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Knochenanalyse: Neandertaler-Gene in 45.000 Jahre altem Urmenschen entdeckt

Knochenanalyse: Forscher entdecken Neandertaler-Gene in uraltem Knochen Fotos
MPI/ EVA/ Bence Viola

In einem 45.000 Jahre alten menschlichen Knochen haben Leipziger Forscher Neandertaler-Gene entdeckt. Ihre Analyse erlaubt neue Einblicke in die Ursprünge der Menschwerdung.

Leipzig - Ein Forscherteam aus Leipzig hat das Erbgut eines Mannes entziffert, der vor 45.000 Jahren durch Westsibirien streifte. Das war in etwa zu der Zeit, als die Vorfahren heutiger Europäer und Asiaten begannen, sich getrennt voneinander zu entwickeln. Wie sich herausstellte, trug der Mann ebenso wie die heute lebenden Europäer und Asiaten kleine Mengen Neandertaler-Erbgut in sich. Die Forscher um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hatten das Erbgut aus dem linken Oberschenkelknochen des Mannes isoliert und berichten über ihre Ergebnisse im Fachjournal "Nature".

Aus der Genom-Analyse geht hervor, dass sich die Vorfahren des Mannes und die Neandertaler vor 50.000 bis 60.000 Jahren miteinander vermischten. Es könnte allerdings sein, dass auch spätere Vorfahren des analysierten Menschen noch mit dem Neandertaler Kinder bekommen haben, schreiben die Leipziger Forscher. Bislang datieren viele Wissenschaftler die Vermischung zwischen Neandertalern und modernen Menschen auf einen Zeitraum von vor 37.000 bis 86.000 Jahren.

Bei dem 45.000 Jahre alten Knochen betrug der Neandertaler-Anteil im Erbgut etwa 2,3 Prozent. Das ist etwas höher als der Anteil in heutigen Europäern, der nach Angaben der Forscher bei 1,6 bis 1,8 Prozent liegt. Asiaten besitzen 1,7 bis 2,1 Prozent Neandertaler-Gene. Nach weiteren Analysen gehen die Forscher davon aus, dass sich seit der Zeit, in der der Mann in Sibirien lebte, pro Jahr im Schnitt ein bis zwei Mutationen im Erbgut der Europäer und Asiaten angesammelt haben.

Der Mann aus Westsibirien

Der Oberschenkelknochen, aus dem die Forscher das Erbgut isolierten, wurde 2008 in Westsibirien am Fluss Irtysch nahe der Ortschaft Ust'-Ischim gefunden. "Der Ust'-Ishim-Mann ist einer der ältesten modernen Menschen, die außerhalb des Mittleren Ostens und Afrikas gefunden wurden", sagte Mitautorin Bence Viola. Der Mann sei mit den direkten Vorfahren der heute lebenden Menschen verwandt gewesen.

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer

Es handle sich sogar um den ältesten modernen Menschen außerhalb Afrikas und des Nahen Ostens, bei dem mit der Radiokarbonmethode exakt datiert wurde, wann er lebte, schreiben die Forscher.

In einem früheren Forschungsprojekt hatten Leipziger Wissenschaftler herausgefunden, dass der Fettstoffwechsel von Europäern vermutlich stärker von Neandertaler-Genen beeinflusst worden ist als der von Asiaten und Afrikanern. Möglicherweise hätten jene Menschen mit Neandertaler-Varianten in den Genen einen selektiven Vorteil bei der Evolution gehabt, erläuterte MPI-Forscher Philipp Khaitovich. Welchen genau, das müsse noch erforscht werden.

Erst im Januar hatten zwei Studien ergeben, dass Neandertaler-Gene den Vorfahren moderner Menschen wahrscheinlich dabei geholfen hatten, sich an die kühlere Umgebung außerhalb Afrikas anzupassen. Demnach ist Neandertaler-Erbgut in heutigen Europäern und Ostasiaten insbesondere an jenen Stellen vorhanden, an denen Wachstum und Ausgestaltung von Haut und Haaren geregelt werden.

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khü/dpa

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Warum so in die ferne (Vergangenheit) schweifen?
otzer 23.10.2014
Ich bin sicher, Neandertaler-Gene lassen sich auch bei genügend heutigen Zeitgenossen nachweisen.
2. Der Witz....
Mimimat 23.10.2014
Zitat von otzerIch bin sicher, Neandertaler-Gene lassen sich auch bei genügend heutigen Zeitgenossen nachweisen.
....zündet nicht: "Das ist etwas höher als der Anteil in heutigen Europäern, der nach Angaben der Forscher bei 1,6 bis 1,8 Prozent liegt. " So steht es im Artikel.
3. @ otzer:
was.zum.teufel.... 23.10.2014
:-))). Stimmt auffallend.
4. Jop
decebalus911 23.10.2014
Zitat von otzerIch bin sicher, Neandertaler-Gene lassen sich auch bei genügend heutigen Zeitgenossen nachweisen.
steht doch im Artikel, dass bei allen Europäer und Asiaten Neandertaler-Gene nachweisbar sind. Sie meinen wahrscheinlich, dass einige sicherlich einen höheren Anteil haben. Zum Beispiel dieser Zeitgenosse, der auch mal Evander Holyfield verkloppt hat ;-) http://www.rp-online.de/sport/boxen/boxen-nikolai-walujew-evander-holyfield-bid-1.1513194
5. Eine spannende, schöne Geschichte
Alternator 23.10.2014
Was da Pääbo-Team da in den letzten Jahren an Erkenntnissen gewonnen hat gehört für mich zum Spannendsten der Wissenschaft überhaupt. Immer mehr sieht man unsere Geschichte plastisch werden und Gesichter annehmen. …und immer mehr lässt sie den Rassisten die argumentativen Eisschollen unterm Hintern wegschmelzen. Herrlich!
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler im modernen Menschen

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