Nazi-"Euthanasie" Forscher öffnen Inventar des Schreckens

Rund 200.000 Behinderte fielen im Dritten Reich dem "Euthanasie"-Programm der Nazis zum Opfer. Nach drei Jahren intensiver Arbeit ist es Forschern nun gelungen, die Akten über das monströse Verbrechen in einer zentralen Datenbank zu erfassen.

Von Horst von Buttlar


Vernichtungslager Auschwitz: Symbol für die Mordpolitik der Nazis
DPA

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Die Bitte, mit der sich die sächsische Familie im Frühjahr 1939 an Adolf Hitler wandte, war so grausam wie ungewöhnlich. Sie wollte ihr behindertes Kind "einschläfern" lassen. Im Kirchenbuch der Gemeinde Pomßen in Sachsen steht der Todestag des Kindes: 25. Juli 1939. Das Gesuch, so wird heute von Historikern angenommen, gab Anstoß für die ersten Maßnahmen der "Kindereuthanasie". Ein geheimer Erlass des Innenministeriums im August 1939 befasste sich mit der Planung der gezielten Vernichtung von geistig kranken und behinderten Kindern. Im gleichen Zeitraum wurde die Organisation der allgemeinen "Euthanasie" vorbereitet. Damit begann das finsterste Kapitel der deutschen Medizingeschichte.

Datenbank fasst verstreute Akten zusammen

Viele Dokumente lagerten bisher verborgen in zahlreichen Archiven und Kellern von Heimen, Krankenhäuern und Gedenkstätten. Was jedoch fehlte, war eine zentrale Datenbank, in der alle Aktenbestände verzeichnet sind. Diesem Ziel ist man jetzt ein gutes Stück näher gekommen: Das Bundesarchiv in Berlin stellte ein Quellenverzeichnis von der Projektgruppe "Inventar der Quellen zur Geschichte der 'Euthanasie'-Verbrechen 1939-1945" vor. Damit verbindet sich die Hoffnung, so die Forscher, dass Angehörige von "Euthanasie"-Opfern leichter das Schicksal der Ermordeten erfahren können.

Perverse Experimente: Im KZ Dachau wurden Häftlinge für Unterkühlungsversuche in Eiswasser gesteckt
AP

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Außerdem soll mit Hilfe der Datenbank die weitere Aufklärung des Verbrechens ermöglicht werden. "Es ging um die Frage, welche Akten wo sind", sagte Harald Jenner, einer der beiden Projektbearbeiter, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bisher wurde hier und da geforscht, doch der Überblick fehlte." Jetzt habe man eine sinnvolle Grundlage für weitere Forschungen. Ein möglicher nächster Schritt, so Jenner, sei eine Gesamtdarstellung des Verbrechens. Dafür brauche man allerdings neue Geldgeber.

"Es fehlte an übergreifenden Studien", erklärte Christine Vanja, Leiterin des Wissenschaftlichen Beirats für das Projekt. Dass das Thema relativ spät in seiner Gesamtheit erfasst werde, liege auch am Verhältnis des Menschen zu psychischen Krankheiten. "Das ist ein Tabuthema", so Vanja. Für sie ist ein spezieller Aspekt interessant: die "Euthanasie" als "Bindeglied zum Holocaust". "Jetzt kann flächendeckend geschaut werden, was auch mit jüdischen Insassen passiert ist."

Stasi wertete brisante Dokumente nie aus

Für das Verzeichnis von Archivbeständen wurde drei Jahre lang in Deutschland, Österreich, Polen und Tschechien geforscht. Anlass für das Großprojekt war ein brisanter Aktenfund Anfang der neunziger Jahre im ehemaligen Stasi-Ministerium: Es ging um die so genannte "Aktion T4", benannt nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin, wo ab 1939 das "Euthanasie"-Programm organisiert wurde. Über Umwege waren in den sechziger Jahren die Akten der Stasi in die Hände gefallen - doch sie wurden nicht ausgewertet.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss bei der Vorstellung der Datenbank in Berlin: "Die Opfer erhalten etwas Würde zurück"
Bundesärztekammer

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Die Unterlagen beschreiben das Schicksal von etwa 70.000 Menschen, die der ersten Phase der "Euthanasie"-Aktion bis 1941 zum Opfer fielen. 30.000 Quellen waren noch vorhanden, einen Großteil hatten die Nazis noch 1944 vernichtet. Das Bundesarchiv übernahm Mitte der Neunziger die teilweise von Feuchtigkeit angegriffenen Akten - doch wieder fehlten die Kapazitäten, sie auszuwerten. Ottmar Kloiber, stellvertretender Geschäftsführer der Bundesärztekammer, die das Projekt unterstützt hat, erinnert sich an das "Beharrungsvermögen" der Bundesregierung Mitte der neunziger Jahre: "Es ging schlicht ums Geld, das für dieses wichtige Projekt fehlte."

Keine Übersicht über das Ausmaß des Verbrechens

Das eigentliche Problem bei der Erforschung der systematischen Ermordung geistig Behinderter war zudem, dass sämtliche Dokumente nicht nur über Deutschland, sondern auch über Österreich, Polen und Tschechien verstreut waren - in Krankenhäusern, Gedenkstätten, kirchlichen und kommunalen Archiven. Da die Nazis das Vernichtungsprogramm in Heimen und Krankenhäusern zunehmend dezentral führten, fehlte die Übersicht über das eigentliche Ausmaß des Verbrechens. "Viele Heime waren sich gar nicht bewusst, welche Brisanz die Unterlagen in ihren Kellern hatten", sagt Jenner.

Neben der Bundesärztekammer wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt. Für die deutsche Ärzteschaft war die Vorstellung der elektronischen Datenbank gleichzeitig ein erneutes Bekenntnis zur Mitschuld. "Die Erkenntnis, dass Ärztinnen und Ärzte nicht nur weggesehen und geschwiegen haben, sondern aktiv an der systematischen Ermordung von Kranken und so genannten gesellschaftlichen Randgruppen mitgewirkt haben, ist nur schwer erträglich", sagte Karsten Vilmar, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer.

200.000 "Euthanasie"-Opfer

Das Forschungsprojekt des Bundesarchivs bestätigte weitgehend die bisherigen Schätzungen zu den Opferzahlen der "Euthanasie": Rund 200.000 psychisch kranke, sozial auffällige oder geistig behinderte Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet. Sie starben in Gaskammern, durch Medikamente oder schlicht durch Verhungern.

Die Datenbank, die über die Internetseite des Bundesarchivs eingesehen werden kann, ist nun eine zentrale Anlaufstelle für Nachfragen von Angehörigen und Detailforschungen von Historikern. Erinnert sich zum Beispiel eine Familie an den Namen des Heims, in dem das Familienmitglied untergebracht war, kann sie schnell erfahren, welchen Bestand das Archiv der Einrichtung hat oder wo Akten in Nachfolgeeinrichtungen gelagert sind. Pauschale Namenslisten mit Opfern gibt es aus Datenschutzgründen nicht.



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