einen Anteil von fünf Prozent schwimmender Fischroboter in einem Aquarium einen ganzen Fischschwarm fernsteuern. Die Tiere folgten den elektronischen Exemplaren auch an Orte, die sie sonst nie aufsuchen würden, etwa in die Nähe eines Räubers. Reduzierte der Biologe dagegen die Zahl der Roboter, folgten nicht mehr alle oder gar keine Tiere.

Vergleichbares beobachtete die französische Forscherin Marie-Hélène Pillot an der Universität Toulouse bei Schafen. Sie brachte einem Tier bei, auf ihren Pfiff angetrabt zu kommen. Mit diesem dressierten Lamm konnte sie eine kleine Herde leiten. "Wenn ein Schaf in einen Abgrund fällt, dann stürzen sich alle Tiere hinterher", erzählt Kollege Mehdi Moussaid einen geläufigen Witz, dessen Kern sich jedoch mit den Experimenten als wahr herausstellt. Biologe Moussaid glaubt, dass durch dressierte Leitschafe künftig die Arbeit von Hirten erleichtert werden könnte.

Abstoßung, Anziehung und Nachahmung bestimmen die Schwarmbewegungen

Forscher erklären das Verhalten mit drei Grundprinzipien der Selbstorganisation, die intuitiv befolgt werden: Abstoßung, Anziehung und Nachahmung bestimmen die Bewegungen von Vogel- oder Fischschwärmen. Die Tiere nehmen zueinander einen ähnlichen Abstand ein, ohne sich zu berühren. Zudem richten sich die Individuen so aus, dass sie in die gleiche Richtung schauen. Nach denselben Prinzipien bahnt sich auch ein Menschenstrom seinen Weg: Die Fußgänger kommen sich nicht zu nahe, rempeln sich nicht an, halten aber auch keinen zu großen Abstand voneinander und passen sich in ihrer Laufrichtung an. "Diese Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch ist erstaunlich", findet Krause. Doch er warnt vor Verallgemeinerungen.

Mitunter ist das Verhalten der Menschen kulturell geprägt, wie Moussaid an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in der Gruppe von Dirk Helbing herausfand. Er wies nach, dass Europäer zu achtzig Prozent intuitiv auf der rechten Seite laufen. Deshalb gleiten die Passantenströme auf Gehwegen ohne Kollision aneinander vorbei. In Asien bevorzugen Menschen dagegen unbewusst die linke Seite. Moussaid erklärt: "Die Seitenpräferenz ist ein kulturell erlerntes Phänomen." Wer nach China auswandert, wird sich bald an den Wechsel gewöhnen.

Susanne Donner, ddp



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