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Nahtod-Erlebnisse: Schweben über dem OP-Tisch

Von Timo Stukenberg

Sie glauben ihren Körper zu verlassen oder ein helles Licht zu sehen: Viele Herzstillstand-Patienten berichten über solche Erfahrungen - obwohl sie klinisch tot waren. Eine Studie zeigt jetzt, dass mehr dahinterstecken könnte als Fantasie.

Licht in der Dunkelheit: Von derartigen Erinnerungen berichten zahlreiche Menschen nach einem Herzstillstand Zur Großansicht
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Licht in der Dunkelheit: Von derartigen Erinnerungen berichten zahlreiche Menschen nach einem Herzstillstand

Das Herz steht still, die Geräte zeigen keine Hirnaktivität an, ein Arzt lädt die Kontakte des Defibrillators auf und setzt an. "In der nächsten Sekunde war ich dort oben, sah auf mich herunter, auf die Krankenschwester und den Mann mit der Glatze", berichtet ein 57-jähriger Patient.

Der Mann mit der Glatze und die Schwester waren offensichtlich erfolgreich. Anders hätten die Forscher um Sam Parnia von der State University of New York at Stony Brook wohl nie von der Erfahrung des Patienten erfahren. Sein Bericht ist nur einer von vielen: Die Wissenschaftler haben die Daten von 2060 Herzstillstand-Patienten aus den USA, Großbritannien und Österreich untersucht.

Von den 330 Überlebenden befragten sie 140 zu ihrer Wahrnehmung an der Schwelle zwischen Leben und Tod. 46 Prozent hatten Erinnerungen an Angstgefühle, Tiere und Pflanzen, ein helles Licht, Gewalt oder familiäre Erlebnisse, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Resuscitation". Zwei Prozent der Befragten hätten sogar berichtet, während der Wiederbelebung bei vollem Bewusstsein gewesen zu sein.

Das Gehirn stelle seine messbare Aktivität in der Regel spätestens 30 Sekunden nach dem Herzstillstand ein, schreiben Parnia und seine Kollegen. Doch das passe nicht mit manchen Erfahrungsberichten zusammen, wie etwa dem des 57-jährigen Patienten.

"Wir schätzen, dass er nach dem Herzstillstand noch mehrere Minuten lang bei Bewusstsein war", schreiben die Forscher. Der Mann hätte von zwei Pieptönen berichtet, die eine Maschine im Raum abgegeben habe. Das geschehe jedoch nur alle drei Minuten. Die Wissenschaftler sahen die Aussagen des 57-Jährigen als erwiesen an, nachdem sie seine Aussagen über Personen, Geräusche und Vorgänge dem tatsächlichen Geschehen abglichen hatten.

Wissenschaftler arbeiten schon seit Jahren daran, Nahtod-Erfahrungen zu erklären. Meistens werden sie mit außergewöhnlicher Hirnaktivität an der Schwelle zum Tod erklärt. Doch trotz der großen Zahl anekdotischer Berichte sei die breite Palette kognitiver Erfahrungen während der Wiederbelebungsmaßnahmen noch nie systematisch studiert worden, bemängeln Parnia und seine Kollegen.

Löwen, Tiger, Pflanzen

Um ihre Ergebnisse zu verifizieren, interviewten die Forscher die Patienten mehrmals. Zwei Prozent der Befragten gaben an, sich an die Reanimation erinnern zu können. Sie hätten gesehen und gehört, was im Operationssaal um sie herum vorging. Rund jeder zehnte Überlebende sagte, dass er eine Nahtoderfahrung gemacht habe. 46 Prozent hätten sich an bestimmte Themen erinnern können - Löwen und Tiger zum Beispiel oder ein helles Licht. Aber auch Ertrinken, Verbrennen oder schlicht Angst gehörten zu den Erinnerungen.

"Auch wenn sich nicht alle Menschen später an ihre Erfahrungen erinnern können, könnten viel mehr Menschen solche Erfahrungen gemacht haben", sagt Parnia SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen allerdings nicht, was die Themen zu bedeuten haben."

Berichte von außerkörperlichen oder Nahtod-Erfahrungen gibt es viele. Wissenschaftlich sind die wenigsten davon, sagt Thomas Metzinger, Leiter der Forschungsstelle Neuroethik/Neurophilosophie an der Universität Mainz. Er selbst sagt, insgesamt sieben solche Erfahrungen gemacht zu haben, während er an seiner Doktorarbeit schrieb. Belegen konnte er sie trotz zahlreicher Versuche jedoch nicht.

Parnia und seine Kollegen haben für ihre Studie die Berichte über die Reanimationen der Patienten ausgewertet, die Erinnerungen wurden aber zwangsläufig erst später abgefragt. Die Berichte sind daher mit Vorsicht zu genießen. "Menschen interpretieren diese Erfahrungen sehr persönlich, ähnlich wie Träume", sagt der Psychologe Dave Wilde von der britischen Nottingham Trent University.

Metzinger bezweifelt indes nicht, dass es solche Nahtoderfahrungen gibt: "Wenn es um die Wurst geht, schüttet das Gehirn aus, was geht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Logischer Fehler
veritas31 09.10.2014
Mag ja sein, dass es eine Seele gibt und diese nach dem körperlichen Tod "weiterlebt" aber dabei stellt sich mir eine logische Frage - was passiert mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind??? Lebt dann eine tüddelige Seele weiter...welche Persönlichkeit geht dann ins jenseits? Die gesunde oder die kranke?
2. Quatsch
schmusel 09.10.2014
Die einzige brauchbare Studie von der ich bisher gelesen habe, hat keinen Hinweis auf die authentizität solcher, wohl auch durch Sauerstoffmangel und Hormonausschüttung verursachten Haluzinationen geliefert. Die Leute berichten gerne davon wie sie von oben herab sehen. Also hat man über den Betten in den Notfallräumen Bilder, Worte und Zahlen angebracht die nur von oben sichtbar sind. Rate mal wie viele nachträglich sagen konnten was da zu sehen war...
3. Was daran ist neu?
Senf-Dazugeberin 09.10.2014
Wir haben schon vor 30 Jahren während meiner Gymnasialzeit das Buch "Leben nach dem Tod" von Moody gelesen. Da waren genau die gleichen Erfahrungen dokumentiert. Was bitte soll also jetzt so neu daran sein?
4. das eingebildete schweben...
imlattig 09.10.2014
ueber dem OP tisch kann auch mit den vorher verabreichten beruhigungsmitteln zusammenhängen.
5.
schwerpunkt 09.10.2014
Wenn derartige Erfahrungen und Eindrücke nachweislich(!) gemacht werden, wenn das Gehirn keine erkennbare Aktivität mehr hat, ist das mit der Ausschüttung ein Erklärungsversuch mit Lücken. Sofern es tatsächlich verifizierbare Sinneseindrücke gibt, die auf eine außerkörperliche Wahrnehmung hinweisen (also nachweisliche Umstände, welche nicht aus der Perspektive des Patienten erfahren werden können), sollte der Erklärungsversuch mit der Ausschüttung im Gehirn zumindest erweitert werden. Fraglich ist, ob es tatsächlich solche Erlebnisse gibt, wie zum Beispiel, dass die Au0enwahrnehmung auch Situationen erfasst, die außer Sicht- und Hörweite des Patienten statt finden.
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