Nano-Mineralien: Billigbrause schlägt "Bayern-Pillen"

Von Markus Becker

Fitness, Gesundheit, natürliche Schönheit - das verspricht die Neosino AG jedem, der ihre Nanopartikel schluckt. Zwei von SPIEGEL ONLINE in Auftrag gegebene Studien zeichnen ein anderes Bild: Die teuren Mittelchen sind demnach selbst Billig-Brausetabletten unterlegen.

Sie sind das Lebenselixier der Wellness-Industrie: Nahrungsergänzungsmittel, die dem Publikum so ziemlich alles versprechen - straffe Haut etwa, volles Haar, stabile Knochen und ungeahntes Wohlgefühl. Die Produkte der Marke Neosino setzen noch eins drauf: Sogenannte Nanomineralien - Kalzium, Magnesium und Silizium in Form winziger Partikel - sollen vom Körper "effektiver aufgenommen und verwertet" werden und "um ein Vielfaches wirkungsvoller" sein. Das zumindest behauptet die Neosino AG, die unter anderem eine Kooperation mit dem FC Bayern eingefädelt hat - weshalb die Nano-Produkte von Medien auch als "Bayern-Pillen" tituliert wurden.

Zwei von SPIEGEL ONLINE in Auftrag gegebene Studien haben nun genauer beleuchtet, was an den Neosino-Versprechen dran ist. Das übereinstimmende Ergebnis lautet: nichts.

Die Hauptuntersuchung fand an der Creighton University in Omaha (US-Bundesstaat Nebraska) statt. Das Team um Robert Heaney, der als weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Mineralien-Absorption im menschlichen Körper gilt, hat Neosinos "Nanosilimagna-Kapseln" mit gewöhnlichen Kalzium- und Magnesium-Brausetabletten aus einem deutschen Supermarkt verglichen. Zwölf Freiwillige wurden im Rahmen der klinischen Studie eine Woche lang per Urin-Analyse beobachtet.

"Die Daten dieser Studie ergeben keinen Hinweis auf eine größere oder schnellere Kalzium-Absorption durch Nanosilimagna gegenüber den wasserlöslichen Tabletten", schreibt Heaney in der Zusammenfassung seiner Studie. Bei der Magnesium-Absorption waren die sündhaft teuren Kapseln (49,95 Euro für 45 Gramm) den Billigpillen aus dem Supermarkt (65 Cent für 80 bzw. 90 Gramm) sogar "eindeutig unterlegen". Den Messungen zufolge haben die Kapseln praktisch überhaupt kein Magnesium in den Kreislauf der Probanden geschleust: "Zu keinem Zeitpunkt hat sich die Ausscheidung von Magnesium nennenswert von Null unterschieden", erklärt Heaney.

Daten der Pilotstudie bestätigt

Die Daten bestätigen die Ergebnisse einer Pilotstudie, die einige Wochen zuvor durchgeführt wurde. Das Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) hatte Neosinos "Nanosilimagna Kapseln" und "Sport Nano Liquid" gegen Brausetabletten aus dem Supermarkt und aus der Apotheke sowie gegen ein wirkstofffreies Placebo antreten lassen.

Schon hier zeigte sich: Nach der Einnahme der Nanosilimagna-Kapseln befand sich weniger Kalzium und Magnesium im Urin der Probanden als nach der Einnahme der Billig-Tabletten. Die "Sport Nano Liquid"-Ampullen ("Kleine Kraftpakete für große Leistung") blieben aber ebenfalls deutlich hinter den Brausepillen zurück.

IBMP-Direktor Fritz Sörgel, dessen Institut jedes Jahr zahlreiche Medikamente für die Arzneimittelindustrie prüft, fällt ein hartes Urteil: Die beiden Neosino-Produkte seien "in keinerlei Hinsicht marktfähig". "Würden mir solche Präparate von einer pharmazeutischen Firma zur Begutachtung vorgelegt, würde ich auf Grund dieser Pilotstudie - ohne eine weitere Studie durchzuführen - dringend davon abraten, dieses Präparat noch weiter zu verfolgen." Stattdessen würde er empfehlen, das Konzept aufzugeben - "da es außer Wirkungslosigkeit nichts bietet."

Die Neosino AG, der am Montag beide Untersuchungen von SPIEGEL ONLINE vorgelegt wurden, hat bis zum heutigen Donnerstag lediglich zu Sörgels Pilotstudie Stellung genommen. In einem Katalog von 15 Fragen werden vor allem die statistischen Methoden bezweifelt. So würden die Messwerte der einzelnen Probanden stark vom Mittelwert abweichen, und schon nach der Einnahme des Placebos hätten sich deutliche Unterschiede zwischen den Probanden gezeigt.

Zwar schränkt Sörgel ein, dass er nur eine Pilotstudie mit sechs Teilnehmern durchgeführt habe. Doch die Ergebnisse einer statistischen Varianzanalyse - laut Sörgel die "Methode der Wahl" bei solchen Studien - seien "so eindeutig, dass diese Aussagen sicher auch in einer größeren Studie bestätigt werden können." Die hat nun US-Professor Heaney durchgeführt - und sieht seine Ergebnisse durch Sörgels Daten untermauert: "Wenn zwei Studien an unterschiedlichen Enden der Welt zu den gleichen Ergebnissen kommen, kann man sehr zuversichtlich sein, dass ihre Schlussfolgerungen korrekt sind."

Worauf basieren Neosinos Versprechen?

Die Neosino AG bezweifelt hingegen, dass ihre Produkte anhand von Urinwerten bewertet werden können: Schließlich sollten die Mineralien vom Körper absorbiert und nicht wieder ausgeschieden werden. US-Professor Heaney zeigt sich befremdet über diese Argumentation: "Wenn Mineralien absorbiert werden, gehen sie verstärkt ins Blut und damit in höherer Menge wieder über die Nieren verloren." Deshalb sei die Urin-Analyse durchaus geeignet - zumal sie auch empfindlich genug gewesen sei, die Wirkung der Billig-Brausetabletten zu messen.

Zur Heaney-Studie äußerte sich die Neosino AG zunächst nicht. Weitere Stellungnahmen kündigte das Unternehmen allerdings bis Ende der Woche an. Zudem wird mitgeteilt, dass die Neosino AG derzeit vom Institut für Sporternährung in Bad Nauheim eine "randomisierte, placebokontrollierte Doppelblind-Studie mit Neosino Nano-Liquid" durchführen lässt. Mit Endergebnissen sei frühestens Ende August zu rechnen.

Auf welchen Studien aber beruhen die bisherigen Versprechungen der Neosino AG über ihre Nano-Mittelchen? Diese entscheidende Frage ist weiterhin offen und blieb auch auf ausdrückliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE unbeantwortet. Denn während echte Medikamente vor dem Verkauf in langwierigen klinischen Studien getestet werden müssen, gilt das für Nahrungsergänzungsmittel nicht. "Deshalb ist bei ihnen der Weg von der Laborratte zum Menschen oft kurz", kommentiert Peter Burkhardt von der Université Vaudois in Lausanne. Die Hersteller und Vertreiber von Nahrungsergänzungsmitteln können zunächst viel versprechen. Konsequenzen müssen sie erst dann fürchten, wenn sich jemand die Mühe macht, die Mittelchen wissenschaftlich prüfen zu lassen.

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Klinische Studie von Heaney et al.
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Nano-Mineralien: Die umstrittenen Produkte der Neosino AG