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Ausgegraben

Archäologie Kindheit bei Familie Neandertal

Neandertaler: Behütete Spielkinder Fotos
Takeru Akazawa

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Wenn Menschen Geschichte machen, dann sind es immer Erwachsene - denkt man vielleicht. Bei einem genauen Blick auf die archäologischen Überreste von Neandertalern entdeckten Forscher erstaunlich viele Spuren von Kindern. Die Funde verraten, wie Alt und Jung zusammenlebten.

"Ich bitte meine Studenten immer, sich mal einen Neandertaler vorzustellen", erzählt Penny Spikins von der University of York SPIEGEL ONLINE. "Und noch nie hat jemand dabei an ein Neandertaler-Kind gedacht." Auch fertig ausgebildete Archäologen schenken den Kindern nur selten Aufmerksamkeit.

Als Ausgräber Philippe-Charles Schmerling 1829 in der belgischen Engis-Höhle den Schädel eines Kindes fand, verschwand dieser für die nächsten hundert Jahre erst einmal unerkannt in den Magazinen der Universität Lüttich. Ähnlich erging es einem Babyskelett vom Fundplatz Le Moustier in Frankreich, das ebenfalls rund ein Jahrhundert vergessen in einem Museum schlummerte. In jüngerer Zeit wanderten die Überreste von zwei neugeborenen Neandertalern aus dem französischen Saint-Césaire in eine Kiste mit Tierknochen, wo sie erst 15 Jahre später wiedergefunden wurden.

"Was uns am meisten überrascht hat, war, wie viele Zeugnisse von Kindern es tatsächlich bei den Neandertalern gibt", berichtet Spikins. "Und wie unsere eigene Erwartung unsere Vorstellung von Kindheit bei den Neandertalern geformt hat." Denn die war, glaubt man den meisten Beschreibungen, hart und kurz. Doch die Spuren, die Spikins und Kollegen nun in ihrem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe des "Oxford Journal of Archaeology" zusammengetragen haben, lassen die Kindheit bei den Neandertalern in einem viel weicheren Licht erscheinen.

Spielzeug für den kleinen Neandertaler

Spikins und Kollegen fanden erstaunlich viele Hinweise darauf, dass die Neandertaler ihre Kinder liebten und ihnen damit emotionale Stabilität gaben. So wurde der Nachwuchs öfter mit Grabbeigaben bedacht als Erwachsene. Bei einem Neugeborenen im französischen La Ferrassie fanden die Ausgräber drei Schaber aus Flint. Auf der Brust eines Kleinkindes aus dem syrischen Dederiyeh lag ebenfalls ein Flintwerkzeug. Ein zehn Monate altes Kind aus der israelischen Amud-Höhle bekam den Oberkiefer eines Rothirsches mit ins Grab, ein Kleinkind aus dem usbekischen Teshik-Tash lag umringt von Ziegenhörnern.

Interessant sind auch die Orte, an denen Neandertaler ihre Kinder begruben. Oft lagen diese nämlich in Wohnstätten - viel dichter bei den Lebenden als verstorbene Jugendliche oder Erwachsene.

Auch Spielzeug stellten erwachsene Neandertaler für ihre Kinder her. Aus dem niederländischen Rhenen stammt eine Handaxt im Miniaturformat. Nur 4,4 Zentimeter ist das Stück groß.

Dass sich auch Kinder an der Herstellung von Werkzeugen versuchten, konnten Archäologen im französischen Arcy-sur-Cure nachweisen. Im niederländischen Maastricht-Belvédère zeigen gar 59 Prozent der Steinkerne einer Werkstatt Anzeichen von Anfänger-Frustration: unkontrollierte Schläge auf Stellen, von denen sich keine Steinklinge lösen wollte.

All das sind Anzeichen für enge Eltern-Kind-Bindungen. Hinzu kam eine geringe Größe der Gruppen, in denen die Neandertaler lebten. Meist bewegten sie sich nur in einer relativ überschaubaren Familie, der Kontakt zu anderen Gruppen war eher sporadisch. "Ich bin mir sicher, dass die Kinder fasziniert beobachtet haben, was ältere Kinder und die Erwachsenen tun", überlegt Spikins. "Und dann auch selber versucht haben, zum Beispiel ein Steinwerkzeug herzustellen." Vermutlich unterschied sich ihr Leben nur wenig von dem moderner Jäger- und Sammler-Kinder: "Sie hatten viel Zeit zum Herumtollen, Pläne schmieden, Spiele ausdenken - und natürlich Dummheiten anstellen."

Kinder spielten große Rolle

Und noch ein weiterer Gedanke beschäftigt Spikins in Folge ihrer Forschungen. "Wir wissen, dass Neandertaler und moderne Menschen miteinander Kontakt hatten. Früher stellte ich mir diesen Kontakt immer zwischen erwachsenen Männern vor, mit Speeren in der Hand, bei dem Versuch, ein Übereinkommen auszuhandeln."

Doch bei Primaten und sogar bei anderen Säugetieren ist es vor allem der Nachwuchs, der ohne jede Vorurteile mit den Nachkommen anderer Spezies spielt - sogar, wenn die Erwachsenen dieser beiden Spezies sich üblicherweise meiden. "Kinder können bei diesen Kontakten zwischen Neandertalern und modernen Menschen eine viel größere Rolle gespielt haben, als wir uns bisher vorstellen konnten", vermutet Spikins. "Vielleicht waren ausgerechnet sie es, die loszogen, um mit den etwas seltsam aussehenden Kindern aus der Nachbarschaft zu spielen."

20 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Miere 29.04.2014
Sera fina 29.04.2014
münchen1975 30.04.2014
Olaf 30.04.2014
hydrocotyle 30.04.2014
münchen1975 30.04.2014
hydrocotyle 30.04.2014
münchen1975 01.05.2014
hirnschlacht 02.05.2014
hirnschlacht 02.05.2014
münchen1975 02.05.2014
hydrocotyle 02.05.2014
hydrocotyle 02.05.2014
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hydrocotyle 02.05.2014
hydrocotyle 02.05.2014
hydrocotyle 02.05.2014
spon-1246174521178 03.05.2014
Maria-Galeria 06.09.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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