Kreative Neandertaler Kunst oder Keule

Bereits 20.000 Jahre, bevor der moderne Mensch nach Europa kam, produzierten Neandertaler hier Kunst. Der Befund ist eine wissenschaftliche Sensation, die Grenzen zu unserem archaischen Verwandten verschwimmen.

Breuil et al. (1913)

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Einem Forscherteam aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien ist es erstmals gelungen, stichhaltige Nachweise für künstlerische Tätigkeiten von Neandertalern zu erbringen. Die Ergebnisse ihrer Studien veröffentlichten sie in dieser Woche in zwei Artikeln in den Fachblättern "Science" und "Science Advances".

Den Studien liegen Neudatierungen und Analysen bekannter Funde zugrunde, die bisher dem modernen Menschen zugeschrieben wurden. Einzelne Forscher hatten in den letzten Jahren mehrfach behauptet, Indizien für eine Neandertaler-Urheberschaft von Höhlenmalereien und Schmuckgegenständen zu haben. Der Nachweis gelang bisher nicht.

Insbesondere Höhlenmalereien galten als Monopol des modernen Menschen und schienen eine Art kulturelle und intellektuelle Grenze zwischen uns und unseren Verwandten und Vorfahren zu ziehen. Denen die Fähigkeit zu solchen kreativen Akten zuzugestehen, bedeutet zugleich, ihnen Fähigkeiten im abstrakten, symbolischen Denken zuzutrauen - und damit zwangsläufig auch eine komplexe Sprache. Es würde Wesen, die bis heute viele Menschen eher für eine Art "Vormensch" halten, erheblich näher an uns heranrücken.

Wie gelang der Nachweis?

In drei Höhlen in den spanischen Regionen Kantabrien (Nordspanien, Gebiet um Santander), Maltravieso (Grenzgebiet zu Portugal, Höhe Lissabon) und Ardales (Andalusien, nahe Gibraltar) analysierten die Teams mithilfe der Uran-Thorium-Methode (U-Th) Höhlenmalereien.

Die vor rund 30 Jahren entwickelte U-Th-Methode ist eine Variante der radiometrischen Datierung, bei der der Zerfallsprozess radioaktiver Isotope gemessen wird. So lässt sich der Zeitpunkt bestimmen, zu dem diese Isotope in das untersuchte Material eingelagert wurden. Mit der U-Th-Methode lassen sich unter anderem auch die Alter von Kalkablagerungen bestimmen, wie man sie in Höhlen findet - vor allem aber reicht sie weiter zurück als die bekannte C14-Methode, die auf Kohlenstoffisotopen basiert.

Für die Analysen in Spanien entnahmen die Forscher sowohl Proben von den Oberflächen der bemalten Steine, als auch von den unterliegenden Schichten, um wahrscheinliche Mindest- und Höchstalter der Malereien zu erfassen. Das Ergebnis: Alle erwiesen sich als mindestens 64.000 Jahre alt.

Sie entstanden damit mehr als 20.000 Jahre, bevor der moderne Mensch nach Europa kam. In der südspanischen Cueva de los Aviones fanden die Forscher zudem zu gefärbtem Schmuck verarbeitete Muscheln und entsprechende Farbpigmentbehälter, die den Messungen zufolge bis zu 115.000 Jahre alt waren. In Europa ansässig war in diesem Zeitfenster nur der Neandertaler. Die Forscher sehen damit den Nachweis erbracht, dass der zu weit mehr fähig war, als ihm bisher zugestanden wurde.

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Neandertaler: Maler mit Muskeln

Der Neandertaler: Geschichte eines Missverständnisses

Als 1856 die ersten Neandertalerknochen in einem Steinbruch bei Düsseldorf gefunden und als Überreste von Frühmenschen erkannt wurden, beflügelte das die Fantasien der Zeit. In unzähligen Karikaturen erlebte der "Höhlenmensch" seine ersten Rekonstruktionen: Affenartig gekrümmt gehend, behaart und mit wulstigen Augenbrauen schwang er allenfalls Keulen und bedeckte seine Scham mit Lappen von Tierfell. Ansonsten war er offensichtlich selbst mehr Tier als Mensch.

Die menschliche Evolution konnte man sich damals nur als hierarchischen Aufstieg vorstellen. Was vor uns lebte, musste in dieser Logik "primitiver" gewesen sein. Der Neandertaler wurde in der populären Vorstellung zum Prototyp des primitiven Menschen, zum Zwischending zwischen Affe und uns.

160 Jahre später wissen wir, wie falsch diese noch immer nachwirkende Vorstellung ist. Neandertaler, so sagt man, würden entsprechend gekleidet auch im Straßenbild der modernen Welt kaum auffallen. Die Sequenzierung unserer Genome hat zweifelsfrei bewiesen, dass sich unsere Arten auch vermischten - in jedem von uns steckt ein Stück Neandertaler.

So sind die meisten klaren Unterschiede zu uns anatomisch: Die Beine des Neandertalers waren etwas kürzer, die Schultern breiter, Arme und Brustkorb mächtiger. Auch sein Gehirn war größer als unseres.

Und sonst? Er pflegte seine Kranken, kümmerte sich um den Nachwuchs, produzierte Werkzeuge, Waffen und Kleidung und begrub wohl auch seine Toten. Behauptungen, die Neandertalern Körperbemalung, den Einsatz von Schmuckfedern und die Produktion von Ketten aus Adlerklauen zusprachen, blieben umstritten.

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Denn was den Neandertaler in den Augen vieler Forscher noch immer vom modernen Menschen unterscheidet, war eine angeblich weniger reichhaltige, fortgeschrittene Kultur mit Malerei und Musik, mit Schmuck und anderen Dingen, die einfach nur die Freude am Schönen bezeugen oder symbolische Botschaften tragen.

Was heißt das alles?

"Die Entstehung der symbolisch-materiellen Kultur ist eine fundamentale Schwelle im Laufe der menschlichen Evolution. Sie ist eine der tragenden Säulen dessen, was uns zum Menschen macht", sagt dazu Studienautor Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Objekte, deren funktioneller Wert nicht so sehr in ihrer praktischen, sondern in ihrer symbolischen Verwendung liegt, repräsentieren fundamentale Aspekte menschlicher Wahrnehmung und menschlichen Denkens, so wie wir sie heute kennen."

Wenn solche Dinge nicht einmalig produziert werden, sondern in langer Tradition, die über viele Jahre weitergegeben wird, dann ist die Grundbedingung dafür auch eine komplexe Sprache. In einer der spanischen Höhlen malten Neandertaler ihre Bilder offenbar über einen Zeitraum von 25.000 Jahren. Viel mehr Tradition geht nicht.

Die mit Pigmenten gefärbten, mit Löchern versehenen Schmuckmuscheln fanden die Forscherteams sogar in Kalkablagerungen, die auf ein Alter von 115.000 Jahren datiert werden konnten. Das ist aus einem einfachen Grund fast noch sensationeller als der Nachweis, dass Neandertaler malten: Die Schmuckfunde sind deutlich älter als vergleichbare, dem modernen Menschen zugeordnete Funde in Afrika, dem Ursprungsgebiet der Menschheit.

Neandertaler dachten wie wir

Und das lässt weitreichende Schlüsse zu: "Unseren neuen Daten zufolge konnten auch Neandertaler symbolisch denken und waren kognitiv nicht vom modernen Menschen zu unterscheiden", sagt João Zilhão, Forscher an der Catalan Institution for Research and Advanced Studies und der Universität Barcelona, der an beiden Studien beteiligt war.

Da moderne Menschen (Homo sapiens sapiens) aber keine Nachfahren von Neandertalern sind, sondern eher deren jüngere Cousins, kann diese Fähigkeit kein Erbe sein, das vom Älteren zum Jüngeren weitergegeben wurde. Sie muss auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen. Das aber verschiebt den Zeitpunkt, zu dem Menschen die Ansätze zu Intellekt, Sprache und abstraktem Denken entwickelten, um mehrere Hunderttausend Jahre in der Zeit: Die Entwicklungslinien von Homo sapiens und Homo neandertalensis trennten sich vor rund 500.000 Jahren.

João Zilhão: "Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen müssen wir deshalb viel weiter in unsere Vergangenheit zurückblicken: Mehr als eine halbe Million Jahre, auf den gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen."



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