Stoßen oder Werfen Forscher rekonstruieren Neandertaler-Jagdtechnik

Funde belegen: Neandertaler brachten ihre Beute mit hölzernen Speeren zur Strecke. Aber wie nutzten sie die Waffen? Forscher haben die Jagdtechnik unserer muskulösen Verwandten experimentell nachgestellt.

Eduard Pop / MONREPOS Archaeological Research Centre and Museum for Human Behavioural Evolution / Römisch-Germanisches Zentralmuseum / Leibniz-Researchinstitute for Archaeology

Die Knochen der beiden Damhirsche sind 120.000 Jahre alt - schon länger gehen Archäologen davon aus, dass sie die ältesten eindeutigen Jagdverletzungen der Geschichte aufweisen. Nun hat sich ein internationales Forscherteam angeschaut, welche Aussagen sich aufgrund der Verletzungen über die Jagdtechnik der Neandertaler machen lassen. Die Studie wurde im Fachblatt "Nature Ecology and Evolution" veröffentlicht.

Die detaillierte Untersuchung zeigt, dass die Neandertaler die Tiere, die vor 120.000 Jahren in der Nähe des heutigen Halle (Saale) lebten, aus der Nähe töteten. Daraus leitet das Team um Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Monrepos-Forschungszentrum in Neuwied bei Koblenz Rückschlüsse auf die Organisation der damaligen Jäger ab.

Die Jagdszene spielte sich an einem kleinen umwaldeten See bei Neumark ab, einem Ortsteil der 25 Kilometer südlich von Halle gelegenen Stadt Braunsbedra. Damals, lange bevor Homo sapiens Europa erreichte, erlegten Jäger dort zwei Damhirsche der heute ausgestorbenen Art Dama dama geiselana.

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Neandertaler: Maler mit Muskeln

Deren Skelette wurden bei Ausgrabungen in den Achtziger- und Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts freigelegt und weisen Verletzungen am Becken und an einem Halswirbel auf. Die Größe und Form der Knochenwunden passen zum Aussehen alter hölzerner Speere, wie sie etwa in Schöningen bei Helmstedt - 300.000 Jahre alt - und in Lehringen bei Verden - gut 100.000 Jahre alt - gefunden wurden.

"Experimentelle Archäologie vom Feinsten"

In experimentellen Versuchen zeigen die Autoren, dass die Verletzungen durch einen hölzernen Speer entstanden, der langsam in Aufwärtsbewegung in das Tier gestoßen wurde. Die Neandertaler hätten den Speer also zumindest in diesem Fall nicht zum Werfen verwendet, sondern zum Stoßen, folgert das Team. Für diese Jagdform hätten sie sich dem Tier bis auf kurze Distanz nähern müssen, was sorgfältige Planung, Tarnung und ein enges Zusammenspiel zwischen den Jägern erfordert habe.

"Die Entdeckung von Jagdverletzungen aus dieser Zeit ist nicht besonders überraschend", schreibt Annemieke Milks vom University College London (UCL) in einem "Nature"-Kommentar. "Ungewöhnlich ist die Vollständigkeit der Perforationen, die die forensisch anmutende Nachstellung und die Analyse in dieser Studie erst ermöglicht hat."

Milks spricht von einer überzeugenden Studie, vor allem in Bezug auf die Beckenverletzung. "Die ballistische Arbeit ist experimentelle Archäologie vom Feinsten, die die Physik des Aufpralls mit den Bruchmustern am Knochen kombiniert." Allerdings glaubt sie, dass Neandertaler durchaus auch dazu fähig gewesen seien, Speere zu werfen: "Auch wenn die Beckenverletzung von Neumark-Nord überzeugend zeigt, dass Neandertaler Speerstoßen aus der Nähe als Taktik nutzten, beendet sie nicht die Diskussion darüber, ob Neandertaler auch warfen."

Von Walter Willems, dpa/joe



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