Natürliche Gerechtigkeit Den Reichen soll genommen werden

Der Mensch strebt materielle Gleichheit an - selbst wenn er sich dieses Ideal etwas kosten lassen muss. Im Experiment zeigten Forscher: Am liebsten nehmen wir es den Reichen weg. Tief im evolutionären Erbe scheint ein Verhalten zu stecken, das an trinkende Wikinger erinnert.


"Lagom" ist noch heute ein wichtiges Wort in der schwedischen Gesellschaft, die einst für ihre Gleichheit berühmt war - und immer noch egalitärer ist als die der meisten anderen Industriestaaten. Lagom heißt nicht zu viel, nicht zu wenig. Lagom heißt auch für alle ausreichend, gerade genug, soviel dass keiner darben muss. Sprachforscher glauben, dass es seinen Ursprung bei den Wikingern hat.

Wikingerdarsteller: Jeder einen Schluck - nicht zu viel, nicht zu wenig
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Wikingerdarsteller: Jeder einen Schluck - nicht zu viel, nicht zu wenig

Damals wurde der Honigwein Met aus einem einzigen großen Horn getrunken, das in der Wikingersippe die Runde machte. Jeder sollte seinen Schluck Met abbekommen, aber das Horn durfte auch nicht zu früh leer sein - sonst gab es Streit. Also trank jeder gerade so lagom.

Abgesehen von der Furcht vor Keilereien aber, schätzt der Mensch die Gleichheit grundsätzlich? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, konstruierten Forscher der University of California in Davis ein simples Spiel: Zufällig erhielten 120 Freiwillige in Vierergruppen Spielgeld. Jedes Gruppenmitglied erhielt eine unterschiedlich hohe Summe des Geldes. Die Optionen waren einfach: Nichtstun oder umverteilen. Probanden konnten von den Münzstapeln ihrer Mitspieler entweder drei Münzen wegnehmen oder sie um diese Summe auffüllen lassen. Das kostete sie selbst jeweils eine Münze.

Gleichheit zählte, selbst wenn sie kostspielig war

Obwohl jedes Engagement für den Einzelnen also Kosten verursachte, beobachteten die Wissenschaftler, dass rund drei Viertel der Teilnehmer wenigstens einmal aktiv wurden. Immerhin ein Drittel tat dies fünf Mal oder häufiger. Und was taten die Probanden? Sie bestraften die reichsten Mitspieler, indem sie ihnen Spielgeld wegnahmen, berichten James Fowler und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Nature".

"Ihre Ergebnisse legen nahe, dass materielle Gleichheit mehr ist als nur ein lange liebgewonnenes Ideal utopischer Philosophen und politischer Theoretiker", vermeldete die University of California in Davis. Über das gesamte Experiment betrachtet, strebten die Teilnehmer eindeutig danach, das Spielgeld-Niveau aller dem Durchschnitt anzupassen.

Aus früheren Untersuchungen weiß Fowler außerdem, dass das Verhalten in solchen Experimenten auch mit größerem politischen Engagement im echten Leben einhergeht. "Der 'Robin-Hood-Impuls', den die Leute im Experiment zeigen", sagte Fowler, "scheint sich draußen in der Welt in gutem Bürgersinn auszudrücken."

stx



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