Negative Erinnerungen Hirn beim Verdrängen beobachtet

Gibt es Verdrängung, das Wegschieben unangenehmer Erinnerungen? Seit mehr als 100 Jahren streiten die Gelehrten darüber. Mit einem Blick ins Hirn wollen Psychologen nun den nötigen Mechanismus nachgewiesen haben - und halten ihn gar für überlebenswichtig.

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"Verdrängung", das ist ein psychologischer Kampfbegriff. Seit Sigmund Freud vor mehr als 100 Jahren zum ersten Mal die These aufstellte, dass wir Dinge aus unserem Bewusstsein schieben können, die dann im Untergrund lauern und womöglich in anderer Form wieder an die Oberfläche kriechen, streiten die Gelehrten: Geht das wirklich, Erinnerungen zu verdrängen?

Verdrängung im Gehirn: Die Aktivierungen (oben) zeigen die beteiligten Regionen im Frontalkortex, die mittlere Reihe zeigt Bereiche, die mit der visuellen Darstellung von Erinnerungen zu tun haben, unten sind unterdrückte Bereiche markiert, die mit Gedächtnisprozessen und emotionaler Bewertung zusammenhängen
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Verdrängung im Gehirn: Die Aktivierungen (oben) zeigen die beteiligten Regionen im Frontalkortex, die mittlere Reihe zeigt Bereiche, die mit der visuellen Darstellung von Erinnerungen zu tun haben, unten sind unterdrückte Bereiche markiert, die mit Gedächtnisprozessen und emotionaler Bewertung zusammenhängen

Bis heute gibt es erbitterte Grabenkämpfe zwischen jenen Wissenschaftlern, die an die Macht verdrängter Erinnerungen glauben, und solchen, die sie bezweifeln. Nun will ein Forscherteam aus den USA buchstäblich gezeigt haben, wo Verdrängung stattfindet - mit einem Blick ins Gehirn. Das berichten sie in der Wissenschaftszeitschrift "Science" (Bd. 317, S. 215).

Brendan Depue von der Universtity of Colorado und seine Kollegen zeigten ihren Versuchspersonen dazu in einem Experiment Bild-Paare: Seite an Seite sahen die Probanden Fotos von menschlichen Gesichtern und unangenehme Fotos - von Unfallszenen, verwundeten Soldaten oder elektrischen Stühlen. Im Anschluss wurden die Versuchspersonen in einen Magnetresonanzscanner geschoben und sahen nur noch die Personenporträts. Eine Hälfte der Gruppe wurde gebeten, sich an die jeweils zuvor mit diesen zusammen gesehenen unangenehmen Bilder zu erinnern - die andere Hälfte bekam hingegen den Auftrag, die unangenehmen Erinnerungen zu unterdrücken.

Die Bilder aus dem Scanner zeigten einen zweistufigen Prozess, gesteuert vom sogenannten präfrontalen Kortex, also dem Teil unseres Gehirns, der direkt hinter der Stirn sitzt. Zunächst gingen von dort Signale aus, die sensorische Aspekte der Erinnerung unterdrückten, also die Bildeindrücke selbst. Dann schickte ein anderer Teil des präfrontalen Kortex Hemm-Signale an Regionen, die mit dem Gedächtnis an sich zu tun haben, und in Bereiche, die an der emotionalen Bewertung von Erinnerungen beteiligt sind.

"Wir haben in dieser Studie gezeigt, dass Menschen die Fähigkeit haben, spezifische Erinnerungen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu unterdrücken, wenn sie dies wiederholt üben", erklärt Depue die Ergebnisse. Indem sie "spezifische Teile des Gehirns gewissermaßen ausschalteten", sei es den Versuchspersonen gelungen, bestimmte Erinnerungen gezielt zu blockieren.

Verdrängen statt verhungern?

Der präfrontale Kortex, von dem die Verdrängungs-Befehle ausgingen, ist einer der jüngsten Teile des menschlichen Gehirns, er hat sich im Laufe der Evolution erst sehr spät entwickelt. Er gilt als Sitz vieler Eigenschaften und Fähigkeiten, die den Menschen erst zum Menschen machen - wie Planung, bewusste Kontrolle über das eigene Verhalten und sogar das Formulieren moralischer Urteile.

Depue hat eine evolutionäre Theorie darüber, warum der Mensch das Verdrängen gelernt haben könnte: um Steinzeit-Jäger vor ständigen traumatischen Erinnerungen an fürchterliche Ereignisse zu bewahren. Ein Jäger, der ständig daran denken musste, dass er kürzlich nur knapp einem Raubtier entronnen ist, "hätte unter diesen Erinnerungen so leiden können, dass er aufgehört hätte zu jagen, und dann wäre er verhungert". Verdrängen statt verhungern also.

Generell sehen Depue und seine Kollegen den beschriebenen Prozess durchaus positiv - vielleicht könne man die neuen Erkenntnisse eines Tages einsetzen, um Menschen zu helfen, die sich ständig an Dinge erinnern müssen, die sie allzu gern vergessen möchten. Patienten, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden - etwa Soldaten nach Kriegseinsätzen oder auch Unfallopfer - werden oft von Flashback-artigen, äußerst unangenehmen Erinnerungen an ihre Erlebnisse heimgesucht. Vielleicht, hofft Depue, könnte solchen Menschen mit Therapieansätzen oder Medikamenten geholfen werden, die direkt den Verdrängungsweg angehen. Nun sei er erstmals so konkret beschrieben worden.

Der Streit über das Thema Verdrängung wird mit der Studie allerdings ganz sicher nicht beigelegt werden. Wie unser Gedächtnis genau funktioniert, ist immer noch in vielen Punkten völlig ungeklärt - und die Erinnerung an ein kurz zuvor gesehenes unangenehmes Bild ist kaum vergleichbar mit der komplexen Zusammensetzung einer episodischen Erinnerung an ein Lebensereignis. Auch Depue ist das durchaus klar. Man habe nun "neurale Mechanismen" identifiziert, die mit derartigen Prozessen zusammenhingen, sagt der Psychologe, aber "die Debatte über verdrängte Erinnerungen wird in meiner eigenen Lebensspanne nicht gelöst werden".



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