Archäologie: Fährtenleser aus Namibia entziffern Steinzeit-Spuren

Archäologie: San-Jäger entschlüsseln Steinzeit-Spuren Fotos
Tracking in Caves

Die Menschen, die vor langer Zeit Höhlenwände in den Pyrenäen bemalten, ließen auch etwas anderes zurück: Fußabdrücke. Nun haben Forscher diese Spuren von Experten lesen lassen: Drei San-Jäger reisten dafür nach Europa - und lieferten erstaunlich präzise Erkenntnisse.

In seiner Heimat Namibia betreut Tsamkxao Cigae Touristen. Tierspuren sind für den 30-jährigen Fährtenleser wie offene Bücher. Und wenn er will, kann er an Spuren erkennen, wo seine Frau sich gerade aufhält. Dafür braucht er kein GPS und kein Smartphone. Cigae ist ein San-Jäger, die auch Buschleute genannt werden. Sie gelten als beste Fährtenleser der Welt. Ihre Fähigkeiten machten sich zwei auf eiszeitliche Felsbildmalerei spezialisierte Archäologen beim Projekt "Tracking in Caves" zunutze, um viele tausend Jahre alte Fußspuren zu deuten.

"Wir haben als westliche Wissenschaftler nicht die Fähigkeit, das so zu lesen", sagte Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann. Er hat zusammen mit Tilman Lenssen-Erz von der Universität Köln seit Jahren Felsbildmalereien studiert, darunter auch die in Südfrankreich. Und während die prähistorischen Höhlenmalereien in den Pyrenäen zwar weltbekannt sind und oft untersucht wurden, waren die Fußspuren der Eiszeitmenschen bisher eine weniger beachtete Randerscheinung. Mit einem Forschungsprojekt ließen die Wissenschaftler daher drei San-Jäger, darunter Cigae, die Spuren in den Pyrenäen-Höhlen interpretieren.

Nötiger Blick auf Bärentatzen

Bereits die Vorbereitung auf die Expedition war ungewöhnlich. Zunächst stand für die San ein Besuch im Kölner Zoo an. Dort schauten sie sich die Bären an und studierten ihre Tatzen. Denn in den Höhlen sind teilweise auch alte Bärenspuren erhalten. Die mussten die Spurenleser allerdings erst kennenlernen: Bären gibt es im südlichen Afrika nicht. Zudem mussten die Buschleute erst erlernen, sich in Höhlen sicher zu bewegen.

Im Kleinbus fuhr das Forscherteam von Deutschland nach Frankreich und untersuchte zwei Wochen lang in mehreren Höhlen rund 500 Fußspuren.

Die von den San gewonnenen Erkenntnisse sind verblüffend: Mit einigen Klischees räumten die Fährtenleser auf. So brachten Forscher bisher die Spuren in der Höhle von Tuc d'Audoubert mit dem rituellen Tanz mehrerer Jugendlicher in Verbindung. Die Theorie der San ist aber simpler: Ein etwa 38-jähriger Erwachsener trug dort mit einem etwa 14-jährigen Jugendlichen Lehm ab.

Und ein Fußabdruck in einer anderen Höhle in der Region galt bisher als der einzige Abdruck von einem beschuhten Fuß aus der Eiszeit. Die San-Jäger kamen zu einem anderen Schluss: Auch diese Spur stamme von einem barfuß gehenden Menschen. Sie konnten Zehenabdrücke ausmachen.

Dass Wissenschaftler indigenes Wissen nutzen, ist nicht neu. Allerdings setzten die Archäologen es erstmals für die Erforschung prähistorischer Menschen in den Pyrenäen-Höhlen ein. Die Erkenntnisse des Projekts "Tracking in Caves" müssten in künftige Forschungen in den Höhlen einfließen, sagte Pastoors. Die Auswertung der Gesprächsprotokolle der drei San-Jäger in ihrer Muttersprache könnte noch einige interessante Erkenntnisse zutage fördern.

Auch ein Knieabdruck verrät etwas

Die Analysen der Spurenleser fanden stets in einem Gespräch untereinander statt. Sehr klare Aussagen zum Geschlecht und Alter der Person, die die Abdrücke verursacht hat, standen am Ende jeder Unterhaltung. Das ist unter anderem auch der Sprache der Fährtenleser geschuldet, denn einen Konjunktiv gibt es in ihr nicht. "Wir treffen eine Entscheidung, die sicher ist", erklärte Cigae.

Insgesamt fiel den San auf, dass alle untersuchten Spuren von insgesamt 28 Menschen stammten, die größtenteils zwischen 10 und 20 Jahre alt gewesen seien. Bei den Spuren von 30- bis 60-Jährigen gab es ihren Ergebnissen nach keine Abdrücke von Frauen mehr. Das seien natürlich nur Stichproben, die keine allgemeinen wissenschaftlichen Schlüsse zuließen, räumen die Archäologen jedoch ein.

Die Forscher wollen mit ihrer Arbeit und mit der Hilfe der San "ein Schlaglicht auf einzelne Momente" im Leben der Steinzeitmenschen werfen. Und da ist schon jede Kleinigkeit wie ein Knieabdruck ein Gewinn. Denn der beweist auch etwas: Dieser Mensch war vor 17.000 Jahren ohne Beinkleid unterwegs.

kpg/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
elgitano 17.07.2013
die Politik sollte sich auch mit den Fährtenlesern unterhalten, um daraus Erkenntnisse für unsere Gesellschaft zu ziehen
2. Denglisch, grausam
b5200 17.07.2013
was soll das denn sein "indigenes Wissen"? Englisch oder Deutsch, aber nicht dieses unselige Denglisch. Es ist nicht cool und kein Ausdruck besonders gebildet zu sein, wenn diese sprachlichen 'Atrozitaeten' auftauchen.
3.
Tiananmen 17.07.2013
Zumindest ohne knielanges Beinkleid. Die von später bekannten Leggins gab es also wahrscheinlich noch nicht. Vermuten kann man den später "über" den Leggins getragenen Lendenschurz, einen einfachen Streifen Haut, der zwischen den Beinen durchgezogen wurde und vorne und hinten über den Hüftgürtel fiel.
4.
uwe_aus_köln 17.07.2013
Zitat von b5200was soll das denn sein "indigenes Wissen"? Englisch oder Deutsch, aber nicht dieses unselige Denglisch. Es ist nicht cool und kein Ausdruck besonders gebildet zu sein, wenn diese sprachlichen 'Atrozitaeten' auftauchen.
Was soll dann an "indigen" denglisch sein? "Indigen" leitet sich aus dem Lateinischen ab und ist ein perfekt deutsches Wort, das in ähnlicher Schreibweise auch im Englischen genutzt wird. Wenn man schon über die Ausdrucksweise schimpft, dann sollte man sich vorher schlau machen... Sonst wird's peinlich!
5. optional
joachim_m. 17.07.2013
Ups, unser Vorfahren waren wohl noch nicht christlich und haben sittsam das Knie bedeckt; darf man so etwas überhaupt in Kinderbücher schreiben, nachher werden die lieben kleinen als Jugendliche noch sündig ... Zugegeben, gelästert, aber wir sind das Endprodukt einer 40.000 jährigen Geschichte seit den Höhlenmalern und nicht das vorläufige Ende von gut 1.000 Jahren* christliches Abendland, auch wenn auch immer mehr Christen in Deutschland (neuerdings auch vermehrt durch Muslime) glauben, die Erde sei rund gerechnet 6.500 Jahre alt, bzw. die Erde zwar älter, aber die Höhlenmaler hätte es nicht in ihrer Zeit gegeben, weil es erst seit 6.500 Jahren Menschen gibt. Und meine Hochachtung vor den San, die noch wissen, was es heißt, aus Spuren zu lesen wie wir heute in Büchern lesen. Und interessant finde ich, dass Frauen an dieser Fundstelle nicht älter als 30 geworden sind, wenn dieser Befund auch auf andere Fundstellen zutrifft, muss das einen Grund in der damaligen Umwelt gehabt haben und es würde zudem einige wissenschaftliche Theorien und Hypothesen - zumindest für Europa - über den Haufen werfen. *Ja, erst etwas mehr als 1.000 Jahren, da wurden nämlich erst unsere Vorfahren in Nord- und Mitteldeutschland mit Schwert und Flamme christianisiert und was haben alte Sachsen mit schon etwas früher christlich gewordenen Franken wie dem Sachsenschlächter und seinen treuen Mordgesellen zu tun? Und ansonsten ist das Christentum in Südeuropa auch gerade einmal 1.600 Jahre alt, also über 38.000 Jahre jünger als unsere ursprüngliche Kultur, wenn man die Höhlenmalereien als Beginn einer umfassenden Kultur (Malerei, Musik und höchstwahrscheinlich mythische Erzählungen, von denen es mangels Schrift keine Aufzeichnungen gibt) ansieht. Soviel zum christlichen-Abendland-Mythos, der mir langsam nur noch auf die Nerven geht, weil er einfach alle zu hinterwälderische Barbaren erklärt, die keine Christen waren/sind. @Tiananmen: Vielleicht hat sich an der Stelle jemand im Sommer hingekniet - und die langen Beinkleider waren schon erfunden, nur eben den Leuten im Sommer zu warm.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Anthropologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare

Testen Sie Ihr Wissen!