Ausgegraben

Verräterische Spuren Aßen Neandertaler ihre Artgenossen?

M. D. Garralda

Die Spuren sind eindeutig: In einer französischen Höhle schabten Neandertaler ihren Toten das Fleisch von den Knochen. Kannibalismus ist eine Erklärung dafür - doch Forscher haben auch noch eine andere.

Es war ein Geben und Nehmen, das sich in einer Höhle in der französischen Region Poitou-Charentes im Moustérien-Zeitalter vor 57.000 Jahren abspielte. Neandertaler kamen nach der Jagd hierher, schlachteten das erlegte Wild, hauptsächlich Rentiere, und ließen die Knochen zurück. Wenn einer von ihnen starb, machten sich wiederum oft wilde Tiere über den Leichnam her - und ließen ebenfalls nur die Knochen zurück.

Was blieb, waren dicke Schichten durcheinandergewürfelter Knochen: Rentiere und Neandertaler, vermischt mit den typischen Steinwerkzeugen der damaligen Zeit. Doch drei Neandertaler-Knochenfragmente, die bei Ausgrabungen zwischen 1967 und 1980 in der Höhle geborgen wurden, erzählen eine andere Geschichte. Bei neuesten anthropologischen Untersuchungen wurde klar, dass sie nicht von Aasfressern abgenagt wurden. Denn Aasfresser benutzen kein Besteck. Oder, in diesem Fall, keine Steinwerkzeuge, um das Fleisch von den Knochen zu schaben.

Deutliche Schneidspuren

Im "American Journal of Physical Anthropology" beschreibt eine internationale Forschergruppe um María Dolores Garralda von der Universidad Complutense de Madrid die drei Fragmente. Ein Stück einer rechten Speiche sowie ein weiteres eines linken Wadenbeins stammen von Erwachsenen. Ein drittes Fragment, ein Stück Oberschenkelknochen, gehörte dagegen einem Kind.

Auf der Knochenoberfläche sind deutlich zwei Schneidspuren von Steinklingen zu erkennen, sie liegen etwa einen halben Zentimeter auseinander - kein Tier kann mit seinen Zähnen solche Ritzungen verursachen. Außerdem fehlen die beiden Enden des Knochens. Dort, wo das obere Gelenk saß, brach der Knochen unnatürlich - so, wie er nur unter Gewaltanwendung brechen kann. Das untere Ende brach spiralförmig - ebenfalls ein sicheren Zeichen dafür, dass menschliche Hände benutzt wurden. Ein Tiergebiss hätte diese Brüche nicht verursachen können - zumal auch keine Zahnspuren zu sehen sind. Die Art der Splitterung verrät außerdem, dass der Knochen noch frisch war, als er brach.

Ging es um wertvolles Knochenmark?

Auch an der Speiche machte sich jemand kurz nach dem Tod mit scharfen Steinwerkzeugen zu schaffen - und hinterließ dabei feine, sich kreuzende Ritzlinien. Am Wadenbein fanden die Forscher zwar keine Werkzeugspuren, doch auch ihm wurden beide Enden entfernt, als der Knochen noch frisch war. Wer auch immer die Knochen bearbeitete, hatte also zwei Dinge im Sinn. Zum einen das Fleisch sorgfältig abzuschaben. Und zum anderen das nahrhafte Knochenmark freizulegen.

Ganz überraschend kommen die Funde aus der französischen Höhle nicht: Auch in anderen Teilen Europas haben Neandertaler offenbar die Knochen ihrer Toten bearbeitet. Von Spanien im Westen bis Kroatien im Osten reichen die Hinweise, dass die Neandertaler ein Verhältnis zu ihren Toten hatten, das uns heute befremdlich vorkommt.

Doch was bedeuten die Spuren?

Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich sicherlich nicht wesentlich von den Schäden, welche die Neandertaler selbst an Rentierknochen hinterlassen haben, wenn sie die Tiere verspeisten. Aber müssen wir die französischen Höhlenbewohner deshalb gleich als Kannibalen abstempeln? "Die Spuren könnten auch zahlreiche andere Ursachen haben", schreiben die Forscher und warnen vor voreiligen Schlüssen. Es könnte sich auch "um Begräbnisrituale handeln, bei denen das Fleisch von den Knochen entfernt oder der Körper zerstückelt wurde."

Fotostrecke

7  Bilder
Umdenkprozess: Die Kunst der Neandertaler



Diskutieren Sie mit!
15 Leserkommentare
Emil Peisker 12.05.2015
kittekatz 12.05.2015
90-grad 12.05.2015
hemtech 12.05.2015
boingdil 12.05.2015
Eckensteher 12.05.2015
nomenestomen1 12.05.2015
nomenestomen1 12.05.2015
Ökofred 12.05.2015
wolle4711 12.05.2015
Senf-o-Mat 13.05.2015
fritze_bollmann 13.05.2015
kioto 13.05.2015
fragel 13.05.2015
minsch 13.05.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.