Nazi-Vergangenheit DFG-Geschichte wird aufgearbeitet - zum vierten Mal

Verdrängen, verschweigen, beschönigen – so gingen deutsche Wissenschaftler jahrzehntelang mit ihrer Rolle im "Dritten Reich" um. Jetzt lässt der größte deutsche Forschungsförderer seine Vergangenheit aufarbeiten - im vierten Anlauf, von der Enkelgeneration.

Von Hermann Horstkotte, Bonn


Zwei Glassäulen, 2 Meter 20 hoch, jede mit einer Inschrift versehen, werden am heutigen Mittwochabend in Bonn enthüllt. Besucher der Zentrale der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) können darin zwei sehr unterschiedliche Zeitdokumente betrachten: einen Förderantrag für den Arzt Josef Mengele, berüchtigt für seine Menschenexperimente im Konzentrationslager Auschwitz; und einen Vermerk des US-amerikanischen Historikers Fritz Stern. In der Notiz plädiert Stern dafür, der deutschen Wissenschaft "eine zweite Chance in einem neuen Europa" zu geben - nach den Gräueln.

Gleichzeitig mit der offiziellen Einweihung des gläsernen Mahnmals startet in Bonn eine bundesweite Wanderausstellung "Wissenschaft - Planung - Vertreibung". Darin werden Projekte deutscher Wissenschaftler zur Neuordnung Osteuropas nach einem nationalsozialistischen Endsieg dokumentiert: gefördert wurden sie von der Vorgängerin der DFG, die 1920 gegründet wurde.

Der sogenannte Generalplan Ost, der Masterplan der Nazi-Machthaber für Osteuropa, erweist sich in der Ausstellung als erschreckend modernes Großprojekt: Bewusst ließen sich Forscher von Agrarwissenschaftlern und Erbbiologen bis zu Raumordnern und Städtebauern interdisziplinär und anwendungsorientiert für den Größenwahn des Systems einspannen. Mit der Ausstellung thematisieren die Veranstalter nicht zuletzt die Verlockungen durch staatliche Fördergelder. Heute ist die DFG mit mehr als einer Milliarde Steuergeldern pro Jahr der größte und einflussreichste Wissenschaftssponsor im Lande.

Auch der 80-jährige Fritz Stern kommt zur Einweihung des Mahnmals. Die Anwesenheit des Trägers der Leo-Baeck-Medaille, des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Deutschen Nationalpreises ist so etwas wie ein höchster Legitimationsbeweis für die Veranstalter. Der Historiker hat sich in seiner Arbeit mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt - und intensiv mit Historiografie, der Wissenschaft davon, wie Menschen Geschichte aufschreiben und sie so auch konstruieren. Jetzt kann der Versuch einer Aufarbeitung der Nazi-Wissenschaft gelingen, das soll Sterns Anwesenheit demonstrieren.

Die "Stunde Null" als Lüge

Schließlich blickt die DFG selbst schon auf mehrere Anläufe zurück, mit der eigenen Verstrickung und Verantwortung ins Reine zu kommen. Den ersten Anlauf zur historischen Selbstaufklärung versuchte vor knapp vierzig Jahren der ehemalige DFG-Generalsekretär Karl Zierold auf mehr als 600 Seiten über "Forschungsförderung in drei Epochen". Streng institutionengeschichtlich arbeitend unterschied er die angeblich "scharf von einander getrennten" Abschnitte der Weimarer Republik, des NS-Systems und der Zeit nach der vermeintlichen "Stunde Null" von 1945 - der Lebenslüge der Nachkriegszeit. Der gleichen Sicht folgt der Historiker Thomas Nipperdey in seiner wenige Dutzend Seiten kurzen Chronik zum 50-jährigen DFG-Jubiläum noch 1970. Er spricht von der "Not der Stunde Null", in der vermeintlich Weiterblickende bereits an "die Wiederbelebung von Forschung und Wissenschaft" gedacht hätten.

Doch wie lebendig die Kontinuität in den Wissenschaften vor und nach 1945 in Wirklichkeit war, zeigt die Karriere des Projektleiters für den "Generalplan Ost", Konrad Meyer. Der vormalige Berliner Professor, Generalmajor der SS und zeitweilige DFG-Vizepräsident Meyer konnte in den fünfziger Jahren dank alter Netzwerke wieder einen Lehrstuhl für Landesplanung an der Technischen Hochschule Hannover bekleiden.

Unverfroren heißt es 1960 in einer Festschrift über ihn: "In Wahrheit haben weder Raumordnung noch Raumforschung mit dem Nationalsozialismus auch nur das Geringste zu tun." Noch 1999 bescheinigte der Geschichtsprofessor Notker Hammerstein dem vermeintlich verdienten Meyer: "Die Entwicklung neuer Siedlungstechniken, technischer Erfindungen (und so weiter) gehören unbeschadet des möglichen Verwendungszwecks zu den konventionellen Aufgaben gelehrter Anstrengung" - das altbekannte Motiv von der moralischen Wertfreiheit wissenschaftlichen Fortschritts.

Gute Absicht, schlechte Ausstattung

Der Historiker Hammerstein bekam 1994 den Auftrag, eine zeitgemäße DFG-Geschichte für die Weimarer und die Nazi-Periode zu verfassen - der dritte offizielle Versuch. Doch das Resultat war offenkundig nicht, was sich der Präsident der Gemeinschaft, Wolfgang Frühwald, erwartet hatte: "Eine ehrliche Aufarbeitung des Zeitraums, der allzu gern verdrängt wird." Der Versuch musste schon angesichts der riesigen Aktenberge scheitern. Ein Einzelner wie Hammerstein konnte sie unmöglich überschauen, erst Recht nicht im Nebenjob eines Hochschullehrers: Nach dem Mauerfall 1989 waren plötzlich ganze NS-Archive zugänglich geworden, welche die ehemalige DDR geheimgehalten hatte. Sie hätten als Munitionsreserve im „antifaschistischen“ Propagandakampf dienen sollen.

Umgekehrt konnten die Wissenschaftler in der alten Bundesrepublik ihre NS-Vorgeschichte hinter dem geistigen und sozialen Schutzwall zeitgeistigen Antikommunismus' und demokratischen Neuaufbaus verbergen. So gab der ehemalige KZ-Häftling Gerhard Ritter bereits auf dem Historikertag 1949 die Devise aus: Jetzt komme es in erster Linie auf den Blick nach vorn an, auf den Wiederaufbau und die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen. Zwar erschien bereits Mitte der sechziger Jahre der aufmüpfige Tagungsband "Germanistik - eine deutsche Wissenschaft". Aber wie gut und lange die verschworenen Seilschaften noch zusammenhielten, zeigt nicht nur der berühmte Fall Schwerte-Schneider: Erst 1995 wurde die Doppelidentität des Aachener Germanistikprofessors Hans Schwerte, vormals SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, publik. Er hatte es bis zum Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule gebracht - nicht ohne schweigende Mitwisser, wie eine spätere Untersuchung gezeigt hat.

Lange Schonzeit, neugierige Enkel

Ausgerechnet die Fachhistoriker gönnten ihrer eigenen Disziplin die längste Schonzeit. Erst auf ihrer Jahrestagung 1998 in Frankfurt kam beispielsweise die wissenschaftliche Biografie Theodor Schieders offen zur Sprache. Er hatte als Professor in Königsberg Vorarbeiten für den furchtbaren Generalplan Ost geleistet und konnte dennoch zum einflussreichsten Nachkriegshistoriker Deutschlands aufsteigen. Sein wissenschaftlicher Glamour spiegelte sich in der Mitgliedschaft im Orden "Pour le merité für Wissenschaften und Künste" seit 1971.

56 Jahre nach Kriegsende - nachdem praktisch keiner der (Schreibtisch-)Täter mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann - startete die DFG 2001 einen neuen Versuch einer Aufarbeitung: Mit einer zwanzigköpfigen Freiburger Forschergruppe, deren meiste Mitglieder in den sechziger Jahren oder danach geboren sind, sozusagen Postdocs aus der akademischen Enkelgeneration der Nazi-Professoren. Vor falscher persönlicher Rücksichtnahme dürften sie gefeit sein.

Es ist der vierte Anlauf und in seiner Ausrichtung wissenschaftlicher und vielversprechender als alle vorangegangenen. Ein erstes Ergebnis ist die Wanderausstellung zum "Generalplan Ost". Sie geht auf die Arbeit der Gruppe zurück. Sie soll – der Zukunft zugewandt - verdeutlichen, welchen Verlockungen Wissenschaftler immer wieder ausgesetzt sein können, und wie viel Charakterstärke erforderlich sein kann, um Nein zu sagen.

Unter Leitung von Ulrich Herbert, Mitglied im DFG-Senat und einer der führenden deutschen Zeithistoriker, und dem Wissenschaftshistoriker Rüdiger vom Bruch arbeitet die Gruppe an keiner Gesamtgeschichte, an keinem Schlussstrich unter die Vergangenheit der DFG. Vielmehr konzentrieren sich die Nachwuchsforscher auf einzelne Disziplinen und Fachbereiche. Gelingt das Unternehmen, dann wird aus der Vergangenheitsbewältigung der Institution DFG endlich eine Wissenschaftsgeschichte.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.