Neandertaler-Genom analysiert Keine Belege für Sex mit Menschen

Die Neandertaler waren die nächsten Verwandten des Menschen. Neue Forschungsergebnisse legen aber nahe, dass sich beide nicht besonders nahe gekommen sein dürften. Demnach streiften die Neandertaler als recht disparates Häufchen durch Europa.


Leipzig - Es ist nur ein Zwischenschritt, aber ein wichtiger: "Zum ersten Mal konnten wir praktisch fehlerfrei eine komplette Sequenz aus alter DNA entschlüsseln", sagt Richard Green vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Zusammen mit Kollegen hatte er Knochen eines vor etwa 38.000 Jahren gestorbenen Neandertalers untersucht, dessen Überreste 1980 in der Vindija-Höhle in Kroatien entdeckt worden waren. Das besondere an den Überresten: Sie waren vergleichsweise wenig mit Erbgut der Ausgräber oder anderer moderner Menschen verunreinigt.

Neandertaler-Skelett: "Die meisten glauben, dass vor 40.000 Jahren lediglich einige tausend Neandertaler in Europa umhergestreift sind"
Ian Tattersall

Neandertaler-Skelett: "Die meisten glauben, dass vor 40.000 Jahren lediglich einige tausend Neandertaler in Europa umhergestreift sind"

Im Blick hatten die Wissenschaftler die sogenannte mitochondriale DNA, die nur von der Mutter weitergegeben wird. Es handelt sich um den Teil des Genoms, der in den Kraftwerken der Körperzellen vorkommt. Im einigen Jahren soll das komplette Neandertalergenom entschlüsselt werden. Im US-Fachmagazin "Cell" berichten Green und seine Kollegen, dass sie aus insgesamt 300 Milligramm Knochensubstanz 8341 DNA-Fragmente isolieren konnten, deren Längen zwischen 30 und 278 Basenpaaren lagen.

Zusammengesetzt und in die richtige Reihenfolge gebracht ergaben diese Bruchstücke ein mitochondriales Genom mit 16.565 Bausteinen, das damit fast exakt so lang wie das des modernen Menschen ist. Der Wert der Studie liegt den Autoren zufolge vor allem darin, dass die Genom-Sequenz fehlerfrei sequenziert wurde. Bei bisherigen Untersuchungen alter Neandertaler-Knochen sei es schwierig gewesen herauszufinden, ob identifizierte genetische Abweichungen auf Mutationen oder aber nur auf Beschädigungen durch den Lauf der Zeit zurückzuführen seien. Deswegen habe man Position und Identität jedes Bausteins mehr als 30-mal überprüft.

Die Auswertung des Genom-Teils habe außerdem keine Rückschlüsse auf eine Vermischung zwischen Neandertalern und dem modernen Menschen ergeben, auch wenn diese weiter nicht ausgeschlossen werden könne, heißt es in der Studie.

Der Neandertaler ist der nächste Verwandte des Menschen - und hat seit einiger Zeit ein wenig von seinem Image als tumber Höhlenbewohner eingebüßt. So fanden Leipziger Forscher im vergangenen Herbst in seinem Erbgut einen Abschnitt, der beim modernen Menschen für die Sprachentwicklung zuständig ist.

Ob sich die beiden Linien vermischt haben, ist unter Forschern umstritten. Die Befunde der Studie legen den Verdacht nahe, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und Mensch vor etwa 660.000 Jahren gelebt habe, plusminus 140.000 Jahre. Wie und warum die Neandertaler verschwanden, ist bis heute nicht klar.

Die aktuellen Forschungsergebnisse bestätigen die Vermutung, die Neandertalerpopulation sei vergleichsweise klein gewesen. "Die meisten glauben, dass vor 40.000 Jahren lediglich einige tausend Neandertaler in Europa umhergestreift sind", sagt Johannes Krause, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war.

chs/AFP/ddp

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