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Knochensplitter

Evolution des Menschen Harte Zeiten für Rassisten

Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer Fotos
DPA

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Was definiert den Menschen, was macht uns besonders? Der Abgleich unseres Genoms mit dem der Neandertaler liefert ständig neue Erkenntnisse. Das neue Wissen wird unser Selbstbild verändern. Gut so: Das macht es immer schwerer, Rassist zu sein.

Der Skandinavier V. gehört zu den schillerndsten Figuren der rechtsradikalen Szene. Rund eineinhalb Jahrzehnte saß er wegen Mordes hinter Gittern. Zahlreiche Wirrköpfe hindert das nicht, seinen kruden Theorien zu folgen, die er per Internet verbreitet.

Seit einiger Zeit hat er eine Neue: Wir Europäer seien eigentlich Neandertaler. Das beweise, dass wir nicht von Schwarzafrikanern abstammten. Von deren Genom, phantasiert er in völliger Verdrehung der Fakten, fänden sich nur Spuren in unserem. Europäer seien nur zu "0,3 Prozent Homo sapiens". Der Rest: Neandertaler.

Solcher Unsinn muss selbst hartnäckigen Rassisten wehtun. Fast könnten sie einem leidtun: Bisher klangen ihre Abstammungmythen doch völlig anders. Seit jeher hatte die blond-blauäugige Fraktion - und nicht nur der Teil, der einem klitzekleinen, dunkelhaarigen Österreicher anhing - ihre Überlegenheitsphantasien mit einer imaginierten Höherwertigkeit der "kaukasischen Rasse" begründet. Ihr unfreiwilliger Kronzeuge: Charles Darwin.

Dessen Evolutionslehre interpretieren Rechte als Auslese per Verdrängung. Die Evolution, glauben sie, sorge für das Überleben des Stärkeren, der sich stets gegen den Schwächeren durchsetze. Nach dieser Logik müsste die Erde heute von tonnenschweren Dinosauriern beherrscht sein, weil vor 65 Millionen Jahren alle Kleinlebewesen ausstarben. Bekanntlich ist das Gegenteil der Fall.

Nun geht es den Ideologen nicht um Logik. Herrschaft wird mit dem "Überleben des Stärkeren"-Missverständnis aus sich selbst heraus begründet: Wer sich durchsetzt, ist der Bessere.

Und der Allerbeste sei natürlich der Europäer, von der Evolution im Kampf gegen die vor ihm in Europa hausenden Urmenschen (genau: Neandertaler) und widrige klimatische Verhältnisse nicht nur gestählt, sondern Wotan sei Dank auch gebleicht und blondiert. Der Neandertaler galt ihnen als von der Evolution verworfenes, vom europäischen Homo sapiens hinweggefegtes Auslaufmodell.

Out of Africa: Eine Botschaft der Gleichheit

Für diese Klientel war schon die Out-of-Africa-Theorie eine Zumutung. Die besagt, dass der Ursprung der Menschheit entlang des afrikanischen Grabenbruchs lag, von wo aus wir uns über die Welt verteilten. Unsere Urahnen waren demnach Schwarze. Eine bittere Pille für die, die ihre angebliche Höherwertigkeit aus ihrer Blässe definierten. Immerhin blieb ihnen der Trost, sich vorzustellen, sie seien das Produkt einer "Weiterentwicklung". Sapiens 2.0, sozusagen.

Seit 2010 wird das immer schwerer. Damals veröffentlichte die Forschergruppe um den Paläogenetiker Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erste Teile des Neandertaler-Genoms. Seitdem produziert diese mittlerweile weltweit betriebene Analyse fast im Wochentakt Wissenschaftsschlagzeilen.

Was wir so erfuhren:

  • Mindestens einmal kam es zu einem Genfluss zwischen Homo sapiens und neanderthalensis - sprich: zu einer Vermischung der Populationen;
  • Alle Menschen mit Ausnahme der Afrikaner südlich der Sahara tragen Gene von Neandertalern oder den eng verwandten Denisova-Menschen;
  • Der Prozentsatz dieses archaischen Erbguts variiert je nach Messung und Schätzung zwischen einem und sieben Prozent;
  • Weil wir aber nicht alle die gleichen Gene "durchgereicht" bekommen haben, sind insgesamt 20 bis 30 Prozent des Neandertaler-Erbguts noch in unseren heutigen Populationen zu finden (Schätzung: Pääbo).

Am schwersten zu schlucken ist für die Rechtsausleger aber, was uns die Neandertaler konkret vererbt haben. Denn während wir zwar zahlreiche variierende Gen-Schnipselchen erbten, haben wir einige davon alle gemein. Und zwar ausgerechnet die Gene, welche die phänotypischen Merkmale bestimmen, die europäischen Rassisten seit Jahrhunderten als definierende Merkmale des edlen Europäers galten: Helle Haut. Helles Haar. Blaue Augen.

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Genvarianten fürs Immunsystem: Neandertaler-Spuren im menschlichen Erbgut
Was für eine herrliche Pointe: Die Farbmerkmale der angeblich überlegenden Rasse entpuppen sich als Erbe einer ausgestorbenen Menschenart, die vor 30.000 Jahren aus der Welt fiel, weil sie nicht mehr hineinpasste. Und die einzig verbliebenen, "reinrassigen" Homo sapiens (wie die irren Rassentheoretiker der Nazis das genannt hätten) sind die Schwarzafrikaner.

Wenn uns unsere Verwandtschaft zum Neandertaler aber eines lehrt, dann ist es das: So etwas bedeutet nichts, es besitzt in sich keinen Wert, es macht niemanden besser oder schlechter. Es ist nur interessant - und es erteilt uns einmal mehr eine Lektion über Evolution.

Gene, schrieb einst der britische Biologe Richard Dawkins, seien "egoistisch": Sie setzen sich gegen andere Gene durch und werden weitergegeben, wenn sie für das Lebewesen in seinem Biotop vorteilhaft sind. Auf dem Weg in den lichtschwachen Norden war es für unsere schwarzafrikanischen Vorfahren von Vorteil, zu erblassen. Wir liehen uns diese Eigenschaft von Wesen, deren Zeit bald darauf abgelaufen war. Dass diese Vermischung möglich war, lag nur daran, dass beide Unterarten des Homo so eng verwandt waren.

Genau das ist und bleibt, was uns Menschen auszeichnet: Unsere enge, unlösbare Verwandtschaft miteinander. Wir alle sind Mischlinge mit Migrationshintergrund.

79 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
maiwald.dubai 08.02.2014
mk70666 08.02.2014
Chris_SSS 08.02.2014
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Evolution: Die Knochenwerkzeuge der Neandertaler
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Uralter Schmuck: Das Schneckenhaus des Neandertalers

Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
Buchtipp

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
  • Bücher vom Autor bei Amazon.
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