Eiszeit-Schmuck Neandertaler könnten Menschen kopiert haben 

Neandertaler und moderne Menschen standen anscheinend in kulturellem Austausch: Die Konkurrenten unserer Vorfahren haben sich die Kunst der Schmuckherstellung offenbar abgeschaut. Das schließen Forscher aus einer Neudatierung 40.000 Jahre alter Fundstücke.

dapd/ Marian Vanhaeren/ Francesco dErrico/ Michele Julien

Washington - Der Mensch und der Neandertaler, das ist eine interessante Beziehung. Beide stritten sich um die knappen Ressourcen, hatten aber auch Sex miteinander. Schließlich setzte sich aber Homo sapiens gegen Homo neanderthalensis durch.

Nun berichten Forscher über einen kulturellen Austausch unserer Vorfahren mit den sogenannten Eiszeitmenschen, die vor knapp 200.000 Jahren in Europa und Vorderasien lebten und vor rund 30.000 Jahren ausgestorben waren. Die Neandertaler haben sich womöglich die Kunst der Schmuckherstellung vom modernen Menschen abgeschaut, berichten Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Jean-Jacques Hublin und seine Kollegen hatten rund 40.000 Jahre alte Funde aus der Grotte du Renne in Frankreich neu datiert. Diese Höhle ist einer der wenigen Orte weltweit, an denen Schmuckstücke und Neandertalerfossilien eng beieinander gefunden wurden. Bisher war jedoch umstritten, ob dieser Schmuck von den Eiszeitmenschen stammt oder von den später in diese Gegend Europas eingewanderten modernen Menschen.

Nach Ansicht der Forscher sprechen Alter und Abfolge der Funde dafür, dass die Neandertaler die Schmuckherstellung kennenlernten, als sie mit den ersten modernen Menschen in Kontakt kamen. "Die Schmuckstücke entstanden zu einer Zeit, als der Homo sapiens schon im Süden Europas Fuß gefasst hatte", schreiben die Forscher. Die weiter nördlich lebenden letzten Neandertaler könnten daher durchaus Kulturtechniken und Verhaltensweisen von den Neuankömmlingen übernommen haben, bevor sie wenige Jahrtausende später endgültig ausstarben. "Sehr wahrscheinlich standen die beiden Menschengruppen vor mehr als 40.000 Jahren in kulturellem Austausch", sagt Hublin.

Ringe, Anhänger und Spangen aus Elfenbein

Lange Zeit galten Schmuck und Ornamente als Erfindung der ersten modernen Menschen. In den fünfiger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber wurden in der Grotte du Renne im französischen Burgund zahlreiche Neandertalerzähne gemeinsam mit einfachen Ringen, Anhängern und Spangen aus Elfenbein und anderen Materialien gefunden. Dies galt zunächst als Beleg dafür, dass auch die Eiszeitmenschen schon solche schmückenden Gegenstände herstellten. "Ob diese Schmuckstücke aber tatsächlich von den Neandertalern stammten, ist bis heute umstritten", schreiben die Wissenschaftler.

So wiesen britische Forscher im Jahr 2010 enorme Altersunterschiede zwischen den verschiedenen Fundstücken aus der sogenannten Châtelperronien-Schicht in der Grotte du Renne nach. Dies sprach ihrer Ansicht nach dafür, dass die Schmuckstücke von modernen Menschen stammten und erst nachträglich durch das Aufwühlen des Untergrunds mit den Neandertalerrelikten vermischt worden waren.

Um dies zu überprüfen, haben Hublin und seine Kollegen nun erneut Fundstücke aus der Châtelperronien-Schicht und den darüber und darunter liegenden Ablagerungen geborgen und mittels modernster Technologie datiert. Zudem bestimmen sie auch ein Neandertalerskelett, das im nahegelegenen Saint Césaire gefunden worden war. Für ihre Analyse extrahierten die Forscher das Kollagen aus den fossilen Knochenresten und führten damit eine Radiokarbonmessung durch. Bei einer solchen Messung wird das Verhältnis verschiedener Isotope des Kohlenstoffs in einer Probe untersucht. Da sich dieses im Laufe der Zeit verändert, können Forscher daraus auf das Alter kohlenstoffhaltiger Proben schließen.

Das Ergebnis: Die 31 Proben aus der Châtelperronien-Schicht waren alle zwischen 35.500 und knapp 41.000 Jahren alt. Ausreißer, die auf eine Vermischung der Schichten hindeuteten, habe es dagegen nicht gegeben, sagen die Forscher. Die Datierung des Neandertalerskeletts von Saint Césaire habe ein Alter zwischen rund 40.500 und 42.000 Jahren ergeben. Die Neandertaler lebten demnach zur Entstehungszeit der Schmuckstücke noch in der Gegend und könnten daher deren Schöpfer sein, wie die Wissenschaftler erklären.

hda/dapd

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