Indizienbeweis Neandertaler beherrschten das Feuermachen

Feuer zu nutzen ist eine Sache - es zu erzeugen eine andere: Letzteres galt bei Neandertalern bisher als unsicher, weil man ihre "Feuerzeuge" nie fand. Doch offenbar brauchten sie auch keine.

Neandertaler (künstlerische Rekonstruktion)
DPA

Neandertaler (künstlerische Rekonstruktion)


Ein internationales Forscherteam führt aktuell einen Indizienbeweis für die These, dass Neandertaler doch in der Lage waren, selbst Feuer zu entfachen. Es wäre eine weitere Kulturtechnik, die man den wohl engsten Verwandten des modernen Menschen lange Zeit nicht zutraute, die sie mit einiger Wahrscheinlichkeit aber durchaus beherrschten.

In den vergangenen Jahren entdeckte man eine Vielzahl von Hinweisen dafür, dass die vermeintlich primitiven Neandertaler genau das absolut nicht waren: Diskutierte man noch vor wenigen Jahrzehnten ernsthaft darüber, ob und in welchem Maße man Neandertalern auch nur eine Sprachfähigkeit zutrauen könne, spricht man heute über ihre Errungenschaften als Kleider- und Schmuckmacher, ihre kulturellen Errungenschaften von Krankenpflege bis hin zu Höhlenmalereien. Sogar über die Möglichkeit, dass sie in der Lage waren, sich mit Booten über Wasser zu bewegen, wird debattiert - Neandertal-Funde auf Inseln legen das nahe.

Die Sache mit dem Feuer: Macher oder Sammler?

Am Lagerfeuer, diesem leuchtenden Fanal der Menschwerdung, saßen unsere Vorfahren und Vettern wohl schon lang vor Neandertaler-Zeiten - über 1,7 Millionen Jahre alt sind die ältesten, als gesichert geltenden Feuerstellen. Selbst für Zeiten davor gibt es Indizien für Feuernutzung, doch die sind stark umstritten.

Dass auch der recht moderne Neandertaler das Feuer zu nutzen wusste, wurde schon bald nach seiner Entdeckung klar, zahlreiche Feuerstellen sind belegt. An einigen nutzten Neandertaler offenbar sogar mineralische Beimischungen wie Mangandioxid, um das Entflammen von Zunder zu erleichtern.

Was man allerdings niemals fand, waren Feuersteinwerkzeuge zur Erzeugung von Funken, wie man sie von späteren Lagerstellen des Homo sapiens her kennt. Darum hielt man Neandertaler - ähnlich wie den noch älteren Menschen-Vorfahren Homo erectus - eher für einen Feuer-Finder und Hüter.

Fotostrecke

9  Bilder
Neandertaler: Maler mit Muskeln

"Am Anfang war das Feuer"

1981 setzte der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud diese Vorstellung in seinem Film "Am Anfang war das Feuer" perfekt ins Bild: Da wird ein Neandertaler-Stamm von Homo erectus überfallen und verliert dabei sein Feuer, das er auf Wanderungen in Form von Glut bewahrt.

Die glimmt auf einem Moosbett, das ein Feuerhüter in einem Ledersack trägt. Als der im Wasser landet, steht der Stamm vor der Katastrophe: Ohne Blitzschlag, Waldbrand oder andere natürliche Quellen weiß er nicht, wie er Feuer produzieren soll. Im Film lernt er das dann vom Homo sapiens - und erlebt das Entzünden der Flamme als magisch anmutenden technologischen Akt einer vermeintlich überlegenen Art Mensch.

Doch dieses Bild vom Feuer-Wiederentfacher, der dem technologisch versierteren Menschen nur mit Staunen begegnen kann, entsprach wohl nicht der Realität. Forscher der Universität Leiden führen eine Art indirekten Beweis dafür, dass Neandertaler sehr wohl ihr eigenes Feuer entfachen konnten - und sie brauchten dafür keine speziellen Werkzeuge, schreiben die Forscher im Fachblatt "Scientific Reports".

Die Axt - das "Schweizer Taschenmesser" der Neandertaler?

Sie nutzten stattdessen Mehrzweckwerkzeuge, glaubt Studienautor Andrew Sorensen: Sein niederländisch-belgisch-französisches Archäologenteam produzierte Repliken von eingehend analysierten Neandertal-Steinwerkzeugen und erprobte diese in verschiedenen Nutzungen.

An manchen originalen Werkzeugen hatte man Spuren anderer Minerale gefunden. Diese, wiesen die Forscher mit ihren Werkzeugkopien nach, ließen sich nicht reproduzieren, indem man die Werkzeuge für ihre offenkundige Primärnutzung gebrauchte (schlagen, Fleisch schneiden etc.).

Anders sah das jedoch aus, wenn man die Steinwerkzeuge vermeintlich "zweckentfremdete", um mit ihrer Hilfe Funken aus einem Pyrit zu schlagen - eine der archaischsten Methoden, Feuer zu entfachen. Nur dann ergaben sich auf der Oberfläche der benutzten Feuersteine ähnliche Gebrauchsspuren und mineralische Ablagerungen, wie man sie bei den Originalwerkzeugen der Neandertaler gefunden hatte.

Im Video: Höhlenkunst stellt alte Erkenntnisse infrage

REUTERS

Dass man dies bisher nicht erkannte, erklären die Forscher mit der Macht der Vorerwartung: Bisher hatten steinzeitliche "Feuerzeuge" alle eine recht spezifische Form, die bei Neandertaler-Werkzeugen jedoch nicht zu finden ist. Dazu kommt, dass die bisher gefundenen Zündhilfen offenbar nur zu diesem Zweck gebraucht wurden.

Die Neandertaler-Werkzeuge, an denen man die aussagekräftigen Mineral- und Nutzungsspuren fand, galten bisher jedoch als "Äxte" - damit hatte man festgelegt, wofür sie gebraucht wurden, ohne auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

In Wahrheit, glauben die Autoren der Studie, waren diese Faustkeile und Axtköpfe aber wohl Universalwerkzeuge, die von ihren Machern für alle nur denkbaren Zwecke eingesetzt wurden - vom Er- und Zerlegen von Beutetieren bis hin zum Feuermachen.

Es wäre ja auch Pragmatismus pur gewesen: Wozu mühselig Feuerzeuge produzieren, wenn sich mit einer Axt sowohl ein Hirsch zerlegen lässt, als auch das Feuer entfacht werden kann, auf dem das Fleisch dann gegrillt wird?

pat



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.