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Nahrungsmittelknappheit: "Die Krise hat erst begonnen"

Kostenexplosion bei den Nahrungsmitteln durch den steigenden Ölpreis, weltweite Verringerung der Anbaufläche durch den Klimawandel - Alexander Müller, Vize-Generaldirektor der FAO, sagt im SPIEGEL-Interview, wie eine Ernährungskrise vermieden werden kann.

SPIEGEL: In dieser Woche beraten Regierungen aus aller Welt bei einem Sondergipfel in Rom über die internationale Ernährungskrise. Warum erst jetzt?

Müller: Die 850 Millionen Menschen, die seit vielen Jahren zumeist in entlegenen Landregionen hungern, hatten nie die Kraft, auf sich aufmerksam zu machen. Jetzt treffen stark steigende Lebensmittelpreise ganz neue Schichten. Die Städter protestieren, und das spüren die Regierungen unmittelbar. Der Druck ist gewaltig.

SPIEGEL: Was ist die Hauptursache dafür, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bedarf nicht mehr Schritt hält?

Müller: Eine Vielzahl von Faktoren, darunter ganz signifikant der steigende Ölpreis. Die althergebrachte Landwirtschaft ist selbst sehr energieintensiv. Für Dünger, Pestizide, Traktoren und Transport ist sie auf Erdöl angewiesen. Um davon wegzukommen, setzen obendrein viele Regierungen ausgerechnet auf Kraftstoffe aus Agrarprodukten. Das wiederum koppelt den Brotpreis an den Ölpreis.

SPIEGEL: Hat die Ernährungskrise ihren Höhepunkt schon erreicht?

Müller: Ganz im Gegenteil, wir stehen erst am Anfang. Ungebremster Klimawandel würde dazu führen, dass Anbauflächen austrocknen oder überschwemmt werden. Neue Tier- und Pflanzenkrankheiten entstehen, die Erträge könnten sinken. Wir müssen 40 bis 60 Prozent mehr Lebensmittel produzieren, während sich die Anbauflächen im Süden deutlich verkleinern.

SPIEGEL: Die Landwirtschaft verursacht doch selbst ein Drittel der CO2-Emissionen.

Müller: Genau das muss sich sehr schnell ändern, sonst frisst sich das System selbst auf. Das wollen wir auf dem Gipfel hervorheben: Klimaschutz ist Ernährungsschutz.

SPIEGEL: Wie soll das gehen?

Müller: Wir müssen Landwirtschaft so betreiben, dass sie Kohlenstoff bindet, nicht freisetzt. Das bedeutet einen Stopp der Entwaldung. Und wir müssen den Boden schonender bewirtschaften, so dass mehr CO2-speicherndes Grünland erhalten bleibt. Zudem müssen wir beispielsweise sogenannte Agrarsavannen schaffen, wo Nutzvieh unter speziell angepflanzten Baumplantagen grasen kann.

SPIEGEL: Woher soll das Geld für eine solch tiefgreifenden Umbau kommen?

Müller: Aus dem CO2-Emissionshandel in den Industriestaaten. Die Industrieländer werden ihre CO2-Probleme ohnehin nur mit Hilfe der Entwicklungsländer in den Griff bekommen. Es werden bereits Milliarden investiert, um die eigenen Emissionen zu neutralisieren. Aber bisher wandert das Geld nur in Industrieprojekte. Warum sollten die Kleinbauern in Asien und Afrika nicht davon profitieren, wenn sie auf ihren Flächen ebenso effizient, vielleicht sogar billiger, Kohlenstoff binden können?

SPIEGEL: Das klingt nach grüner Revolution.

Müller: Aber anders als früher. Wir werden bald Karten veröffentlichen, auf denen man sehen kann, in welchen Regionen der Welt die Landwirtschaft Kohlenstoff speichern kann, wie die Flächen zu bewirtschaften sind und wo aufgeforstet werden muss.

SPIEGEL: Müsste dafür die Biospritproduktion gestoppt werden?

Müller: In Ländern, in denen Wälder für Palmöl und Sojaplantagen fallen, wäre das gut. Aber man muss differenzieren. In Brasilien ist die Lage anders. Dort werden Biokraftstoffe auch ohne staatliche Subventionen produziert, anders als in Europa und den USA. Wir brauchen allerdings internationale Vereinbarungen darüber, wie Agrartreibstoffe nachhaltig produziert werden könne, ohne das Hungerproblem zu verschärfen.

Hungerkrise
Horand Knaup
SPIEGEL ONLINE hat in neun Ländern Mütter getroffen, die von ihrem Alltag erzählen. Vom Schlangestehen beim Bäcker, vom immer karger werdenden Speiseplan, von der täglichen Angst vor leeren Tellern.
SPIEGEL: Bundesagrarminister Seehofer behauptet, Agro-Kraftstoffe hätten keinen Einfluss auf die Lebensmittelpreise, da ihre Herstellung nur zwei Prozent der Anbauflächen beansprucht.

Müller: Unsere Fachleute kommen ebenso wie weitere Experten zu einem anderen Ergebnis: 20 bis 50 Prozent des Preisschubs bei Lebensmitteln werden durch die Nachfrage nach Energiepflanzen verursacht.

SPIEGEL: Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul fordert deshalb ein generelles Biospritverbot. Was halten sie davon?

Müller: Wenig. Und ebenso halte ich es für falsch, einen stetig wachsenden Anteil des Biosprits am Kraftstoff festzulegen, wie es die EU und Deutschland getan haben, ohne über ein Nachhaltigkeitskonzept zu verfügen. Das führt über Subventionen zu Marktverzerrungen und macht CO2-Einsparung unnötig teuer. Auf jeden Fall muss die Welternährung Vorrang vor der Energieproduktion haben.

SPIEGEL: Bundeskanzlerin Merkel hat auf dem Uno-Naturschutzgipfel in Bonn 500 Millionen Euro jährlich ab 2013 für den Waldschutz auf den Tisch gelegt. Reicht das?

Müller: Ein guter Vorstoß. Die Uno-Fachleute für Ernährung, Entwicklung und Umwelt arbeiten bereits eng mit Norwegen zusammen, das eine ähnliche Initiative angekündigt hat. Solche Fonds eröffnen die Chance, die Probleme nicht länger mit schmalen Budgets isoliert anzugehen, sondern sie endlich an den Wurzeln zu packen. Bisher haben Klimaverhandler, Naturschützer und Agrarfachleute ihre Aufgaben getrennt verfolgt. Das führt in die Sackgasse.

Das Interview führte Petra Bornhöft und Christian Schwägerl.

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