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Nachwuchskicker: Warum der DFB Herbstkinder diskriminiert

Von Volker Mrasek

Unfaire Talentförderung beim Deutschen Fußball-Bund: Neue Statistiken belegen, dass der DFB Nachwuchskicker bevorzugt, die in den Monaten Januar bis Juni geboren wurden. Später Geborene schaffen es nur selten in die Fördermannschaften - viele große Talente werden einfach übersehen.

Die Berufung in die Kreisauswahl war früher für kleine Kicker in etwa so wichtig wie der erste Einsatz in der Nationalmannschaft für einen Profi. Heute spielen hoffnungsvolle Talente bevorzugt in regionalen "Stützpunkten" des Deutschen Fußball-Bundes. Fast 400 dieser Förderzentren des DFB verteilen sich flächendeckend über die Republik.

Nachwuchs-Kicker: Wer früh im Jahr geboren wird, hat in der Talentförderung deutlich bessere Chancen
DPA

Nachwuchs-Kicker: Wer früh im Jahr geboren wird, hat in der Talentförderung deutlich bessere Chancen

Martin Lames hat sie zwar nicht alle abgeklappert. Der Augsburger Sportwissenschaftler besorgte sich aber vom DFB die Geburtsdaten der über 25.000 Stützpunkt-Berufenen im Alter von 12 bis 18 Jahren. Sie spielen in Jahrgangsmannschaften - die Jüngsten in der U 12, die Ältesten in der U 18.

Was Lames aus dem Datenwust liest, sollte den Verantwortlichen im Nachwuchsbereich zu denken geben. Nach der Analyse seiner Arbeitsgruppe an der Universität Augsburg überwiegen in den Auswahlteams eindeutig Spieler, die früh im Jahr zur Welt kamen. Später Geborene haben dagegen weit geringere Chancen, in einem Stützpunkt-Kader zu landen - die meisten fallen durch das Netz der professionellen Talentförderung.

Lames spricht von einem systematischen und doppelten Fehler im System: "Wir fördern Kinder, die dies nicht verdient haben, und es gibt Talente, die nicht in den Genuss unserer Fördermaßnahmen kommen." Schließlich gebe es keinen Grund anzunehmen, dass sportliches Talent "im Sinne einer genetischen Disposition" ungleich übers Jahr verteilt sei und sich in den ersten Quartalen häufe.

Die Studie des Professors für Bewegungs- und Trainingswissenschaft soll in Kürze in der Fachzeitschrift "Leistungssport" erscheinen. Demnach sind mehr als zwölf Prozent aller Stützpunkt-Talente im Januar geboren, aber nur fünf Prozent im Dezember. In einzelnen Landesverbänden ist der sogenannte Relative Alterseffekt (RAE) und damit die Benachteiligung der Jahrgangsjüngsten noch stärker ausgeprägt. Beim U-13- und U-14-Kader in Mecklenburg-Vorpommern etwa stellte sich heraus, dass neun von zehn Spielern ein Geburtsdatum in der ersten Jahreshälfte haben. "Die Talent-Auswahlkriterien bedürfen dringend einer kritischen Reflexion", findet Lames.

Früher Wettbewerbsdruck steigert Chancen der Älteren

Dass die Jahrgangsältesten bessere Karten beim Talent-Scouting haben, ist für den Hochschullehrer "nachvollziehbar, weil das in dem Moment die leistungsstärkeren Sportler sind". Sie besäßen oft einen körperlichen Entwicklungsvorsprung gegenüber ihren bis zu elf Monate jüngeren Altersgenossen.

Das spielt bei der Auswahl von Nachwuchstalenten durchaus eine Rolle, bestätigt Klaus Pabst, Sportlicher Leiter der U-8- bis U-15-Jahrgangsmannschaften des Fußballbundesligisten 1. FC Köln. "Der Sport auf höchstem Niveau wird immer athletischer. Um sich durchzusetzen und nicht abzusteigen, muss man einfach körperlich starke Spieler haben", sagt Pabst, der selbst einen Lehrauftrag an der Sporthochschule Köln hat. Mit den in ihrem Jahrgang älteren, kräftigeren und meist auch größeren Kickern sei man "kurzfristig erst einmal erfolgreicher, weil die eben dagegenhalten können".

Der Nachteil dieser Strategie: "Der Sportart geht ein signifikantes Ausmaß an Talent verloren", sagt Werner Helsen, Professor für Bewegungslehre an der Katholischen Universität Leuven in Belgien. Der Sportwissenschaftler sieht darin auch ein ethisches Problem, denn bei den gegebenen Auswahlkriterien "besteht keine Chancengleichheit für alle Kinder, was ja eigentlich der Fall sein sollte".

Alterseffekt auch in Italien, Portugal und Frankreich

Helsen hat sich noch früher als deutsche Wissenschaftler mit dem "durchgängigen und massiven RAE" (Lames) im Nachwuchsfußball beschäftigt. In einer Studie für das "Journal of Sports Medicine" demonstrierte er zusammen mit Kollegen, dass die Bevorzugung der Jahrgangsältesten auch in anderen europäischen Fußballnationen Usus ist - darunter Spanien, Italien, Portugal und Frankreich. In deren Jugend-Nationalmannschaften, aber auch in den Nachwuchsteams von Profivereinen war der Relative Alterseffekt deutlich nachweisbar.

"Relativ jüngeren und daher körperlich noch nicht so entwickelten Spielern, die aber technisch versierter sind, wird der Zugang zum Spitzentraining eindeutig verwehrt", moniert Helsen. Das rächt sich spätestens dann, wenn die Kinder ihr Körperwachstum abgeschlossen haben und der Alterseffekt verschwindet: "Dann sollten technische Fertigkeiten eher der entscheidende Faktor für den Erfolg sein", meint Helsen.

Auch Lames glaubt, "dass dann möglicherweise die Stunde der Spätgeborenen schlägt". Doch nur dann, "wenn sie es irgendwie geschafft haben, dem Fußball treu zu bleiben" - abseits von DFB-Stützpunkten und Nachwuchszentren der Bundesligaklubs. Je mehr professionelle Förderung die Frühberufenen genießen, desto stärker schwinden die Chancen der Spätgeborenen, die weiterhin in weniger hochklassigen Vereinen kicken. Wie sollen sie noch Anschluss an die oberen 25.000 finden, die ihr Spiel bei bester Betreuung von Saison zu Saison perfektionieren? Kritiker Helsen spricht von einem "Teufelskreis".

Ausgeglichene Altersstruktur in der Nationalelf

Dass die Verleugnung der Talente mit jüngerem Baumonat ein Irrweg ist, zeigt auch der Seniorenfußball, denn da ist die Altersstruktur wieder ausgewogener. Beispiel deutsche Nationalmannschaft: Nur fünf Spieler aus dem aktuellen EM-Kader sind im 1. Jahresquartal geboren. Jeweils sechs kamen im zweiten, dritten und vierten Quartal zur Welt. Selbst Kapitän Michael Ballack, Abwehrriese Per Mertesacker (beide September) und Leistungsträger wie Torsten Frings und Philipp Lahm (beide November) hätten es heute unter Umständen schwer, sich beim Jugendtalent-Scouting in einem Spitzenklub durchzusetzen - es sei denn, sie wären älteren Jahrgangskollegen in der Entwicklung voraus.

Der Kölner Nachwuchskoordinator Pabst empfiehlt, einen Blick auf den englischen Jugendfußball zu werfen: "Dort gibt es keine Meisterschaften. Die spielen in ihren Akademien gegeneinander, und die Ergebnisse werden noch nicht einmal veröffentlicht." In Deutschland dagegen gehe es schon für die U-15-Teams der Spitzenvereine um Auf- und Abstieg - und damit in erster Linie um den sportlichen Erfolg, was zwangsweise zur Selektion der körperlich reifsten Talente führt. "Wenn man sagt, in der U-15, vielleicht auch in der U-16 machen wir noch keine Meisterschaften, ist das sicherlich nicht verkehrt", sagt Pabst.

In Belgien beginnt der Fußballverband jetzt damit, den bisher vernachlässigten Talent-Pool der Jahrgangsjüngsten anzuzapfen. Die nationalen Leistungszentren, in denen 14- bis 18-Jährige betreut werden, haben laut Sportwissenschaftler Helsen jüngst so etwas wie eine Quartalsquote eingerichtet: Eine gewisse Anzahl der geförderten Talente muss in den letzten Monaten des Jahres geboren sein.

Offen ist, ob auch der DFB auf die Befunde der Sportwissenschaft reagiert. Man kenne die neue Studie von Lames, ließ die Frankfurter Verbandszentrale auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wissen. Doch zum jetzigen Zeitpunkt möchte man sich noch nicht dazu äußern.

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