Neandertaler Kinderzahn verrät Stillgewohnheiten

Wie lange stillten die Neandertaler ihre Babys? Forscher haben auf diese Frage jetzt eine Antwort gefunden - mit Hilfe eines uralten Kinderzahns. Er zeigt, dass der Nachwuchs damals womöglich recht schnell nach der Geburt abgestillt wurde.

Wachstumslinien im Zahn (grafische Darstellung): Barium-Gehalt verdeutlicht Ernährungsgewohnheiten
DPA / Ian Harrowell / Christine Austin / Manish Arora

Wachstumslinien im Zahn (grafische Darstellung): Barium-Gehalt verdeutlicht Ernährungsgewohnheiten


Dass Neandertaler-Geburten eine schmerzhafte Angelegenheit waren, wissen Forscher bereits. Nun haben sie erstmals Informationen darüber, wie lange Kinder damals im Anschluss gestillt wurden. Und wie es scheint, war nicht allzu lange nach der Geburt schon wieder Schluss mit dem Trinken an der Brust. Das legt zumindest die Untersuchung eines fossilen Kinderzahns aus der Altsteinzeit nahe, berichten Forscher im Fachblatt "Nature".

Forscher um Christine Austin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York konnten zeigen, dass sich der Gehalt des chemischen Elements Barium im Zahnschmelz bei der Umstellung von Milch auf feste Nahrung messbar ändert. Bisher habe man die Ernährung zu Beginn des Lebens an Fossilien nur schlecht rekonstruieren können, weil ein geeigneter Marker gefehlt habe, schreibt das Team. Mit der Barium-Verteilung im Zahnschmelz scheint man nun genau so einen Marker gefunden zu haben.

Barium wird mit der Nahrung und dem Wasser in geringen Mengen aufgenommen. Im Mutterleib sind die Zähne, die bereits im Kiefer angelegt sind, noch nahezu frei davon, weil dieses chemische Element die Plazenta schlecht passiert. Nach der Geburt gelangt es mit der Muttermilch in den Körper des Kindes und lagert sich unter anderem im Zahnschmelz ab. Wachstumsringe der Zähne ermöglichen eine zeitliche Zuordnung.

Die Methode ermöglicht nach Angaben der Experten auch neue Untersuchungen dazu, wie sich Frühmenschen ernährten. Und das wiederum erlaube Rückschlüsse auf die Lebensweise. Das Ergebnis der Neandertaler-Studie: Das Kind wurde nur gut sieben Monate voll gestillt und bekam dann eine Weile zusätzlich feste Nahrung.

Tests mit den Milchzähnen moderner Kinder

Der Zeitpunkt des Abstillens verrate viel über Entwicklung und Vermehrung unserer Vorfahren, schreiben die Forscher. So beeinträchtige ein frühes Abstillen möglicherweise die Gesundheit der Kinder. Allerdings erlaube es, schneller erneut schwanger zu werden, was wiederum für das Wachstum der Population entscheidend sei.

Die Wissenschaftler hatten zunächst an Milchzähnen von Kindern unserer Zeit gezeigt, dass sich die Verteilung von Barium tatsächlich zur Rekonstruktion der Ernährung messen lässt. Die Forscher wussten, wie die Kinder im Säuglingsalter ernährt worden waren. Sie fanden, dass der Barium-Gehalt im Zahnschmelz unmittelbar nach der Geburt ansteigt. Die Umstellung auf Flaschenmilch zeigte sich durch noch höhere Barium-Werte im Zahnschmelz. Nach dem Abstillen fielen die Werte rasch ab, weil der Barium-Gehalt von fester Nahrung geringer ist.

Die Wissenschaftler bestätigten ihre Ergebnisse an Zähnen von Makaken-Affen, deren Ernährungsgewohnheiten durch Beobachtungen bekannt waren. Dass das Barium-Signal auch einen Fossilierungsprozess übersteht, zeigten die Forscher schließlich am Zahn eines Kindes aus der mittleren Altsteinzeit. Die Untersuchung ergab, dass das Kind gut sieben Monate voll gestillt wurde. Dann bekam es eine Weile zusätzlich zur Muttermilch feste Nahrung. Mit knapp eineinviertel Jahren wurde es dann abrupt vollständig abgestillt. Warum das Stillen so plötzlich beendet wurde, sei unklar.

Klar ist aber auch: Das Abstillen ist bei modernen Menschen ein sehr individueller Prozess. Der Zeitpunkt kann dabei höchst unterschiedlich sein. Gut möglich, dass es bei den Neandertalern ganz genau so war.

chs/dpa



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