Experteninterview "Die Höhlenkunst der Neandertaler hat größere Bedeutung"

Der Neandertaler malte an Höhlenwände und schuf Muschelschmuck wie der moderne Mensch. Max-Planck-Wissenschaftler Dirk Hoffmann über die geistigen Fähigkeiten des Urmenschen.

Höhlenmalerei in der spanischen Höhle La Pasiega
P. Saura

Höhlenmalerei in der spanischen Höhle La Pasiega

Ein Interview von


Physiker Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Physiker Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Er galt lange als tumber Geselle. Nun wird er zum Künstler geadelt: der Neandertaler.

Forscher um den Physiker Dirk Hoffmann, 48, vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben zusammen mit Kollegen aus Spanien, Portugal und Großbritannien die Höhlenmalereien in drei spanischen Höhlen neu datiert. Tausende von Jahren älter als bislang angenommen ist demnach die Höhlenkunst. Damit steht fest, dass sie von Neandertalern ohne den Einfluss oder die Hilfe des modernen Menschen geschaffen wurde. Das robuste Kraftpaket, einst nach der Entdeckung des namengebenden Fossils im Jahr 1856 umgehend in die Doofi-Ecke gestellt, erweist sich damit einmal mehr als weit schlauer als lange angenommen. Neandertaler dachten wie wir. Als Künstler standen sie dem Homo sapiens damals in Nichts nach.

SPIEGEL: Die älteste bekannte Höhlenkunst ist von Neandertalern gemalt worden, nicht vom modernen Menschen. Sind wir rückständige Kunstbanausen?

Hoffmann: Nein. Aber Neandertaler waren uns, was die geistigen Fähigkeiten anbelangt, offenbar ebenbürtig. Wir haben das Alter von Höhlenkunst in drei spanischen Höhlen neu bestimmt: La Pasiega im Norden, Maltravieso im Westen und Ardales im Süden. Einige der Zeichnungen sind mindestens 64.000 Jahre alt. Die frühesten Spuren des Homo sapiens in Europa sind 20.000 Jahre jünger. Die Höhlenkunst muss also von Neandertalern geschaffen worden sein.

Hände in der Höhle von Maltravieso
Hipolito Collado Giraldo

Hände in der Höhle von Maltravieso

SPIEGEL: Was haben die Künstler verewigt?

Hoffmann: Zumeist Symbolik wie rote Linien, Punkte oder geometrische Zeichen. Aber auch die Umrisse von Händen sind zu finden. In Ardales überspannen die Malereien eine Periode von 25.000 Jahren - ein Hinweis, dass die Kreationen nicht zufällig entstanden sind, sondern Teil langer Traditionen waren, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

SPIEGEL: Höhlenkunst galt bislang als Alleinstellungsmerkmal des modernen Menschen...

Hoffmann: ... und unsere jetzt im Fachmagazin "Science" veröffentlichte Studie zeigt erstmals, dass diese Annahme falsch war. Höhlenkunst ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Nutzung von Symbolik. Offenbar teilten die Neandertaler die Fähigkeit für symbolisches Denken mit uns. Ob diese Fähigkeit sogar schon von einem gemeinsamen Vorfahren stammt oder zweimal unabhängig in den beiden Menschenarten entstanden ist, wissen wir noch nicht.

Malerei in der Höhle La Pasiega
Breuil et al. (1913)

Malerei in der Höhle La Pasiega

SPIEGEL: Einige Kunstwerke der Neandertaler sind sogar noch älter. In einer Küstenhöhle in der Nähe des spanischen Cartagena, der Cueva de los Aviones, fanden sich angefärbte Muscheln, die Sie jetzt in einer weiteren neuen Studie auf ein Alter von 115.000 Jahren datiert haben.

Hoffmann: Bislang galten Artefakte aus der Levante als die ältesten, je gefundenen Belege symbolischen Verhaltens. Sie sollen vor etwa 92.000 Jahren vom Homo sapiens angefertigt worden sein. Offenbar stellten die Neandertaler in Europa ähnliche Kunst sogar noch früher her. Dabei handelt es sich um durchbohrte Muscheln mit roten und gelben Pigmenten sowie um Muschelschalen, die wohl als Behältnisse zum Anmischen von Farbe verwandt wurden.

SPIEGEL: Wie findet man solche Artefakte?

Hoffmann: Die Funde sind schon in den Achtzigerjahren in der Cueva de los Aviones geborgen worden. Sediment hat sich in der Höhle über die Jahrtausende zu Gestein verfestigt, das sich vorsichtig abtragen lässt. Die Artefakte wurden zuletzt 2009 mit der Radiokarbon-Methode auf ein Alter von mindestens 45.000 Jahren datiert. Wir haben jetzt festgestellt, dass sie weit älter sind.

Dirk Hoffmann und Alistair Pike in der Höhle von La Pasiega
J. Zilhão

Dirk Hoffmann und Alistair Pike in der Höhle von La Pasiega

SPIEGEL: Wie kommt es zu der Neubewertung?

Hoffmann: Die Radiokarbon-Methode wird bei sehr alten Proben ungenau. Die von uns benutzte Uran-Thorium-Datierung dagegen ist dafür weit besser geeignet. Die Artefakte in der Cueva de los Aviones beispielsweise sind von Kalkablagerungen bedeckt. Das Alter dieser Sinterschicht lässt sich sehr genau bestimmen, weil im Kalk Uran gebunden ist, das über die Zeit langsam zu Thorium zerfällt. Wir bestimmen die Menge des Thoriums und können daraus das Alter der Ablagerungen ableiten. Auch die Malereien in den Höhlen sind teilweise von Kalkkrusten bedeckt. Wir haben das Alter der Kalkkrusten ermittelt. Damit kennen wir auch das Mindestalter der Kunst darunter.

SPIEGEL: Welchem Zweck dienten die Kunstwerke?

Hoffmann: Die Muscheln könnten einfach nur als Körperschmuck benutzt worden sein. Die Höhlenkunst hat größere Bedeutung. Wer seine Hand als Schablone nimmt und Farbe darüber sprühen will, muss planen. Er muss einen geeigneten Standort auswählen, für eine Lichtquelle sorgen, Pigmente mischen und abstrahieren. Das zeigt uns, dass die Neandertaler kognitive Möglichkeiten hatten, die wir bisher nur dem modernen Menschen zugeschrieben haben.

Muscheln in der Cueva de los Aviones
J. Zilhão

Muscheln in der Cueva de los Aviones

SPIEGEL: Was folgt daraus?

Hoffmann: Symbolik ist eine Form der Kommunikation und damit eine erste Voraussetzung für Sprache. Ob damit auch eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft verbunden war, wissen wir nicht. Ich würde es aber nicht ausschließen. In jedem Fall überschritten auch die Neandertaler mit der Erschaffung symbolischer Objekte eine fundamentale Schwelle der Menschwerdung. Leider starb der Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren aus. Wer weiß, wie sich dessen Kunstfertigkeit noch weiterentwickelt hätte.



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