Neandertaler-Gene in Menschen einschleusen Projekt Wiederauferstehung

Längst ausgestorbene Arten wie das Mammut oder gar den Neandertaler zum Leben erwecken - das wird der Mensch vielleicht bald können. Aber dürfen Forscher Gott spielen, nur weil es möglich ist?

Figuren im Neanderthal Museum Mettmann
DPA

Figuren im Neanderthal Museum Mettmann


Das Leben wimmelt nur so auf dem blauen Planeten. Schätzungen zufolge leben auf unserem Planeten derzeit 8,7 Millionen verschiedene Arten - die vielen Bakterienarten sind dabei nicht einmal berücksichtigt. Doch während bei Insekten, Vögeln, Reptilien, Fischen und anderen Tieren Vielfalt herrscht, sind wir Menschen eine Monokultur. Nur eine einzige Menschenart hat im Laufe der Evolution bis heute durchgehalten: Wir, also Homo sapiens.

Vor rund 50.000 Jahren war das noch anders. Damals trafen unsere Vorfahren, die sich in Afrika entwickelt hatten, in Europa auf ihre Menschenvettern, die Neandertaler. Sie waren eine eigene Menschenart und haben sich über eine halbe Million Jahre getrennt von uns im Eiszeit-Europa entwickelt. Vor 30.000 Jahren starben sie aus - wir überlebten. Was damals in Europa genau geschah, ist eines der größten Rätsel der Wissenschaft.

Warum sie nicht wieder zurückholen, um es zu lösen? Der Gentechnik-Pionier George Church schlug 2013 in einem SPIEGEL-Interview genau dies vor. Das Problem: Normales Klonen, wie es bei verschiedensten Tierarten seit Jahren praktiziert wird, ist im Fall des Neandertalers nicht möglich. Das Erbgut, das Forscher aus jahrtausendealten fossilen Neandertaler-Knochen gewonnen und entziffert haben, ist in viele kleine Stücke zerfallen.

Nachbildung eines älteren Neandertalers
DPA

Nachbildung eines älteren Neandertalers

Es gibt also keine intakten DNA-Moleküle, keine Chromosomen, keine Zellkerne mehr, die man in eine menschliche Eizelle einsetzen könnte, damit sich daraus ein Neandertaler-Embryo entwickelt.

Churchs Idee geht so: Man nehme eine befruchtete menschliche Eizelle und schreibe ihr Erbgut in das eines Neandertalers um. Ein solch "neandertalifizierter" Embryo würde sich in der Gebärmutter zu einem Neandertaler-Baby entwickeln.

Was nach einer ethisch natürlich höchst fragwürdigen Idee klingt, wäre technisch bereits möglich. 2010 veröffentlichte der Paläogenetiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, Svante Pääbo, den genetischen Bauplan des Neandertalers. Pääbo hatte aus uralten Neandertaler-Knochenfossilien Erbgut gewonnen und analysiert.

Menschliches Erbgut umschreiben

Und 2013, als George Church die Idee vorschlug, begann gerade eine Revolution in der Gentechnik. 2012 hatten zwei Forscherinnen in Bakterien eine Art molekularer Erbgut-Schere namens Crispr-Cas9 entdeckt, mit der Manipulationen am Erbgut sehr einfach und vor allem billig wurden. Mit Crispr kann man Abschnitte im Erbgut löschen, einfügen und umschreiben - es ist quasi eine Textverarbeitung fürs Erbgut. Mit Crispr haben Forscher bereits defekte Gene in menschlichen Embryonen repariert. An Erwachsenen laufen erste klinische Studien mit Gentherapien.

Mithilfe von Crispr könnte man menschliches Erbgut in das eines Neandertalers "umschreiben". Dafür bräuchte es gar nicht so viele Eingriffe. Es sind genau 31.389 Stellen, an denen sich unser Erbgut von dem der Neandertaler unterscheidet, fand Svante Pääbo heraus.

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Dass seine Idee prinzipiell funktioniert, hat Church bereits am ausgestorbenen Wollhaar-Mammut demonstriert. Sein Team hat unter anderem mithilfe von Crispr mehrere Gene des Mammuts in das Erbgut eines asiatischen Elefanten eingeschleust. Das Ziel, so Church, sei zunächst, den massiv vom Aussterben bedrohten Elefanten mit Mammut-Genen robuster für die Umwelt zu machen: "Wir beginnen mit 50 Genveränderungen im Elefanten-Erbgut, die die Tiere unempfindlicher gegen Kälte machen", sagt Church.

In den nächsten Jahren will Church nun einen Hybriden aus Elefant und Mammut erzeugen, um die Wirkungen dieser 50 eingeschleusten Mammut-Gene am lebenden Tier zu testen. Würde man die Prozedur mit allen Mammut-Genen wiederholen, erhielte man am Ende ein vollständiges Mammut. Die Anzahl der dafür notwendigen Erbguteingriffe schreckt Church nicht: "Es gibt keinen fundamentalen Grund, der uns davon abhält, Millionen von Änderungen vorzunehmen", sagt der Forscher.

Viele teilen seinen Enthusiasmus nicht und melden schon ethische Bedenken an bei der Frage, ausgestorbene Tiere wiederzuerwecken. Umso fragwürdiger aber wäre solch ein Vorgehen beim ausgestorbenen Neandertaler.

Genschere Crispr-Cas9
Getty Images

Genschere Crispr-Cas9

Svante Pääbo, der Entzifferer des Neandertaler-Erbguts, ist wenig angetan von der Idee, den ausgestorbenen Urmenschen wiederzuerwecken: "Neandertaler waren empfindsame menschliche Wesen", sagt Pääbo. "In einer zivilisierten Gesellschaft würden wir niemals ein menschliches Wesen erschaffen, nur um wissenschaftliche Neugier zu befriedigen. Ethisch betrachtet ist das völlig inakzeptabel."

Was die Technik angeht, kann Pääbo sich vorstellen, "dass sie einmal so weit sein wird". Aber ein großes Problem sieht er: "Wenn wir sagen, dass wir das gesamte Neandertaler-Genom haben, stimmt das nur für die Teile, die einmal im Erbgut vorkommen. Aber etwa ein Drittel des Genoms ist aufgebaut aus Abschnitten mit sich wiederholenden Sequenzen.

Weil wir das Genom anhand von kurzen zerfallenen DNA-Stücken rekonstruieren mussten, wissen wir nicht, wie oft sich diese Abschnitte an welcher Stelle wiederholen. Wir werden nie das vollständig korrekte Genom haben."

Baldiges Comeback?

Es gibt also blinde Flecken im Erbgut des Neandertalers - ein Problem, das auch George Church sieht, nicht nur beim Neandertaler, sondern beim Sequenzieren des Erbguts aller Lebewesen, auch heute lebender. Denn mit aktuellen Methoden lässt sich nicht die gesamte DNA eines Lebewesens sequenzieren, sondern immer nur Stücke, die letztlich anhand von Überlappungen an den Schnittstellen wieder zusammengesetzt werden.

"Mein Labor arbeitet an Methoden, die schlussendlich erlauben werden, ganze Tier-Genome akkurat auslesen zu können", sagt Church. "Wir erwarten, dass diese Methoden auch auf die DNA längst ausgestorbener Spezies anwendbar sind." Vielleicht ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis Mammuts und auch einmal Neandertaler auf dem Planeten ein Comeback feiern.


Der Autor ist Wissenschaftsjournalist und hat soeben den Thriller "Neanderthal" veröffentlicht, in dem ein Kommissar ein Massengrab entdeckt, in dem womöglich wieder auferstandene Neandertaler beerdigt wurden.

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
santoku03 22.12.2017
1.
Ein auf diese Weise geklonter "Neandertaler" wäre kein Neandertaler, sondern nur ein komisch aussehender Mensch. Zum Neandertaler wird der Mensch nicht allein aufgrund seiner Gene, sondern in erster Linie durch die Kultur in der er lebt. Was nicht heißen soll, dass nicht auch in unserer Kultur noch so mancher "Neandertaler" herumläuft ;)
neuss66 22.12.2017
2. "Gott spielen" ?
Sie implizieren mit der Frage ob Forscher Gott spielen dürfen, dass es einen Gott gibt und das dieser für die Schöpfung verantwortlich ist. Die Frage ist allerdings überhaupt nicht geklärt und die Annahme das es einen Gott, so wie ihn sich die Menschen vorstellen gibt, darf zudem eher angezweifelt werden. - Es muss als eher unwahrscheinlich angenommen werden, das es so einen Gott gibt. Und da dies so ist, sollten wir uns wohl eher auf die Frage konzentrieren, ob solche Forschung ethisch vertretbar ist. Ich pewrsönlich habe da zunächst keine ethischen Bedenken. Allerdings kann ich einen herausragenden Sinn auch nicht erkennen.
rst2010 22.12.2017
3. ob wir das dürfen/sollen?
die frage stellt sich nicht, es rentiert sich nicht. wir können niemals die etwicklungsleistung der natur nachvollziehen, die sich millionen von jahren zeit und einen ganzen planeten als labor nehmen kann, ein genom zu entwickeln und zu optimieren. auf die leistung der natur zurückzugreifen ist eindeutig billiger, als endlose versuche mit vielen irrtümern selber zu machen.
watch15 22.12.2017
4. Alles hat seinen Grund ...
... auch das Aussterben der Neandertaler ... und der doch so schlaue Homosapiens ... der sich final selbst vergiften und von dieser schönen Erde wegblasen wird. Anstatt sich um ausgestorbene Spezies zu kümmern sollte die Forschung zur Bekämpfung von Krankheiten (Gendefekten, Krebs usw.) voran getrieben werden.
andraschek 22.12.2017
5. Eine schreckliche Vorstellung!
Ich sehe absolut keinen Sinn darin und überhaupt die Vorstellung einen Menschen zu erschaffen nur um ihn dann zu studieren wiedert mich schon an. Wie bitteschön soll das ganze denn dann finanziert werden, gibt es dann eine Wanderausstellung in den großen Zoos der Welt?
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