Nahtod-Erlebnisse Visionen vom Rand des Jenseits

Sie schweben durch Tunnel, sehen ein helles Licht oder verlassen den eigenen Körper: Menschen, die klinisch tot waren, berichten häufig von so genannten Nahtod-Erfahrungen. Forscher wollen jetzt klären, ob hinter den abenteuerlichen Geschichten mehr als Phantasie steckt.

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Licht am Ende des Tunnels: Nach der Wiederbelebung berichten Patienten regelmäßig von Nahtod-Erfahrungen
HR

Licht am Ende des Tunnels: Nach der Wiederbelebung berichten Patienten regelmäßig von Nahtod-Erfahrungen

Es stand nicht gut um den 44-Jährigen, der in einem Park zusammengebrochen war. Bewusstlos, ohne Herzschlag und Hirnaktivität wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte begannen sofort mit Herzmassage und Stromstößen. Eine Krankenschwester nahm dem Mann sein künstliches Gebiss aus dem Mund, um einen Luftschlauch einzuführen. Erst nach eineinhalb Stunden war der Patient stabilisiert und wurde, noch immer ohne Bewusstsein, auf die Intensivstation gebracht.

Eine Woche später sah die Pflegerin den Mann wieder - und wurde vergnügt begrüßt: "Da ist ja die Schwester, die weiß, wo mein Gebiss ist." Anschließend bekam die verdatterte Frau wahrheitsgetreu zu hören, in welche Schublade sie die Zähne gesteckt hatte, was die Ärzte während der Wiederbelebung getan hatten und wie der Raum in der Notaufnahme aussieht - weil der Patient, wie er sagte, alles von oben beobachtet hatte.

18 Prozent hatten Nahtod-Erfahrungen

Die seltsame Episode stammt nicht etwa aus einem Groschenroman. Ein niederländisches Team um den Kardiologen Pim van Lommel hatte im renommierten britischen Medizin-Fachblatt "The Lancet" über den Versuch berichtet, dem Phänomen der Nahtod-Erfahrungen auf die Spur zu kommen. Die Forscher hatten 344 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, kurz nach der Wiederbelebung nach ihren Erfahrungen befragt. 18 Prozent erzählten von Tunneln, Lichtern oder vom Verlassen des eigenen Körpers.

Wiederbelebung mit dem Defibrillator: Zahlreiche Patienten berichten von Nahtod-Erfahrungen
DDP

Wiederbelebung mit dem Defibrillator: Zahlreiche Patienten berichten von Nahtod-Erfahrungen

Das Fazit der Forscher: Physiologische Ursachen, wie von den meisten Neurowissenschaftlern angenommen, scheiden als Grund für Nahtod-Erlebnisse wahrscheinlich aus - weil sie sonst bei mehr als 18 Prozent der Patienten hätten auftreten müssen. Skeptiker der Studie, die dem "Lancet" im Dezember 2001 gar einen ausführlichen Kommentar wert war, wandten dagegen ein, dass die angeblichen Nahtod-Erfahrungen aus Erinnerungen und akustischen Eindrücken kurz vor dem klinischen Tod zusammengesetzt sein könnten. Die 82 Prozent der Patienten, die keine Erinnerungen an die Zeit während des klinischen Tods hatten, könnten ihre Erlebnisse schlicht vergessen haben.

Peter Fenwick vom Institute of Psychiatry in London will die Zweifel nun endlich ausräumen. Er nimmt eine spezielle Art der Nahtod-Berichte ins Visier: die außerkörperliche Erfahrung ("out-of-body experience", OBE), weil sie sich von allen Nahtod-Erfahrungen am einfachsten überprüfen lasse. Fenwick und seine Kollegen wollen in 25 britischen Krankenhäusern Röhren neben Krankenbetten aufstellen. Auf der Oberseite werden Zahlen in verschiedenen Kombinationen angebracht.

Bilder neben den Betten

Hirnaktivität in den ersten Sekunden eines epileptischen Anfalls: Rechenfehler im Gehirn?
GMS

Hirnaktivität in den ersten Sekunden eines epileptischen Anfalls: Rechenfehler im Gehirn?

"Die Bilder werden nur von der Zimmerdecke aus zu sehen sein", erklärte Fenwick im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Pro Patient seien eine oder zwei unterschiedliche Ziffern-Varianten geplant. Sollten die Wiederbelebten die Zahlen korrekt wiedergeben können, wäre das laut Fenwick der Beweis für die Echtheit der Out-of-Body-Experiences. "Wir benötigen 100 Berichte von Menschen mit außerkörperlichen Erfahrungen", sagt Fenwick. "Das wird voraussichtlich etwa ein Jahr dauern." Die Krankenhäuser hätten dem Forscherteam bereits die notwendige Erlaubnis erteilt.

Erst im September vergangenen Jahres sorgte ein Experiment von Medizinern in der Schweiz für Aufsehen. Olaf Blanke und seine Kollegen vom Genfer Uniklinikum stimulierten bei einer Epileptikerin den so genannten Gyrus angularis am hinteren Schläfenlappen des Gehirns. Prompt sah sich die Frau von oben auf dem Krankenhausbett liegen. Forderten die Ärzte sie auf, den Arm zu heben, hatte sie das Gefühl, der Körper würde nach ihr schlagen.

"Da dürfte nichts mehr passieren"

Blanke und seine Kollegen spekulierten, dass der Gyrus angularis für die Koordination von visuellen Eindrücken und dem Körperbild verantwortlich ist, das durch Tast- und Gleichgewichtssinn entsteht. Wird das Zusammenspiel gestört, schrieben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature", könnte eine außerkörperliche Erfahrung auftreten. Die Patientin wusste noch, wo sie war und was mit ihr geschah, nahm die Szene jedoch aus einer Perspektive wahr, die der Gyrus angularis normalerweise nicht zulässt.

Fenwick glaubt jedoch nicht daran, dass es sich bei echten Nahtod-Erfahrungen um einen Rechenfehler des Gehirns handelt. "Wenn das Herz aufhört zu schlagen, herrscht nach elf Sekunden elektrische Stille im Gehirn. Vom neurologischen Standpunkt aus dürfte dann nichts mehr passieren." Bei Blankes Patientin aber habe das Gehirn noch gearbeitet. Zudem könnten die Beobachtungen der Schweizer nicht erklären, warum manche Patienten Gegenstände beschreiben, die während des klinischen Tods nachweislich außerhalb ihres Blickfelds lagen.

"Wir müssen den Patienten nicht glauben"

In diese Lücke will Fenwick mit seinem Experiment stoßen: Wer seinen Körper nicht wirklich verlässt, argumentiert der Forscher, kann unmöglich Zahlen auf Röhren ablesen, die nur von der Zimmerdecke aus zu sehen sind. Das Verfahren biete einen entscheidenden wissenschaftlichen Vorteil: "Wir sind nicht darauf angewiesen, den Patienten glauben zu müssen." Sollten die Teilnehmer nach der Wiederbelebung die Zahlen tatsächlich korrekt aufzählen, wäre das laut Fenwick "eine Sensation".

Ein Bewusstsein, das unabhängig vom Gehirn existiert? Was die Mehrheit der Neurologen für schlichten Unfug hält, ist für Nahtod-Forscher Pim van Lommel eine reale Möglichkeit: "Man kann das mit einer Fernsehsendung vergleichen", sagt der Kardiologe. "Wenn man den Fernseher aufschraubt, wird man keine Sendung finden. Das Gerät ist nur der Empfänger. Aber auch wenn man ihn ausschaltet, existiert immer noch eine Sendung."



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