Viren Neandertaler-Erbgut schützte den modernen Menschen vor Krankheiten

Etwa zwei Prozent des Erbguts moderner Menschen stammen vom Neandertaler. Dass sie Sex hatten, half ihnen offenbar auch im Kampf gegen manche Virusinfektion.

Neandertaler-Gene schützen vor Krankheiten
Claire Scully

Neandertaler-Gene schützen vor Krankheiten


Als moderne Menschen vor gut 70.000 Jahren nach Europa kamen, holten sie sich wahrscheinlich erstmal eine Erkältung - mindestens. Denn ihr Immunsystem war auf die dort vorkommenden Krankheitserreger kaum vorbereitet, im Gegensatz zu dem der Neandertaler, die bereits seit Zehntausenden Jahren in Europa lebten.

Nun haben Forscher herausgefunden, dass Neandertaler-Gene den modernen Menschen bis heute vor machen Infektionskrankheiten schützen. Neandertaler und homo sapiens tauschten demnach Viren aus, als sie Nachwuchs zeugten. Dabei hätten sie auch genetische Anpassungen weitergegeben, die für die Abwehr der jeweiligen Erreger hilfreich sind, berichten US-amerikanische Forscher im Fachblatt "Cell".

Neandertaler-DNA erhöht Widerstandsfähigkeit

Im Erbgut des modernen Menschen seien diese Spuren der ausgestorbenen Neandertaler bis heute nachweisbar, schreibt das Team um den Evolutionsbiologen David Enard von der Universität von Arizona. "Indem sie sich miteinander paarten, gaben sie genetische Anpassungen weiter, um mit den neuen Krankheitserreger fertig zu werden", sagt Evolutionsbiologe David Enard von der University of Arizona.

Bereits 2016 hatte Enard gemeinsam mit dem Biologen Dmitri Petrov von der Stanford Universität untersucht, welche Bedeutung Viren für die Entstehungsgeschichte des Menschen haben.

Neandertaler (Archiv)
DPA

Neandertaler (Archiv)

Dabei hatten sie entdeckt, dass etwa ein Drittel der Proteinanpassungen, die der Mensch seit der Abspaltung vom bis dato gemeinsamen Stammbaum mit dem Affen entwickelte, als Reaktion auf infektiöse Viren entstanden waren. Proteine werden nach Vorlage der Gene gebildet und bestimmen die Merkmale und Eigenschaften eines Lebewesens.

152 gemeinsame Genfragmente

In der aktuellen Studie ging es Enard und Petrov nun darum, herauszufinden, welche der zuvor festgestellten Proteinanpassungen vom Neandertaler kamen. Dafür nahmen die Forscher jene Gene in den Blick, die dafür bekannt sind, mit Krankheitserregern zu interagieren. Insgesamt waren es 4000.

Die Wissenschaftler identifizierten beim modernen Menschen 152 Genfragmente, über die schon der Neandertaler verfügte. Jene Fragmente interagieren mit heutigen Viren wie Influenza-A und Hepatitis C, die alle zur Gruppe der RNA-Viren gehören, berichten die Wissenschaftler. Daraus schließen Enard und Petrov, dass jene Gene unseren Vorfahren halfen, frühere RNA-Viren zu bekämpfen.

Allerdings finden sich diese Neandertaler-Gene nur in modernen Europäern, nicht aber bei modernen Asiaten. Ursache dafür ist laut den Forschern vermutlich, dass die Kreuzung von Homo sapiens und Homo neanderthalensis mehrmals zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten stattfand, sodass jeweils verschiedene Viren beteiligt waren.

Neandertaler-DNA macht anfälliger für Nikotinsucht

Der Neandertaler gab dem Menschen jedoch nicht nur positive Eigenschaften mit. 2016 berichteten US-amerikanische Genetiker, dass das Erbgut des Neandertalers eine Rolle bei zwölf heutigen Krankheiten und äußerlichen Merkmalen spielt, darunter Hauterkrankungen oder Blasenprobleme, aber auch die Anfälligkeit für Nikotinsucht.

Erst seit einigen Jahren ist überhaupt bekannt, dass der Neandertaler Spuren im Menschen hinterließ. Lange Zeit galt die Evolution des Menschen als gerade Linie, die direkt von affenartigen Vorfahren zum heutigen Homo sapiens verlief. Mittlerweile ist klar, dass sich der Stammbaum des Menschen nicht ganz so geordnet darstellt, sondern vielmehr aus vielen verschiedenen Zweigen und Verästelungen besteht.

Eine dieser Verästelungen wird vom Neandertaler (Homo neanderthalensis) besetzt, einem Verwandten des Menschen, der etwa 250.000 Jahre lang den europäischen Kontinent beherrschte. Mit der Ankunft des Homo sapiens aus Afrika änderte sich das: Die Neandertaler starben allmählich aus. Die Gründe dafür sind noch immer unklar.

Für wohl einige Jahrtausende lebten Neandertaler und moderner Mensch jedoch zeitgleich und zeugten gemeinsamen Nachwuchs. Als Ergebnis verfügen die meisten modernen Europäer und Asiaten heute über etwa zwei Prozent Neandertaler-DNA in ihrem Genom.

jme/dpa

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