Netzwerkforschung So tickt das Wir

Von Max Rauner

3. Teil: Finanzwelt als Spielwiese der Netzwerkforscher


Die Finanzwelt ist derzeit die größte Spielwiese der Netzwerkforscher. Hier finden sie Unmengen an Daten vor, ein Geflecht von Beziehungen und eine sanierungsbedürftige Wissenschaft. Die orthodoxe Finanzmarkttheorie rechnet bislang mit mathematischen Modellen, in denen Aktienhändler, Banken oder Unternehmen durch Vertreter ersetzt werden, "repräsentative Agenten" genannt. Außerdem sehen die Modelle keine großen Kurssprünge vor, die Wissenschaftler rechnen mit einer Normalverteilung. Dumm nur, dass die Börse nicht normal ist.

Statt repräsentativer Agenten treten in Bouchauds Simulationen Tausende von Händlern auf, die an der Börse aktiv sind. Jeder wird von der Meinung der Mehrheit beeinflusst - der Herdentrieb -, außerdem passt er seine Handelsstrategie der Entwicklung von Inflation, Zinsen und Wechselkursen an. Obwohl diese sich nur langsam verändern, treten im Modell starke Kurssprünge auf. Potenzgesetz statt Normalverteilung. "Das Modell ist stark vereinfacht", gibt Bouchaud zu, "aber die Ähnlichkeiten mit den Spekulationsblasen sind offensichtlich."

Thomas Lux hat mit ähnlichen Methoden das Auf und Ab von Stimmungsbarometern simuliert. Mit solchen Expertenumfragen versuchen die großen Wirtschaftsinstitute in Deutschland regelmäßig, die Zukunft vorherzusagen. Meistens liegen sie daneben, und Lux glaubt jetzt auch zu verstehen, warum. Sein Modell zeigt die Rückkopplung der Mehrheitsmeinung mit der des einzelnen Experten - diese verstärkt den Herdeneffekt. Als nächstes will Lux soziale Netzwerke in sein Modell integrieren, denn Aktienhändler, sagt er, "gehen auch mal nach Börsenschluss einen trinken und tauschen dann Informationen und Gerüchte aus". Wahrscheinlich beeinflussen diese Gerüchte auch den nächsten Broker und den übernächsten. Der Investment-Unternehmer Warren Buffett formulierte es in seinem diesjährigen Aktionärsbrief so: "(Markt-)Teilnehmer, die Ärger aus dem Weg gehen wollen, stehen vor dem gleichen Problem wie jemand, der sich vor Geschlechtskrankheiten fürchtet. Es geht nicht nur darum, mit wem sie selbst schlafen, sondern auch darum, mit wem die anderen schlafen."

Vorhersage von Börsencrashs

Sozialphysiker an der ETH Zürich wagen sich nun am weitesten vor. Dort hat Didier Sornette ein "Financial Crises Observatory" gegründet und am 1. November ein Experiment zur Vorhersage von Spekulationsblasen gestartet. Sornette hat früher untersucht, wie Treibstofftanks der "Ariane"-Rakete zerbersten, wenn der Druck zu sehr ansteigt. Kurz vor dem Brechen knistert und knackt der Tank, je mehr Druck, desto lauter. Die Energie dieser Schallwellen, stellte Sornette fest, lässt sich - da war es wieder - mit einem Potenzgesetz beschreiben. Nun versucht er, Börsencrashs ähnlich vorherzusagen wie damals die Materialermüdung: indem er die Kurse statistisch analysiert und nach der Potenzstatistik Ausschau hält.

Manchmal lag er damit schon richtig. Im Juni prophezeite Sornette den Absturz des Shanghai Composite Index, des wichtigsten Aktienindex Chinas, für Ende Juli. Das stimmte nicht ganz, aber am 4. August ging der Index tatsächlich in den Sinkflug über und verlor bis zum 31. August mehr als 20 Prozent. Mit anderen Prognosen lag Sornette schon daneben, Thomas Lux findet dessen Methode "nicht wirklich überzeugend ". Außerdem könnten solche Vorhersagen den Crash erst auslösen. Sornette stellt seine Prognosen daher nun verschlüsselt ins Netz, mit drei Vorhersagen hat er begonnen ( arxiv.org/abs/0911.0454). Am 1. Mai 2010 will er den digitalen Schlüssel veröffentlichen, dann wird sich zeigen, ob er richtig lag.

Ob die Sozialphysik für eine Revolution taugt, steht damit freilich nicht fest. "Das große Projekt des 21. Jahrhunderts fängt gerade erst an", sagt der Mediziner Christakis. "In den vergangenen vier Jahrhunderten haben wir das Leben zerlegt in Organe, dann Zellen, dann Moleküle, dann Gene. Wir haben alles erfunden, vom Mikroskop bis zum Teilchenbeschleuniger. Jetzt fügen wir die Teile wieder zusammen."

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
grummeln, 26.12.2009
1. komisch
Zitat von sysopWie entsteht Börsenpanik - wie Nächstenliebe? Netzwerkforscher wollen die Gesellschaft verstehen, indem sie unsere Verbindungen erforschen. Sie sammeln digitale Spuren, die wir täglich hinterlassen, und stellen nun fest: Viele scheinbar komplexe Phänomene folgen einem verblüffend einfachen Gesetz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,666614,00.html
"Die Forscher hatten mit einem statistischen Durcheinander gerechnet. Doch dann stellten sie fest, dass dieses Verhalten einer einfachen Regel folgte: Die Anzahl derjenigen, die eine bestimmte Strecke am Tag reisen, nimmt mit zunehmender Reisestrecke ähnlich ab wie die Schwerkraft, wenn man sich von der Erde entfernt - Potenzgesetz, Mathematik achte Klasse. "Das hat uns alle überrascht ", sagt Brockmann" Soso, der Herr Professor war davon überrascht, dass die Menschen wesentlich häufiger die 5km zur Arbeit fahren, als die 2.000km in den Urlaub fliegen.... Sowas aber auch, wer konnte damit schon rechnen....
yast2000 26.12.2009
2. Wow! Das ist also heute Wissenschaft?
Zitat von sysopWie entsteht Börsenpanik - wie Nächstenliebe? Netzwerkforscher wollen die Gesellschaft verstehen, indem sie unsere Verbindungen erforschen. Sie sammeln digitale Spuren, die wir täglich hinterlassen, und stellen nun fest: Viele scheinbar komplexe Phänomene folgen einem verblüffend einfachen Gesetz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,666614,00.html
Kleine Jungs im Sandkasten bauen sich eine Burg und halten diese für die Welt? Der Dollarschein hat jetzt schon selbst eine Seele? Wenn ich Hype's untersuche, erzeuge ich erst einmal selbst einen? Herzlichen Glückwunsch! Jeder pubertierende Teenager hat vermutlich mehr zur Welt zu sagen...
lumba-lumba 26.12.2009
3. der Nutzen entsteht erst auf dem 2. Blick
es wird bei alldem zunächst nichts greifbares rauskommen, genausowenig wie bei flügelschlagenden Chaos-Schmetterlingen, inversen Fuzzylogic-Pendeln, neuronalen Supercomputern, revolutionären Nanoröhren oder Klimaforschungsmodellen... trotzdem machen solche Themen Spass und halten das wissenschaftliche Interesse wach... der ein oder andere Schüler wird daraufhin seine Freude an den Natur- und Ingenieurswissenschaften entdecken und später als Biotechnologe, Physiker, Hard- oder Softwareentwickler oder Projektmanager der Gesellschaft ein mehrfaches zurückgeben, als diese Spielereien zunächst kosten... darum finde ich das eigentlich ganz gut
kdshp 26.12.2009
4. aw
Zitat von sysopWie entsteht Börsenpanik - wie Nächstenliebe? Netzwerkforscher wollen die Gesellschaft verstehen, indem sie unsere Verbindungen erforschen. Sie sammeln digitale Spuren, die wir täglich hinterlassen, und stellen nun fest: Viele scheinbar komplexe Phänomene folgen einem verblüffend einfachen Gesetz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,666614,00.html
Hallo, warum sollten sie das nicht tuen ? Komische sache der bericht wäre so wie die feststellung das fische um an die quelle des flusses zu kommen gegen den strom schwimmen müssen. Oder das wenn alle um 16 uhr feierabend haben um 16.30 stau ist also diese ganze forschung geht oft von viel zu hohen erwartungen aus und mein gott wir menschen sind nun mal alle nicht so verschieden wie wir es gerne hätten. Übrings so berichte/forschungen folgen auch einfachen gesetzmäßigkeiten !
abita 26.12.2009
5. Wie bitte?
Zitat von sysopWie entsteht Börsenpanik - wie Nächstenliebe? Netzwerkforscher wollen die Gesellschaft verstehen, indem sie unsere Verbindungen erforschen. Sie sammeln digitale Spuren, die wir täglich hinterlassen, und stellen nun fest: Viele scheinbar komplexe Phänomene folgen einem verblüffend einfachen Gesetz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,666614,00.html
Donnerwetter, jetzt werden sogar Hubs als quasi neuronale Netzwerke umfunktioniert. Dieser ganze Aufwand ist doch für die Katz. Das kommt mir vor wie in der Schule, wo der Lehrer das Kind eines Meinungsforschers fragt, wieviel 2+2 sei. Antwort: "Wollen Sie den Trend, eine Hochrechnung oder das amtliche Endergebnis?" Und dafür wird auch noch Geld ausgegeben.
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